John Zorn: Partituren der Rastlosigkeit

6. November 2016, 17:52
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Der Komponist und Saxofonist beehrte den Club Porgy & Bess. Die zentrale Figur des postmodernen Jazz gab sich am Saxofon ekstatisch

Wien – Aus seiner Omnipräsenz wurde quasi Omniabsenz. In den frühen 1980ern war John Zorn zur Zentralgestalt einer Bewegung aufgestiegen, die unter dem Begriff Postmoderne liberal-nervös frappierte. Anstatt einen Stil ausgiebig zu zelebrieren, kultivierten Zorn und Freunde – etwa als Band Naked City – eine expressive Collagekunst. Alle paar Takte wurde zwischen Hardbop, Hardcore, Speedmetal, freitonalen Exzessen, Westernmusik und was sonst noch in den Sinn kam, gerast.

Es klang der Stil, als wollte er keiner sein, als zappte ein Typ mit einer Fernsteuerung durch die Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts. Es tönte, als ginge es um einen Soundtrack, dessen Dramaturgie unter der Kontrolle eines chaotischen imaginären Trickfilms stand. Neu wirkte das und: Zum – sich mit Trompeter Wynton Marsalis als Leitfigur ausbreitenden – Trend des Neotraditionalismus wurde dies zum undogmatischen Gegenpol.

Jüdische kulturelle Identität

In den 1990ern allerdings schien sich der zum globalen Star aufgestiegene Vertreter der New Yorker Downtown-Szene rarzumachen. Interviews gab er kaum mehr; auch Gastspiele wurden in Europa rar. Untätig blieb Zorn allerdings nicht: Der im New Yorker Stadtteil Queens (1953) Geborene flutete vielmehr durch sein Label Tzadik den Markt mit eigenem und kollegialem Material, das sich auch der Frage stellte, wie jüdische kulturelle Identität heutzutage zu definieren wäre.

Der ganze Rückzug schien also eher eine Art Konzentration aufs Wesentliche zu sein und weniger eine Abkehr von der Szene. Eine reduzierte Tourneetätigkeit gab es dadurch aber sehr wohl. Dass John Zorn – aus Sarajevo kommend – nun an zwei Abenden im Porgy & Bess mit zahlreichen Kollegen, die seine Bagatellen spielten, gastierte, darf somit als Besonderheit gewertet werden.

Zorn, dessen kompositorische Produktivität an Frank Zappa erinnert, legt es mit seiner Band Massada (Trompeter Dave Douglas, Bassist Greg Cohen und Schlagzeuger Joey Baron) im Porgy eher geordnet an: Es klingt nach Postbop, es gibt pointierte Breaks und knackige Themen. Bei aller Expressivität (Zorn klingt nach wie vor gerne auch freejazzig) und der kollektiven Improvisatorik bleibt die Anzahl der angeschnittenen Stile überschaubar.

Wild bis gesittet

Die kleinen Instrumentalstücke, die er den Kollegen zur Umsetzung übergab, sind allerdings von rastloser Vielfalt: Das delikate Gitarrenduo Gyan Riley und Julian Lage hat freitonale Miniaturen umzusetzen, die nach klassischer Moderne klingen. The Nova Quartet tönt mitunter wie eine gesittete Maistreamband, die zwischendurch einen kreativen Nervenzusammenbruch erleidet. Und voller Poesie war der Plausch des Duos Sylvie Courvoisier (Klavier) und Mark Feldman (Geige). Besonders Feldmans singender Ton sorgt für große melancholische Qualität.

Ganz anders Zorns Stücke für die virtuosen Speedmetall/Jazzrock-Könner von Trigger: Wilde Linien und energische Dezibeltänze zeigen, dass Zorn nach wie vor in der Musikgeschichte wühlt, Stile gerne wechselt – allerdings eher als Komponist. Er schrieb übrigens 300 Bagatellen in drei Monaten. Für jemanden, der schon einmal zehn Stücke in einer Stunde verfasste, ist das ein eher gemächliches Komponiertempo. (Ljubisa Tosic, 6.11.2016)

  • John Zorn sucht die Auseinandersetzung mit der vielfältigen Musikgeschichte: Zu diesem Zweck schrieb er in drei Monaten 300 Bagatellen.
    reuters

    John Zorn sucht die Auseinandersetzung mit der vielfältigen Musikgeschichte: Zu diesem Zweck schrieb er in drei Monaten 300 Bagatellen.

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