Einschlagende Rookies, ausfallende Veteranen

4. November 2016, 22:23
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Halbzeit im NFL Grunddurchgang. Während der Weg in die Super Bowl in der AFC relativ klar über eine Mannschaft führt, bleibt die NFC eine Wundertüte. Eine Zwischenbilanz

Bei Halbzeit ihres Grunddurchgangs hat die NFL, zumindest in den USA, ein echtes Problem aufgerissen: Die TV-Quoten sind gegenüber dem Vorjahr stark rückläufig. Die Begründungen dafür sind bunt gemischt. Schwache Spielauswahl zur Prime Time, Denver zieht nicht mehr, weil Manning fehlt, New England zog nicht, weil Brady gesperrt war, Cinderella-Stories in der zeitgleich laufenden World Series und dem, das ganze Land beschäftigendem, Präsidentschaftswahlkampf. International hat man die Sorgen nicht. Die Zuschauerzahlen außerhalb der Staaten wachsen nicht nur im Fernsehen stetig an, auch die drei Spiele in London waren binnen Tagen allesamt ausverkauft. Auf Seiten der Liga hofft man nun auf ein Comeback, um bis zu Weihnachten die Einbußen bei den Ratings zumindest teilweise wieder wett machen zu können.

Woran es sicher nicht liegen kann, das ist ein Mangel an spannenden Spielen. Die NFL ist, mit vielleicht einer Ausnahme, völlig unberechenbar und liefert Geschichten satt. In der NFC schreiben diese Stories zur Zeit Rookies auf Schlüsselpositionen.

Dak & Zeke

Wenn Dallas Besitzer Jerry Jones in den vergangenen Jahren vom Gewinn des Titels fantasierte, das tat er gerne bevor auch noch der erste Snap einer Saison erfolgte, wusste man eigentlich bereits, dass die Cowboys am Ende wieder mit leeren Händen dastehen werden. Raue Mengen an heisser Luft aus der Chefetage führten dazu, dass man die Texaner heuer von vorne herein nicht mehr auf der Rechnung hatte. Als sich dann noch Starting Quarterback Tony Romo in der Preseason verletzte und der Viertrunden-Draftpick Dak Prescott zum Starter ernannt wurde war eigentlich klar: Dallas wird 2016 keine Bäume ausreissen. So weit, so logisch.

Doch bereits bei der Niederlage gegen die New York Giants zum Saisonstart, die die einzige bisher blieb, sah man nicht nur welches Potential in Prescott schlummert, sondern auch dass der Erstrunden-Draftpick Ezekiel Elliott das Laufspiel der Boys signifikant verstärken wird. Geschuldet ist dies natürlich einer formidablen O-Line, deren Arbeit man sich aber auch mal zunutze machen muss. Vorjahresstarter Darren McFadden kam in 16 Spielen, zehn davon als Starter, etwas über 1000 Yards und drei Touchdowns. Elliott ist in seinen ersten sieben Spielen als Profi für 800 Yards gelaufen (#1 in der NFL) und hat dabei fünf Touchdowns erzielt. Und das neben einem Quarterback, der ihm mit vier Rushing Touchdowns einiges "gestohlen" hat. Die noch größere Überraschung ist aber vielleicht die Defense, die man, ähnlich wie im Vorjahr, im hinteren Mittelfeld vermuten konnten. Tatsächlich ist Dallas heute gegen den Lauf eine Top 10 Verteidigung und gegen den Pass zumindest okay (#15). Das, zusammen mit einer Minimierung der bekannten "Unforced Errors" in allen drei Units, macht Dallas zu einem echten Super Bowl Contender. Ich hätte mir im September nicht gedacht das heuer noch zu schreiben. Derzeit sind die Cowboys für mich das beste Team in der NFC.

Quo vadis Tony?

Bleibt noch die Frage, was man mit Romo, der zwischenzeitlich wieder auf den Beinen ist, machen soll. Zunächst hiess es, dass Prescott nur so lange spielt, bis Romo wieder fit ist. Seit dem souveränen Sieg in Green Bay und dem famosen Comeback gegen Philadelphia, bei dem auch Dez Bryant wieder eingreifen konnte, ist sich aber auch Romos größter Fan, eben Besitzer Jones, der Situation bewusst geworden: Hier steht eine Mannschaft am Feld, die jede andere besiegen kann. Repariere nichts, was nicht kaputt ist. Prescott wird daher Starter bleiben (falls nicht, nehme ich alles oben geschriebene zurück!) und wenn Dallas schlau ist, wird es sich Romo behalten. Wer weiß denn, was in der zweiten Saisonhälfte alles noch passiert. Wenn auch so ein Edel-Backup den Cap belastet, der lauffreudige Rookie Quarterback lebt eben deswegen relativ gefährlich. Die aktuelle Situation ist luxuriös und wenn man Romo ruhig halten kann eine richtig gute Versicherung. #

Wentzylvania

Wenn schon vom Divisionskonkurrenten Philadelphia die Rede ist: Auch die Eagles haben einen Rookie an Board, der sie in, für zumindest ihre Verhältnisse, lichte Höhen geführt hat. Carson Wentz hat sich auf Anhieb in der Liga etabliert und die Erwartungen, die zugegeben nicht ganz hoch waren, deutlich übertroffen. Mit einem Passer Rating von 92.5 liegt der Rookie immerhin vor den Superbowl Gewinnern/Teilnehmern Russell Wilson und Cam Newton und spielt, in der Kategorie, in der Liga Luck/Rodgers/Rivers mit. Ein Jahr nach Chip Kelly, der seine NFL Headcoach-Karriere gerade in San Francisco endgültig erwürgt, verfügen die Eagles leider nur über ein maues Laufspiel, dafür können sie sich einer sehr ordentlichen Defensive erfreuen. Der 4-3 Record gibt womöglich nicht die ganze Wahrheit preis, kamen die Niederlagen gegen Dallas, Detroit und Washington allesamt knapp daher und ihnen stehen deutliche Siege gegen Pittsburgh und Minnesota gegenüber. Das größte Problem, das haben aber alle vier Teams der NFC East, ist die gesamte Spielstärke der Division. Alle vier Franchises bilanzieren zur Saisonhälfte positiv. Richtungsweisend wird die Reise der Eagles am Sonntag zu den New York Giants.

Trübes NFC Wasser

In der NFC befinden sich dazu eine erkleckliche Anzahl an Teams, deren exakter Aggregatzustand noch nicht zur Gänze bestimmt ist. Wohin geht die Reise in der West? Seattle verkickt sich gegen Arizona und Los Angeles zu einem 6:6 nach fünf Fünfteln, bzw. gegen St. Louis zu einem 3:9, um danach die Saints in der South noch leben zu lassen. Die drei Defenses sind die #1 (ARI), #6 (SEA) und #11 (LA) der Liga. Bei der Offense muss der Zeigefinger geduldiger sein. Die Cardinals auf Rang 10, Seattle 23 und die Rams gar nur auf Rang 30. San Francisco ist schnell erklärt: Die schlechteste Offense und die drittschlechteste Defense der Liga, könnte, dank eines 28:0 Shutouts gegen Los Angeles, glatt noch den First Round Draft Pick im "Duell" gegen Cleveland verpassen. Noch mitspielen um irgendwas anderes? Negativ. Arizona ist am Papier die stärkste Mannschaft der Division, es führt aber die mit dem stärksten Namen. Ob die Seahawks sich oben halten können, steht in den Sternen. Je länger die Saison dauert, desto unklarer wird das Bild, welches hier gezeichnet wird. Ich vermute Arizona und Seattle hätten grundsätzlich die Tools um für Klarheit zu sorgen, Los Angeles eher nicht.

Im Süden und Norden sah es zunächst mal nach zwei neuen Leadern aus. Aus dem Nichts kam Minnesota, die ohne Adrian Peterson und Teddy Bridgewater, dafür aber mit Sam Bradford und den No Names McKinnon und Asiata, zu einem unverhofften 5-0 kamen. Das bis dahin einzig ungeschlagene Team der Liga kam nach der Bye Week bisher zumindest nicht mehr auf Touren. Vor allem die letzte Niederlage gegen das an sich schwer marode Chicago gibt Rätsel auf. Die Führung in der Division behielt man, weil man Green Bay ein Mal geschlagen hat, die Packers sich gegen Dallas und Atlanta zu Niederlagen humpelten und das Coaching der Detroit Lions jederzeit in der Lage ist Siege mit Blackouts zu vermeiden. Wenn die Herren Starks, Cobb, Cook, Matthews und Montgomery in den nächsten Wochen bei Green Bay zurückkehren, dann werden die Träume in Minnesota und Michigan von einem Divisionstitel wohl rasch wieder kleiner werden.

In der South war und ist es wohl auch Atlanta, die mit dem Big Play-Duo Matt Ryan/Julio Jones von Sieg zu Sieg rasten. Oakland, New Orleans und die beiden Super Bowl Finalisten in einer Vierer-Serie bezwungen. Sah wunderbar aus und machte die Auftaktniederlage gegen Tampa fast vergessen, als man sich gegen Seattle und San Diego dieser wieder erinnerte. Zuletzt tauchte man wieder auf und schnappte sich an der Wasseroberfläche die sich vehement zur Wehr setzenden Packers bzw. das, was von ihnen zu dem Zeitpunkt noch übrig war. Die Revanche Donnerstagnacht an Tampa zeigt, dass sie derzeit der Topdog im Süden sind. Der restliche Spielplan meint es mit den Falken zudem nicht ganz schlecht: Man bekommt zum einen noch die NFC West Teams San Francisco und Los Angeles aufgelegt, aber eben zum anderen auch noch Arizona, Kansas City und Philadelphia. Die Konkurrenz ist noch dabei und auch das heuer gebeutelte Carolina hat die Saison noch nicht aufgegeben. Der Titel ist machbar, wenn Blackouts gegen Underdogs vermieden werden und man sich in der Division auf even halten kann.

NFC Halftime Power Ranking:

1. Dallas Cowboys 6-1
2. Atlanta Falcons 6-3
3. Minnesota Vikings 5-2
4. Seattle Seahawks 4-2-1
5. Green Bay Packers 4-3
6. Philadelphia Eagles 4-3
7. New York Giants 4-3-1

8. Washington Redskins 4-3-1
9. Arizona Cardinals 3-4-1
10. Detroit Lions 4-4
11. Tampa Bay Buccaneers 3-5
12. New Orleans Saints 3-4
13. Los Angeles Rams 3-4
14. Carolina Panthers 2-5
15. Chicago Bears 2-6
16. San Francisco 49ers 1-6

AFC: New England über alles

Was immer sich NFL Commissioner Roger Goodell in seinem mittlerweile offenbar auch persönlich motivierten Feldzug gegen die Patriots einfallen lässt, sie wissen eine Antwort darauf. Ohne dem gesperrten Brady und dem verletzten Gronkowski, zwischenzeitlich sogar mit dem dritten Quarterback am Feld, tauchte man die Sperre der #12 von vier Spielen zu einem 3-1 durch. Seit Bradys Rückkehr kam New England nichtmal mehr in die Nähe einer Niederlage und scorte die Gegner, darunter immerhin Pittsburgh und Cincinnati, mit 136:71 aus. Sind die Patriots überhaupt zu schlagen? Natürlich gibt es Mittel und Rezepte. Im Vorjahr zeigte die Denver Defense gleich zwei Mal wie man New England anpacken muss, um zu einem Erfolg zu kommen. In der Division haben die Patriots keinen ernstzunehmenden Kontrahenten. Die Patriots werden zum achten Mal in Folge die AFC East gewinnen. Buffalo, Miami und die Jets können sich bestenfalls über die Wild Card sich in die Post Season retten. Beim heutigen Stand wären alle drei ausgeschieden.

Pittsburgh wackelt, fällt noch nicht

In der AFC North hat Pittsburgh wieder mal ein Problem mit Ben Roethlisberger. Dieses Mal ist es der Meniskus, der dem zweifachen Super Bowl-Champion zu schaffen macht, den er sich bei der Niederlage gegen Miami zerschund. Ausfälle von Big Ben haben mittlerweile eine lange Tradition bei den Steelers. Kreuzband und Gehirnerschütterung (2015). Schulter und Knöchel (2012), Hand (2011), Beinbruch (2010), Achilles (2009) u.e.m. zieren eine der längsten Baustellen der NFL. So schnell wie der 34-Jährige vom Feld ist, so schnell ist er oft auch wieder retour. Schon am Sonntag soll er gegen Baltimore wieder im Einsatz sein. Eine ganz wichtige Partie, denn das große Plus der Steelers ist, dass es in ihrer Division generell nach Schwäche riecht.

Baltimore baut seit zwei Saisonen um und hat sich seither offensiv abgemeldet. Das liegt nicht nur, aber auch, am Quarterback. Joe Flacco verdient mehr als die aktuellen Top-Spielmacher der Liga, bringt dabei nicht einmal die Leistung von Geno Smith, Blake Bortles oder Case Keenum aufs Feld. Das ist übel und es sollte auch langsam John Harbaugh dämmern, dass er auf der Position einen echten Problemfall hat. Cincinnati wiederum hat das Problem gar nicht. Die Offense ist phasenweise eine Augenweide, dafür verwechselt die Defense gerne ein NFL Spiel mit einer Wirtshausschlägerei. Das kostete u.a. den Sieg in London gegen Washington. (Die habe ich ganz vergessen bei der AFC. Ein gutes Zeichen für sie. Im Vorjahr erreichten sie ebenso unbemerkt das Playoff.) Über Cleveland muss man kein Wort verlieren und das alles bereitet eigentlich die Piste auf, auf der Pittsburgh ins Ziel fahren könnte.

Oakland am Weg zurück?

Die West ist die Division mit den meisten Siegen. Ein Drei- womöglich sogar ein Vierkampf um den Titel kündigt sich an. Denver, die mit dem unbeschrieben und auch unscheinbaren Trevor Siemian als Quarterback trotzdem noch an der Spitze sind, ist mit Oakland vermutlich ein echter Gegner in der Division gewachsen. Derek Carr führt die fünftbeste Offense der Liga an, auch defensiv erinnern die Raiders an die 80er Jahre, als sie zwei ihrer drei Super Bowl-Titel holten. Ein kleines Fragezeichen steht hinter ihren bisherigen Gegnern. Die Niederlagen kamen gegen Atlanta und Kansas City gegen Winning Teams, fünf der sechs Siege gegen Mannschaften mit negativem Record. Der am Papier stärkte Gegner den man geschlagen hat ist Tennessee (4-4). Am Sonntag folgt eines von zwei Duellen gegen Denver. Danach weiss man mehr, wer Oakland 2016 tatsächlich ist. Auch Kansas City wird wohl noch ein Wort mitreden. Die Chiefs haben ihr letztes Spiel Anfang Oktober verloren. Gegen Jacksonville, Carolina und Tampa Bay könnte sich diese Phase bis Ende November ausdehnen. Und falls San Diego wieder nur Zuschauer ist, dann haben sie mit dem ehemaligen Problemfall Joey Bosa, der seinen Vertrag lange nicht akzeptierte, den designierten Defense Rookie des Jahres am Start.

Der Süden lahmt

Die AFC South ist, wie schon in den vergangenen Jahren, die schwächste der Conference. Tennessee kann man im zweiten Jahr mit Marcus Mariota eine vorläufig positive Entwicklung bescheinigen, während Indianapolis und Jacksonville eine negative Zwischenbilanz ziehen. So ist das Feld frei für Houston, was insofern fast unglaublich wirkt, da sie mit Brock Osweiler wohl den Bust Trade des Jahres fabriziert haben. Man bezog zwar gegen New England, Denver und Minnesota drei deutliche Niederlagen, drei knappe Siege über Kansas City, Indianapolis und Detroit, so wie eine erledigte Papierform gegen Chicago und Tennessee, lässt die Texaner zumindest theoretisch auf ein Finale daheim hoffen. Praktisch wird der Gewinner der AFC South spätestens im Divisional Playoff ein veritables Problem bekommen.

AFC Halftime Power Ranking:

1. New England Patriots 7-1
2. Denver Broncos 6-2
3. Oakland Raiders 6-2
4. Kansas City Chiefs 5-2
5. Pittsburgh Steelers 4-3
6. Houston Texans 5-3
7. Cincinnati Bengals 3-4-1
8. Buffalo Bills 4-4
9. Tennessee Titans 4-4
10. San Diego Chargers 3-5
11. Indianapolis Colts 3-5
12. Miami Dolphins 3-4
13. New York Jets 3-5
14. Baltimore Ravens 3-4
15. Jacksonville Jaguars 2-5
16. Cleveland Browns 0-8

(Walter Reiterer, 4.11.2016)

  • Dak Prescott (#4) sprang für den verletzten Tony Romo bei Dallas ein und führte die Cowboys an die Spitze der NFC.
    foto: scott clarke/espn images

    Dak Prescott (#4) sprang für den verletzten Tony Romo bei Dallas ein und führte die Cowboys an die Spitze der NFC.

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