Trump, Clinton und das perfekte Rollenspiel

Kommentar der anderen4. November 2016, 17:21
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Michelle Obama ist es. Hillary Clinton offenbar nicht. Und Donald Trump? Die Frage nach der Authentizität von öffentlichen Personen avanciert angesichts der US-Wahlen zu einer alles entscheidenden

Echtheit" als Kriterium für die Legitimation politischer Ordnungen heranzuziehen ist innerhalb der Geschichte der Demokratie nichts Neues. Die demokratischen Theorien heben in der Neuzeit nicht nur mit einer grundlegenden Aufwertung des Individuums an, sondern sind auch von Anfang an mit der Frage nach der angemessenen Repräsentation des Einzelnen verknüpft. Für die Rechtfertigung demokratischer Ordnungen ist seither entscheidend, inwieweit der persönliche Wille jedes Einzelnen politisch Ausdruck finden kann. Die Anforderungen an die Echtheit der persönlichen Willensäußerung variieren dabei. Bei Thomas Hobbes gelten sogar erpresste Vertragszustimmungen als anerkennungswürdig. Jean-Jacques Rousseau hingegen verlangt nach einer viel umfassenderen Authentizität in Bezug auf die eigene, freie Stimme.

Die Unterscheidung zwischen "authentisch" und "nicht authentisch" dient in Rousseaus Demokratiekonzeption als Maßstab für den Grad an persönlicher Emanzipation von den Zwängen einer Gesellschaft, in der Rollenspiel, Verstellung und Maskerade an der Tagesordnung sind und nicht selten über Freiheit oder Unfreiheit entscheiden. Alles Gekünstelte, Unechte, Scheinhafte lehnt Rousseau vehement ab. Die eigene, echte, genuine Stimme zu finden und zu erheben gilt ihm umgekehrt als politisches Ideal.

Gefährliches Schauspiel

Konsequenterweise honoriert Rousseau die Schauspielkunst nicht, sondern stuft diese im Gegenteil sogar als politisch gefährlich ein, denn der Schauspieler beherrscht das Rollenspiel so gut wie kein anderer in der Gesellschaft. Er spricht nicht in seinem eigenen Namen, sondern übernimmt verschiedene Charaktere und neutralisiert im Dienste dieser Profession bewusst die eigene Persönlichkeit. Der Spielende verkörpert eine paradoxe Figur des Dritten, die ihrerseits in Bezug auf Konzepte von "Authentizität" allerlei Fragen aufwirft. Denn was bedeutet es, dass ein Schauspieler oder eine Schauspielerin eine andere Person so imitieren kann, dass unklar wird, inwieweit er oder sie mit der inszenierten Rolle identisch ist? Ist der Spielende er selbst oder ein anderer oder beides gleichzeitig? Das gekonnte Spiel mit verschiedenen Rollen setzt die Kategorien "authentisch" und "nicht authentisch" erkenntnistheoretisch gehörig unter Druck und wirft verschiedene Fragen auf, wie etwa: Woran ist die "Echtheit" einer Person zu messen? Gibt es das Kriterium der "Echtheit" nicht eben allein in Bezug auf "Rollen"? Ist die gelungene Imitation nur als "echt" und "authentisch" zu bestimmen im Unterschied zur gescheiterten Nachahmung, die den Zuschauenden nicht überzeugt? Und wenn es so wäre, stellte dann nicht gerade der Schauspieler die löbliche Ausnahme dar, weil er im Moment, in welchem er auf die Bühne tritt, offenlegt, dass er spielt und imitiert, und in diesem Sinne "wahrhaftig" ist?

Denis Diderot, ein Zeitgenosse Rousseaus, geht dieser Überlegung in der 1830 posthum erschienenen Schrift Paradoxe sur le comédien nach. Lange vor der postmodernen Deutung, wonach alle Authentizität Illusion sei, weil sie sich nicht beweisen lasse, ergründet Diderot den kaum auflösbaren Widerspruch zwischen authentischer Person und authentisch gespielter Rolle. Der Schauspieler ist fähig, jemand anderen so zu spielen, dass dieser voll und ganz in Erscheinung tritt. Er verliert sich dabei in keinem Moment, sondern hat sich umfassend im Griff und vermag im besten Falle jede Rolle authentisch zu spielen. "Authentizität" wird bei Diderot als eine Form perfekt gelungenen Rollenspiels entwickelt und damit deutlich auf den griechischen Begriff "authentes" zurückbezogen. "Authentes" bedeutet so viel wie "Herr" oder "Gewalthaber", wobei der Akzent darauf liegt, dass jemand Urheber seines eigenen Tuns ist und etwas aus "eigener Gewalt vollbringt". Authentisch ist nicht, wer sich findet, sondern wer sich entwirft und so perfekt spielt, dass es niemand bemerkt. Diderot nimmt damit vorweg, was etwa David Lowenthal 1990 folgendermaßen bestimmt: "Authentic is as authentic does."

Authentizität ist so gesehen ein schillernder Begriff, mit dem entweder, wie bei Rousseau, die Übereinstimmung zwischen Sein und Schein zelebriert wird oder, wie bei Diderot, die virtuose Vervollkommnung des Scheins. Wer in letzterer Hinsicht als authentisch bezeichnet wird, vermittelt nur mehr den Eindruck, er selbst zu sein, unverstellt, unverkennbar, echt. Er spielt diese Rolle allerdings so meisterhaft, dass vergessen werden kann, dass es sich um großes Theater handelt. Wenn heute von "Authentizität" die Rede ist und diese zum Kriterium für die Wahl von politischen Würdenträgern erhoben wird, dann drückt sich darin nicht zuletzt eine tiefe Sehnsucht nach Echtem und Natürlichem aus, welche in einer digitalisierten Welt kaum mehr befriedigt wird. Allerdings ist diese Sehnsucht häufig irreführend. Wer sich nach Authentizität sehnt, vergisst liebend gern, dass diese dort, wo sie gespielt ist, am wirksamsten zur Geltung kommt.

Wunschvorstellungen

Tatsächlich werden aktuell in der Politik nicht möglichst unverstellte Menschen gesucht. Es werden nicht jene bejubelt, die unter denselben Problemen und Schwächen leiden wie die allermeisten. Gesucht und allzu oft auch gewählt werden jene Personen, die glaubhaft darstellen, so zu sein, wie viele selbst zu sein wünschten. Clinton hat diesbezüglich immer wieder einstecken müssen. Dass ihr Smalltalk nicht liegt, dass ihr nicht in jeder Situation lustige Anekdoten einfallen, dass sie eher ernst und rational an die Dinge herangeht, dass sie machtbewusst ist und während des Schießkommandos auf Osama Bin Laden zusammenzuckte – alle diese Verhaltensweisen ließen sich als "echt" bezeichnen. Es sind Persönlichkeitsmerkmale, die sich nicht leicht überspielen lassen und zu dieser Person gehören. Es handelt sich dabei um Eigenschaften, die an Clinton vermutlich auch im Privaten zu beobachten sind. Aber es ist offensichtlich nicht diese Form von Authentizität, die aktuell gefordert ist. Diese erscheint zu gewöhnlich, zu wenig unterhaltsam, zu wenig souverän.

Und Trump? Ist er ganz er selbst oder ein ausgezeichneter Schauspieler? Dem Präsidentschaftskandidaten gelang im Wahlkampf über weite Strecken das Rollenspiel der Authentizität. Einen herben Rückschlag versetzte er sich jüngst selbst. Auf einem mittlerweile allen bekannten Videomitschnitt ist zu hören, was sich Trump im Umgang mit Frauen herausnimmt. Die Reaktionen auf das Video waren und sind heftig. Wer sich das Video zumutet und Trumps Aussagen darauf mit jenen anderer Auftritte vergleicht, könnte über die starken Reaktionen durchaus irritiert sein. Hat der Kandidat nicht immer wieder öffentlich Frauen diffamiert und diskriminiert, Gewalt verherrlicht? Wer gegenüber Genderfragen nur minimal offen ist, hat den Sexismus des Präsidentschaftskandidaten längst zur Kenntnis genommen! Das Debakel hat offensichtlich noch einen anderen, heute kaum verzeihbaren Grund: Trump ist aus der Rolle gefallen.

Der Kandidat vergisst vor laufenden Kameras, seine Rolle so zu spielen, dass niemandem das Spiel auffällt. Er denkt auf dem Video in einer sonst bei ihm kaum auffindbaren Figur der Reflexion über seine Rolle, seinen Status als Superprivilegierter und die Vorteile, die ihm daraus resultieren, nach. Brecht, der für das epische Theater genau diesen Bruch für die Aufklärung des Publikums verlangt, hätte seine Freude daran. "Als Star kannst du dir alles erlauben", sagt Trump lachend und selbstverliebt und legt damit offen, dass er um seine Stellung, seine Macht, seinen ganz persönlichen Vorteil weiß und diesen gezielt und strategisch und auch im Raum der Illegalität einsetzt.

Entlarvte Täuschung

Wenn du ein Star bist, kannst du alles machen. Sie lassen dann alles zu. Diese Kommentare entlarven die Täuschung, Trump sei einer von jenen, für die er zu sprechen vorgibt. Er repräsentiert nicht jene, die gegenwärtig zu kurz kommen oder sich als Verlierer fühlen, er spielt ihre Repräsentation vor. Wer Trump wählt, sehnt sich nach der absoluten Illusion und vergisst dabei, dass diese ganz gewiss eine ist. (Christine Abbt, 4.11.2016)

Christine Abbt ist Förderprofessorin in Philosophie an der Universität Luzern und Leiterin des Forschungsprojekts zur Bedeutung des Fremden für die Verwirklichung demokratischer Freiheit. Am 2. Dezember hält sie einen Workshop zum Thema "Politik und Schauspiel: Denis Diderot" am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften (IFK) in Wien ab (18 Uhr, Reichsratsstraße 17).

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