Künstliche Befruchtung: Arzt soll eigenes Sperma verwendet haben

8. November 2016, 08:00
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Betroffene haben in Kanada Zivilklage eingereicht. Bereits vor drei Jahren hatte der einst bewunderte Arzt Samenspenden verwechselt

Die ersten fünfundzwanzig Jahre ihres Lebens glaubte die Kanadierin Rebecca Dixon aus Ottawa, sie sei die leibliche Tochter ihrer Eltern, geboren nach einer künstlichen Befruchtung. Sie glich ihnen zwar äußerlich nicht. "Als ich jünger war, wurde ich oft gefragt, ob ich adoptiert sei", erzählte sie dem TV-Sender CBC. Aber das hat sie stets belustigt – bis sich plötzlich alles schlagartig änderte: Sie fand heraus, dass ihr Vater um seine Vaterschaft betrogen wurde.

Ihre Eltern entdeckten, dass ohne ihr Wissen ein fremder Samenspender bei Rebekkas Zeugung mitgewirkt hatte. Sie vermuten, dass es der Spezialist selbst ist, der 1989 bei der künstlichen Befruchtung von Rebecca Dixons Mutter half. So steht es in der Zivilklage, die Davina und Daniel Dixon vor wenigen Tagen gegen den kanadischen Arzt Norman Barwin eingereicht haben. In der Klage wird behauptet, Barwin habe anstelle des Samens von Daniel Dixon seinen eigenen Samen für die Befruchtung genommen.

Falsche Augenfarbe

Die ersten Zweifel hatten sich in Rebeccas Eltern geregt, als sie in einem Facebook-Eintrag lasen, dass Eltern mit blauen Augen wie die ihren mit höchster Wahrscheinlichkeit kein Kind mit braunen Augen haben können. Rebeccas Augen sind braun. Der Hausarzt der Dixons riet zu einem Bluttest. Das Resultat schockierte die Familie: Laut der Zivilklage ist Rebecca Dixons Blutgruppe 0 positiv, Daniel Dixons Blutgruppe dagegen AB. Männer mit der Blutgruppe AB können aber nicht Kinder mit der Blutgruppe 0 positiv zeugen. In der Folge schloss ein Vaterschaftstest Daniel Dixon definitiv als biologischen Vater aus.

Rebecca Dixons DNA wurde darauf mit der einer anderen Frau, der 25-jährigen Kat Palmer, verglichen, deren Eltern dieselbe Fruchtbarkeitsklinik besucht hatten. In den Klagsdokumenten heißt es, Norman Barwin habe Kat Palmer in einer Mail im Oktober 2015 gestanden, ihr biologischer Vater zu sein. DNA-Tests hätten ergeben, dass Kat Palmer und Rebecca Dixon denselben biologischen Vater haben. Jetzt verlangt der Anwalt der Dixons einen Vaterschaftstest von Barwin.

Norman Barwin, Anfang siebzig, war einst ein bewunderter Arzt, der sich auf künstliche Befruchtung spezialisierte. Er war Träger des Order of Canada, der höchsten Auszeichnung für Zivilpersonen. Barwin stand im Ruf, auch arme und Patientinnen aus Randgruppen zu behandeln, und er setzte sich für das Recht von Frauen auf Abtreibung ein.

Samenspenden verwechselt

Die Zivilklage der Dixons muss noch von einem Richter zugelassen werden. Es ist jedoch nicht das erste Mal, dass Barwin für Negativschlagzeilen sorgt. Vor drei Jahren musste er vor einem ärztlichen Ausschuss zugeben, dreimal Samenspenden verwechselt zu haben. Die betroffenen Kinder werden nie wissen, wer ihr biologischer Vater ist. Barwin wurde für zwei Monate als Arzt suspendiert und musste eine Buße von umgerechnet 2.400 Euro bezahlen.

Diesmal wollen die Geschädigten jedoch eine Sammelklage gegen ihn durchsetzen. Peter Cronyn, der Anwalt der Dixons, sagte, dass die beiden betroffenen jungen Frauen sich zwar freuten, dass sie sich als Halbschwestern gefunden hätten: "Aber es gibt hier so viele Aspekte, die problematisch sind." (Bernadette Calonego aus Vancouver, 8.11.2016)

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