"Häuptling Abendwind": Zu viele Noten sind des Sonntagsbratens Tod

6. November 2016, 17:40
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Allzu derb ist Hubsi Kramars Version im Theater Akzent

Wien – Im verspielten Gewerkschaftsbarock des Wiener Theaters Akzent finden auch Kannibalen gnädige Aufnahme. Das Saallicht erlischt, fröhlicher Hörnerschall signalisiert das Erscheinen von Häuptling Abendwind in Johann Nestroys gleichnamigem Stück. Dieser späte Abstecher in die Gefilde der Karibik markiert nicht nur des Dichters Beschäftigung mit Jacques Offenbach. Den Wert dieses Plädoyers für maßvollen Menschenverzehr ermisst nur, wer sich das Fortwirken des schändlichsten Absolutismus nach 1848 vor Augen hält.

Die gekrönten Autokraten Europas kehren, bis zur Kenntlichkeit verzerrt, als Wilde wieder. Abendwind (Hubsi Kramar), der Herr über das sonnige Eiland Groß-Lulu, empfängt den Nachbarn Biberhahn. Um dem Verhandlungspartner eine rechte Freude zu bereiten, trägt er dem Koch die Zubereitung eines besonders kapitalen Menschenexemplars auf.

Das heitere Stück sagt: Es erwischt immer die Falschen. Regisseur Kramar, der Off-off-Bakunin der heimischen Szene, hat aber noch ein zweites Feuer unter Nestroys Wurstkessel entzündet. Als wunderbarer Chansonnier führt er nicht nur höchstpersönlich ins Stück ein. Mit aller Gewalt wird gezeigt, dass Groß-Lulu eigentlich Klein-Österreich meint.

Dumpfe Völle

Also lobt der schneidige Anarchist nicht nur eine "Hofer-Reise" nach Pinkafeld aus. Talkshow-Experten verkünden die Erhebung von Häuptling Abendwind in den Rang eines Nationalepos. Die Freuden der Menschenfresserei, aktiv wie passiv, werden von den mehrenteils proletoiden Diskutanten wortreich beschworen. Als Zuschauer streckt man vor so viel politischem Hintersinn hilflos Messer und Gabel. Belohnt wird man mit Chansongesang (Lucy McEvil) über die Entstehung des Beef Stroganoff.

Das Stück hat noch gar nicht richtig begonnen, da empfindet man bereits dumpfe Völle. Dem Stück sitzen viele neue Fleischanteile auf den Knochen (u. a. von Kramar selbst, von Eva Schuster und, Überraschung: vom unvergessenen Gunter Falk). Die Faschingsburleske schwankt unter dem Zugriff so vieler politisch rechtschaffener Leute.

Hervorzuheben sind hübsche Szenchen mit Arthur (Stefano Bernardin), der als Biberhahn-Sohn dem Kessel entrinnt und die wundermild singende Abendwind-Tochter (Gioia Osthoff) minnt. Das Auffinden eines Frisierkammes – Arthur ist Coiffeur – im Sonntagsbraten bildet den analytischen Höhepunkt in einer Aufführung, die sich als Holzhackermahlzeit für politisch Aufrichtige maskiert. Das ist grundsympathisch, hinterlässt aber rasenden ästhetischen Nachhunger. (Ronald Pohl, 6.11.2016)

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