"Noch vor zehn Jahren waren die Menschen anders"

Interview8. November 2016, 05:30
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Mitmachen am Theater boomt. Auch "Das Mädchen mit den Schwefelhölzchen" am Volkstheater entsteht mit Beteiligung. Constance Cauers und Salome Schneebeli über ihre Arbeit mit Laien

STANDARD: Sie sind im Vorjahr mit dem "Jungen Volkstheater" gestartet. Das Burgtheater hat mit einer ähnlichen Konzeption nachgelegt. Abgekupfert?

Cauers: Es ist unumstößlich, dass sich Theater mehr für partizipative Formate öffnen müssen. Das sollte über vermittelnde Formate hinausgehen. Es funktioniert über das Sicheinbringen.

STANDARD: Ist der Begriff "Junges Volkstheater" nicht irreführend? Er adressiert ja nicht nur junge Leute.

Cauers: Ich sehe das im Sinne von Nachwuchs am Theater – und da ist es egal, wie alt man ist, finde ich. Wir wünschen uns aber auch ein junges Publikum. Bei den meisten unserer Spieltriebe-Spielclub-Abende liegt das Alter zwischen 16 und 26 Jahren.

STANDARD: "Beteiligung" ist heute ein Zauberwort. Jeder soll und kann überall mitmachen. Was hat es mit dem Trend auf sich?

Schneebeli: Ich denke, das Sichbeteiligen hat sich in den letzten Jahren enorm gewandelt. Das hat durch die medialen Errungenschaften ganz neue Formen angenommen. Man kann sich heute alles Mögliche so semifreddo aneignen, sich Platz einräumen auf Youtube oder so. Diese neue Selbstverständlichkeit merke ich ganz stark in meiner Arbeit mit Laien. Noch vor zehn Jahren waren die Menschen anders, ihr Selbstverständnis hat sich geändert. Zum anderen ist das Sicheinbringen auch ein Ersatz für alte Beteiligungsformen wie zum Beispiel in der Familie oder in der Kirche, um es ganz überspitzt zu sagen. Viele solche Gemeinschaften gibt es nicht mehr.

STANDARD: Warum haben Sie Hans Christian Andersens Märchen ausgewählt?

Schneebeli: Ein Märchen aufzugreifen, in dem ein Kind in den Tod geht, weil andere wegschauen, finde ich angesichts der weltpolitischen Lage naheliegend.

STANDARD: Sie haben eine musikalische Choreografie erarbeitet. Warum ist der Tanz hier die bessere Ausdrucksmöglichkeit? Weil es ein schwerer Stoff ist?

Schneebeli: Vielleicht, ja. Dort, wo Worte nicht mehr hinreichen, beginnt der Tanz. Das Mädchen träumt sich ja woanders hin, das lässt sich gut über Bewegung erzählen.

Cauers: Wobei wir – apropos schwerer Stoff – junge Menschen da oft unterschätzen. In den Gesprächen waren wir immer wieder verblüfft, worüber die sich Gedanken machen. Wichtig ist mir auch zu zeigen, dass Theater nicht, wie landläufig angenommen, ein Verkleidungsevent ist, bei dem man mit Maske und Kostüm ganz jemand anderer sein soll. Es geht im Gegenteil sehr wohl darum, das eigene Menschsein einzubringen.

STANDARD: Es sind auch Ensemblemitglieder dabei. Was war dabei der Gedanke?

Cauers: Ich finde es interessant zu sehen, was Nichtprofis in so einem Prozess dazugeben können. Ich habe die Schauspieler als sehr glücklich erlebt, weil von den Kindern so viel Energie kommt.

Schneebeli: In dieser auch altersmäßigen Durchmischung kann man gut voneinander lernen. Man bricht als Künstler in solchen hybriden Konstellationen bereitwilliger mit eigenen Mustern.

Cauers: Wir bedienen aber nicht den Trend, der da heute lautet, nehmen wir noch ein paar Laien dazu, das macht die Sache spannender. Es muss einen Mehrwert haben! Welchen Blick haben Kinder auf den Tod, das Leben, auf das Leben nach dem Tod, welche Träume haben sie? Die kindliche Fantasie birgt etwas ganz Eigenes, das wir als Erwachsene nicht erfinden können.

STANDARD: Sie, Frau Cauers, haben an vielen Häusern als Theaterpädagogin gearbeitet. Was sind Ihre Erfahrungen?

Cauers: Der Bereich ist in den letzten Jahren unglaublich gewachsen. Es gibt ja heute schon viele Theaterformate, die von sich aus partizipativ sind, siehe Volker Lösch oder Rimini-Protokoll. Das heißt, die Grenzen zwischen Theaterpädagogik und Kunst verschwimmen ein wenig. In Hamburg war meine Aufgabe recht einfach, da war Theater Schulfach.

STANDARD: Ein verpflichtender Unterrichtsgegenstand?

Cauers: Ja! Es war deshalb einfach, in den Schulen anzudocken. Das ist hier in Wien viel schwieriger. Das Mädchen mit den Schwefelhözchen ist als Familienstück ausgeschrieben, und es ist in der Vorweihnachtszeit programmiert. Dennoch wird es keine Märchenstunde. Das zu vermitteln ist sehr wichtig.

STANDARD: Was sollte Theaterpädagogik alles leisten?

Cauers: Es ist eine eigene Kunst, eine Disziplin, die Theater vermittelt, aber nicht nur, "um zu". Das heißt, ein Publikum beschäftigt sich nicht mit Theater, um Theaterliteratur besser kennenzulernen, um mehr soziale Kompetenz zu haben oder um selbstbewusster zu werden. Sondern um Theater zu gucken oder zu machen. Ende.

STANDARD: Wie erreichen Sie das Arbeiterkind in Favoriten?

Cauers: Es funktioniert über persönliches Anknüpfen. Wenn bei uns jemand mitspielt, der mit dem Arbeiterkind in Favoriten befreundet ist, dann kommt dieses auch ins Theater. Eltern, Bekannte, Mitschüler. Es ist das Prinzip der Bürgerbühne, also zu sagen, ihr könnt mitgestalten.

STANDARD: Sie müssen auf das eingehen, was die Spieler mitbringen. Wie fertig ist das Konzept vorab?

Schneebeli: Ich habe ein Konzept, ganz klar, aber dann treffe ich auf die Leute, und es geht mir wie Fellini, denn da kommen geniale Dinge hervor, auf die einzugehen ich unbedingt bereit sein muss. (Margarete Affenzeller, 8.11.2016)

Constance Cauers, 1972 in Wolfsburg geboren, ist Theaterpädagogin und hat unter anderem am Thalia-Theater Hamburg gearbeitet. Seit 2015 ist sie Leiterin des Jungen Volkstheaters.

Salome Schneebeli, 1962 in Männedorf in der Schweiz geboren, ist Choreografin und Regisseurin und Mitbegründerin des Künstlerkollektivs "Das Morphologische Institut".

Premiere am 10.11. im Volx/Margareten

  • Ein Kind stirbt, weil keiner hinschaut. In "Das Mädchen mit den Schwefelhölzchen" spielen Kinder und Ensemblemitglieder: Nadine Quittner, Sebastian Wimmer, Luka Vlatkovic, Christoph Rothenbuchner (v. li.).
    foto: heta multanen / volkstheater

    Ein Kind stirbt, weil keiner hinschaut. In "Das Mädchen mit den Schwefelhölzchen" spielen Kinder und Ensemblemitglieder: Nadine Quittner, Sebastian Wimmer, Luka Vlatkovic, Christoph Rothenbuchner (v. li.).

  • Salome Schneebeli inszeniert das Andersen-Märchen.
    foto: mahmoud hanafy

    Salome Schneebeli inszeniert das Andersen-Märchen.

  • Constance Cauers leitet das Junge Volkstheater.
    foto: www.lupispuma.com

    Constance Cauers leitet das Junge Volkstheater.

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