"Propaganda": Aufregung um Schweizerin Illi im Nikab bei "Anne Will"

7. November 2016, 12:55
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"So etwas kann man im öffentlichen Fernsehen nicht machen", sagt Islamismusexperte Ahmad Mansour – Kritik an ARD und Anne Will – Sender verteidigt Einladung von Illi

Köln – "Mein Leben für Allah – Warum radikalisieren sich immer mehr junge Menschen?": Über dieses Thema diskutierte Sonntagabend Anne Will mit ihren Gästen in der ARD. Die Radikalisierung von Jugendlichen war zuvor auch Inhalt des aktuellen "Tatorts" mit dem Titel "Borowski und das verlorene Mädchen".

Im Studio bei Anne Will war neben einem Kampfsporttrainer, der seine Tochter an den IS verloren hat, CDU-Politiker Wolfgang Bosbach und Islamexperte Ahmad Mansour auch Nora Illi zu Gast. Sie ist die Frauenbeauftragte des Islamischen Zentralrats der Schweiz und trat vollverschleiert im Nikab auf.

Ihre Aussagen und die ARD-Einladungspolitik sorgten für Empörung. Illi sagte unter anderem, im Islam gebe es für Frauen "ganz viele Rechte und Möglichkeiten, sich auszuleben". Für sie bedeute das Tragen des Nikab Freiheit und Selbstbestimmung: "Wir müssen diesen Spagat, dem andere Frauen heute häufig ausgesetzt sind, zwischen Familienfrau und Karrierefrau weniger machen. Wir können uns in unserer Rolle selbst entfalten." Mehr als fünf Millionen haben die Sendung in Deutschland gesehen, in Österreich schalteten 133.000 Zuschauer ein.

"Propaganda" im öffentlichen TV

"Das ist Propaganda, so etwas kann man im öffentlichen Fernsehen nicht machen", sagte Islamismusexperte Mansour in der Sendung, nachdem sich Illi um eine Antwort auf die Frage gedrückt hatte, was sie jungen Leuten, insbesondere Mädchen, rate, die zum IS reisen wollen.

Es gehöre "zu unserem Werteverständnis, dass wir uns mit anderen Meinungen auseinandersetzen", sagte Will als Antwort auf die Vorwürfe, warum Illi eingeladen wurde.

Kritik auch an Will

"Mit Fragen wie 'Fühlen Sie sich unterdrückt?', wie sie Anne Will stellt, ist so jemandem wie Nora Illi nicht beizukommen. Das ist vielmehr eine Einladung, die Verhältnisse auf den Kopf zu stellen und der pluralen Gesellschaft anzulasten, wofür eigentlich der IS steht: Unterdrückung und Vernichtung Andersdenkender", schreibt die "Frankfurter Allgemeine Zeitung".

Auch aus der Politik kam Kritik: "Wenn eine Frau mit Nikab in der Sendung einer öffentlich-rechtlichen Sendeanstalt als Frauenrechtsbeauftragte präsentiert wird, dann habe ich ein bisschen Sorge, dass man demnächst im deutschen Fernsehen Herrn Assad als Menschenrechtsbeauftragten ankündigt", sagte CDU-Generalsekretär Peter Tauber am Montag.

Auf Twitter wurden die Sendung und Gastgeberin Anne Will am Sonntag ebenfalls heftig kritisiert.

"Die Welt" sah eine Propaganda für den IS, die "Bild" ortet einen "TV-Skandal", ebenso wie stern.de.

NDR verteidigt Einladung von Illi

Der NDR, der die Sendung produziert, verteidigt die Einladung von Illi. Die Entscheidung, eine radikale Befürworterin der Verschleierung und eine Verteidigerin der IS-Ideologie in der Sendung zu platzieren, sei "sorgfältig abgewogen" worden, teilte die verantwortliche NDR-Redakteurin Juliane von Schwerin mit, berichtet meedia.de.

"Die umstrittene Haltung von Frau Illi zum Beispiel zur Problematik der Ausreise von Jugendlichen nach Syrien ist deutlich zutage getreten und heftig debattiert worden", heißt es in einer Stellungnahme des NDR. Die Zusammensetzung der Diskussionsrunde habe zu einer "angemessenen wie notwendigen Auseinandersetzung" geführt.

Auch im österreichischen TV war Nora Illi kürzlich zu einer Diskussion ins Studio geladen. Am 24. Oktober war sie zu Gast bei Corinna Milborn auf Puls 4 und diskutierte dort in der Talksendung "Pro & Contra" mit Berivan Aslan (grüne Frauensprecherin), Efgani Dönmez (grüner Ex-Bundesratsabgeordneter) und der in Wien lebenden Schweizer Autorin Zoë Jenny über die Frage "Brauchen wir ein Burkaverbot?". (red, 7.11.2016)

  • Nora Illi war zu Gast bei Anne Will.
    foto: tvthek, ard

    Nora Illi war zu Gast bei Anne Will.

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