Blattsalat: Wo Wladimir P. recht hat

4. November 2016, 17:13
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Schuldgefühle gegenüber Migranten sind, anders als Wladimir P. glaubt, kein Hauptelement im österreichischen Gefühlshaushalt

Wenn schon der russische Moralist Wladimir P. vulgärpsychologisch tätig werden muss, um die Auflösung traditioneller nationaler Werte in Österreich zu beklagen, sieht jeder FPÖ-Aktivist in ihm den Kronzeugen dafür, dass in unserem Land tatsächlich etwas nicht stimmen kann. Schuldgefühl gegenüber Migranten ortete er sichtlich betroffen im russischen Fernsehen als Grund für den Freispruch eines Mannes, der in einem Wiener Bad einen zehnjährigen Buben missbraucht hat. Das nennt man qualitativ hochwertige Lokalberichterstattung, ohne Rücksicht auf die Entfernung vom Ort des Geschehens.

Nun sind Schuldgefühle gegenüber Migranten kein Hauptelement im österreichischen Gefühlshaushalt, aber die Quelle, aus der P. sein Wissen über den Freispruch schöpfte, wollte ihn nicht auch noch mit der genauen Information schockieren, wie schnell sich hierzulande traditionelle nationale Werte auflösen.

Schuldgefühl zu Allerheiligen

Das leistete an einem politisch hiefür bestens geeigneten Objekt der heimischen Boulevard, in unterschiedlicher Aufmachung, aber durchwegs ohne erst lange auf Schuldgefühle gegenüber Migranten seelenzergliedernd einzugehen. Schock nach Überfall auf FP-Politikerin überschlug sich "Österreich" Donnerstag groß auf der Seite 1 – Bezirksrätin konnte Räuber in die Flucht schlagen, aber: Kroate von der Polizei gefasst.

Der "Kronen Zeitung" war – völlig unverständlich – dieser eklatante Fall der Auflösung traditioneller nationaler Werte kein Wort auf Seite 1 wert, umso ergreifender breitete sie die schauerliche Moritat über die Seiten 18 und 19 aus. 53-jährige Wiener Stadtpolitikerin wurde am Allerheiligentag brutal überfallen. Wäre die Stadtpolitikerin als solche zu erkennen gewesen, hätte der Räuber vielleicht aus Schuldgefühl vor den Heiligen von ihr Abstand genommen, ein anderes Opfer gewählt, und seine Tat hätte nie als Schock den Weg in eine Zeitung gefunden.

Noble "Krone"

Nun gehört es sich selbstverständlich nicht, Frauen zu überfallen, egal ob es sich um Stadtpolitikerinnen oder nicht handelt, egal welcher Partei und egal wann. Aber die besondere Ruchlosigkeit des Räubers verriet sich eben im Datum. Am Allerheiligentag stieg die FPÖ-Politikerin von ihrem Rad, um das Garagentor aufzusperren, als sie von einem Mann überfallen wurde. Der hat sich zu Allerheiligen womöglich gedacht, so wahr mir Gott helfe, aber Gott hat ihm nicht geholfen, das Opfer half sich selbst. Er versuchte, ihr die Bauchtasche und die Jacke zu entreißen. Die 53-Jährige leistete heftige Gegenwehr. Der Räuber flüchtete mit ihrem Fahrrad Richtung Reichsbrücke. Die alarmierte Polizei konnte den Täter unweit des Tatortes festnehmen.

Anders als "Österreich", das den Kroaten schon im Aufmacher populär machte, hängte die "Kronen Zeitung" in ungewohnter Noblesse nur als letzten Satz an ihren Bericht: Bei dem 30-jährigen Täter handelt es sich übrigens um einen Kroaten.

Blaues Wunder

In geradezu beleidigender Kürze und nicht ohne eine zarte, aber eher unbeabsichtigte Ironie war die Sensation in "Heute" berichtet. Die Brigittenauer Politikerin war diesmal nicht im Porträt, sondern unidentifizierbar geschrumpft mit ihrem Fahrrad abgebildet. Um das Bild schmiegte sich eine kleine zweispaltige Notiz unter dem Titel Bezirksrätin als Raub-Opfer: Gauner war ein Serien-Täter!

Passend zum Allerheiligentag berichtete das Blatt: Die Brigittenauer Politikerin (FP) wollte am Dienstag um 10 Uhr in der Radingerstraße (Leopoldstadt) ihr Garagentor aufsperren, als sie plötzlich ihr blaues Wunder erlebte. Ob das Wunder bei der Politikerin einer anderen Partei auch blau ausgefallen wäre, blieb ebenso offen wie, ob es sich beim Wundertäter nun um einen Räuber oder um einen Gauner gehandelt hat.

Grün und blau geärgert

Und seine Flucht verlief diesmal anders. "Als ich mich wehrte, wollte er mit meinem Rad flüchten. Es kam zu einem Gerangel und der Täter lief weg." Auch als Serien-Täter hatte er wenig zu bieten. "Es stellte sich heraus, dass er auch einer anderen Frau die Handtasche geraubt hat", ärgerte sich die Bezirksrätin – zum Wunder passend - grün und blau.

"Österreich" blieb der Ruhm, die Story um ein Symbolfoto zu bereichern, auf dem ein Kapuzenträger einer Frau die Handtasche entreißen will. Das wirkte: Die FPÖ hat entsetzt reagiert. Und der Brigittenauer FP-Obmann durfte sagen: "Ich bin schon gespannt, ob die rot-grünen Willkommensklatscher wieder etwas von einem Einzelfall faseln oder sich ganz verschweigen werden. Wladimir P. hat ja so recht! (Günther Traxler, 5.11.2016)

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