US-Wahlkampf: Sex, Lügen und Videos

Kommentar der anderen4. November 2016, 17:19
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Hillary Clinton, Donald Trump und ihre Vorgänger im Scheinwerfer der US-Medien: eine kleine Geschichte des "horse race journalism" mit amerikanischen Reminiszenzen und einem Blick auf den aktuellen Wahlkampf

Ohne den Begriff "horse race journalism" sind US-Wahlen undenkbar. Für die Medien sind Wahlen, in denen schon Wochen vorher feststeht, wie sie ausgehen, tödlich. Ihre verkaufte Auflage, die Einschaltziffern und damit die Anzahl und der Preis der Werbeeinschaltungen hängen von einem engen Rennen ab. Das zeigt sich in diesen Tagen wieder deutlich: Die jüngste, angebliche Wende in Hillary Clintons E-Mail-Skandal ist höchstens eine Weiterdrehung in einem komplexen Prozess, in dem vor allem eines fehlt: eine wirkliche "juicy story", denn dass Hillary schlampig mit ihrer diplomatischen Post umgegangen ist, weiß man hier schon seit Jahren. Jedenfalls sollte sich Donald Trump nun nicht mehr darüber beschweren, dass sich die US-Medien nur einseitig auf seine vermeintlichen Verfehlungen konzentrieren. Tatsächlich spielen US-Zeitungen und vor allem das Fernsehen eine dominante Rolle, wenn es darum geht, den Wahlausgang (oder selbst den Beginn des Wahlkampfes) zu beeinflussen.

Seit meinem ersten fünfjährigen Aufenthalt in New York, der 1979 begann, verfolge ich regelmäßig hautnah den Wahlkampf in den USA. Zwar hatte damals im November die Auseinandersetzung noch gar nicht richtig begonnen, doch Ted Kennedy galt bereits als aussichtsreicher, wenn auch noch nicht deklarierter Gegenkandidat des amtierenden Präsidenten Jimmy Carter. Roger Mudd, ein erfahrener politischer Reporter der TV-Gesellschaft CBS, führte ein Gespräch mit Kennedy. "Warum möchten Sie Präsident werden?" Kamera auf Kennedy. Pause. Endlos. "Nun, ich bin ... ääähhh ... Würde ich mich als Präsidentschaftskandidat bewerben ... nun, ich glaube sehr an dieses Land ..."

"Shitstorm" gab es damals noch keinen, aber zumindest die etablierten Medien zerlegten Ted Kennedy am nächsten und am übernächsten Tag. Wer nicht spontan erklären kann, warum er das höchste Amt im Staat anstrebt, hat auch kein Recht sich dafür zu bewerben, war der fast einstimmige Tenor nach diesem desaströsen Interview. Kennedy war draußen.

Das darauffolgende Duell Jimmy Carter gegen Ronald Reagan war eines der wenigen, das von Außenpolitik dominiert wurde. Der gelernte Erdnussfarmer steckte in einer tiefen Krise: Iranische Studenten hatten unter wohlwollender Zustimmung der Mullahs mehr als 60 Geiseln in der amerikanischen Botschaft genommen und die meisten davon erst nach 444 Tagen freigelassen.

Walter Cronkite, der beliebtes-te US-Moderator, beendete jede seiner Nachrichtensendungen mit dem Hinweis, wie lange die Geiseln nun schon in Haft waren: "And that's the way it is, on this 234th day of captivity of American hostages in Iran." Kein Wunder also, dass der nächste Präsident dann nicht mehr Jimmy Carter hieß, sondern Ronald Reagan. Seine Schlagfertigkeit bewies Reagan vor allem 1984 bei der TV-Debatte mit seinem demokratischen Gegenkandidaten Walter Mondale. Als er auf das Alter angesprochen wurde, sagte er, niemals würde er die Jugend und die Unerfahrenheit seines Gegenkandidaten zum Thema machen. Selbst Walter Mondale brach dabei in herzhaftes Lachen aus.

Das blieb ihm freilich im Halse stecken, als Ronald Reagan Mondale bei den Wahlen im Jahr 1984 so entscheidend schlug, dass er ihm nur einen einzigen Bundesstaat überließ.

Neun Minuten Ewigkeit

Seinem Nachfolger George Herbert Walker Bush flickte die Presse schon mehr am Zeug. Unvergessen – und ein exzellentes Beispiel, wie hart US-Reporter Fragen stellen können – war sein Interview im Jänner 1988, als es um das umstrittene Waffengeschäft mit dem Iran ging. Neun Minuten lang, eine Ewigkeit für Abendnachrichten, zwickte CBS-Moderator Dan Rather den damals wahlkämpfenden Vizepräsidenten und beendete das Gefecht mit der Frage, ob Bush zu dem Thema eine Pressekonferenz abhalten werde. Als Bush zögert, gibt Rather selbst die Antwort: "I guess the answer is no. Thank you Mr. Vice President." Das letzte Bild zeigt einen konsternierten Bush, der mit offenem Mund in die Kamera blickt.

Auf demokratischer Seite wiederum war es dann erstmals ein Sexskandal, der dafür sorgte, dass ein kompetenter Kandidat schon bei den Vorwahlen ausscheiden musste: Senator Gary Hart wies alle Vorwürfe zurück, er verbringe Nächte mit einer jungen Dame, die jedenfalls nicht seine Ehefrau war. Fotos, die eine gewisse Donna Rice zeigten, wie sie in den frühen Morgenstunden seine Absteige in Washington verließ, ließen dann aber Gary Hart keine andere Wahl, als zu resignieren.

Ein "Seitensprung" spielte dann ein weiteres Mal, im Wahlkampf 1992, eine wichtige Rolle. Der wahlkämpfende Bill Clinton musste sich gegen den Vorwurf wehren, ein außereheliches Verhältnis mit einer Frau namens Gennifer Flowers gehabt zu haben. Hillary stand, oder besser: saß damals bei einem legendären Interview auf 60 Minutes an seiner Seite, um ihn zu verteidigen: "Ach, das waren die Medien, die die Frauen zu solchen Aussagen ermunterten", sagte sie damals, und Bill ergänzte: "Tja, wenn man ihnen Geld bietet, sagen sie alles." Diese Verteidigungsstrategie kommt einem heute ziemlich bekannt vor.

Papst und Womanizer

Damit war Clinton freilich seine Storys als "womanizer" nicht los. Gerade in der Woche, als Papst Johannes Paul II. Kuba besuchte und sich alle Moderatoren der großen US-TV-Stationen in Havanna aufhielten, platzte in Washington die Monica-Lewinsky-Story. Ich war damals selbst als Berichterstatter auf Kuba und erlebte mit, wie viele Top-US-Journalisten die Koffer packten und heimflogen: Die Geschichte, dass ein amtierender Präsident ein Verhältnis mit einer Praktikantin haben sollte ("No, I did not have sex with that woman ..."), wollten sie sich nicht entgehen lassen. Doch sie dauerte mehr als ein Jahr und endete mit einem Freispruch im Amtsenthebungsverfahren. Das alles war großes Drama und ließ die Einschaltquoten der TV-Sender (und damit die Werbeeinnahmen) in die Höhe schnellen.

Nach seinem "Wahlsieg" von 2000 hatte George W. Bush im Zuge von 9/11 die Medien ganz auf seiner Seite: Was immer er ihnen fütterte, sie fraßen es ihm willig aus der Hand. Selbst die New York Times übernahm ungeprüft die Vorwürfe gegen Iraks Diktator Saddam Hussein, er horte Tonnen von ABC-Waffen. Der anschließende Krieg dauert bis heute an. (Zur Ehrenrettung der NYT sei gesagt, dass sie später eine seitenlange, minutiöse Richtigstellung ihrer irreführenden Berichterstattung brachte.)

Ohne Arbeitsnachweis

2008 schlug das Pendel wieder auf die demokratische Seite, das Land hatte genug von George Bush, seinen holprigen Stolpersätzen ("They misunderestimated me") und seinen Kriegen. Unter anderen Voraussetzungen wäre es kaum möglich gewesen (das war jedenfalls damals vorherrschende Meinung), dass es ein Kandidat wie Barack Obama mit einem so dünnen Arbeitsausweis gleich beim ersten Mal ins Weiße Haus schaffte. Und dazu einer, der einen Mittelnamen trug, der gleich lautete wie der des meistgehassten Gegenspielers seines Vorgängers.

Die Medien liebten Obama, auch wenn diese Liebe im Laufe der Amtszeit erkaltete – nicht zuletzt, weil man ihm vorwarf, durch den Rückzug der Amerikaner als Weltpolizist dem Ansehen und Ruf seines Landes geschadet zu haben. Doch seit Donald Trump in den USA für immer groteskere Schlagzeilen sorgt, sind Obamas "Fehlleistungen" nur noch Futter für Historiker. (Eugen Freund, 4.11.2016)

Eugen Freund (Jahrgang 1951) ist seit 2014 Europaabgeordneter der SPÖ. Zuvor war er jahrelang Journalist beim ORF und als Korrespondent desselben in den USA tätig. Von 1979 bis 1984 leitete er den Presse- und Informationsdienst der Republik Österreich in New York.

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