"Augustus" von John Williams: Bescheidenheit ziert die Cäsarenmacht

5. November 2016, 12:00
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Aus lauter fiktiven Briefzeugnissen entwarf US-Autor ein irritierendes Porträt des ersten römischen Kaisers. Der Roman liegt jetzt endlich posthum auf Deutsch vor

Wien – Der Kaiser selbst kommt erst ganz zum Schluss zu Wort. Gaius Octavius Cäsar (63 v. Chr. bis 14 n. Chr.) sitzt müde und abgezehrt auf dem Deck eines kleinen Segelschiffes, das ihn nach Capri bringt. Er, der mächtigste Mann Roms, hat das Reich aus den Wirren des Bürgerkrieges herausgeführt. Er hat ihm als umsichtiger Verwalter eine beispiellose Blüte beschert und die Grenzen bis an die Ränder der damals bekannten Welt ausgedehnt.

Als Imperator ist es ihm gelungen, den Machtanspruch des Imperiums mit den republikanischen Tugenden Roms zu versöhnen. Über die Doppelmoral seiner Anstrengungen macht sich dieser spröde, in sich verschlossene Gesetzespapiertiger nicht die geringste Illusion.

Dennoch blickt Augustus ausgenüchtert zurück auf ein Lebenswerk voller Widersprüche. Nichtig sind die Machenschaften der Lebenden, schreibt er an seinen Freund und intellektuellen Sparringspartner, den Philosophen Nikolaos von Damaskus. Zu besichtigen ist in dem Briefroman Augustus ein unglaublich tintenklecksendes Säkulum. Pergament und Papyrus finden kaum Gelegenheit zu trocknen.

Nicht nur Ausdruck stupender Gelehrsamkeit

Augustus war der letzte vollendete Roman des US-Amerikaners John Williams (1922-1994). Für ihn erhielt er, der in einer unscheinbaren Ecke der USA, in Denver, Colorado, die schwere Kunst des Schreibens lehrte, 1973 den National Book Award. In der Tat ist das Buch nicht nur Ausdruck stupender Gelehrsamkeit. Es scheint, als ob Williams, posthum bejubelter Autor des Jahrhundertromans Stoner (1965), nach geduldiger Lektüre alle lateinischen Quellen beiseitegeräumt hätte, um den Blick freizubekommen auf eine Gestalt, die ihre eigenen Schriften mit einer ominösen Sphinx zu zeichnen pflegte.

Anhänger des gehobenen Sandalenfilms kommen bei Augustus schwerlich auf ihre Rechnung. "Kein Kissinger in Toga", hat Williams während der geduldigen Arbeit an seinem Opus vielsagend notiert. In der Tat gleicht dieses aus unzähligen Briefstellen zusammengesetzte Mosaik einem antiken Fahndungsbericht. Die Zeugnisse sind allesamt fingiert.

Unbezähmbarer Wille

Zu Wort kommen Freunde und Widersacher eines Imperators, dessen relative körperliche Schwäche von den Aufschwüngen eines schier unbezähmbaren Willens bei weitem aufgewogen wird. Als Sohn eines Plebejers geboren, verschafft dem geistig regen Octavian sein Großonkel und Adoptivvater Cäsar Zugang zu den Quellen altrömischer Macht. Gaius Octavius wirkt abgestoßen von den Ritualen, mit deren Hilfe sich die Funktionsträger Gehör und Geltung bei Volk und Senat verschaffen. Die Nachricht von der Ermordung Cäsars 44 v. Chr. erreicht den Jüngling in Makedonien. Vom Onkel als Erbe eingesetzt, verstrickt er sich ohne Zögern in die Nachfolgekämpfe mit den Cäsar-Mördern und vor allem mit Marcus Antonius, dem vierschrötigen Instinktpolitiker.

Die Folgen sind nicht erst seit Shakespeare bekannt. Octavius vernichtet Marc Anton und dessen Gefährtin Kleopatra. Wiewohl jeder Grausamkeit persönlich abhold, lässt er die Frucht von Cäsars Verbindung mit der erotisch umtriebigen Ägypterin sicherheitshalber ermorden. Zu viele Cäsaren seien nicht gut, meint der Pragmatiker Octavian.

Der Imperator als dünnstimmiger Freund der Künste

Und doch jagen zahllose Freunde und Erfüllungsgehilfen einem Enigma hinterher. Im Umgang mit Dichtern wie Vergil, Horaz und Ovid erweist sich der frischgebackene Imperator als dünnstimmiger Freund der Künste, der noch lieber der Wettleidenschaft frönt. Seine geliebte Tochter Julia wird nach Aufdeckung eines Komplotts unter fadenscheiniger Zuhilfenahme ihres liederlichen Lebenswandels aus Rom verbannt.

In der politischen Praxis erweist sich Octavius Cäsar somit als spröder Verfassungspatriot, der einer aktuellen Weltenlenkerin wie Angela Merkel eigentlich gut gefallen müsste. Williams gelingt eine atemberaubende Beweisführung. Je tiefer man nach einer Letztbegründung für Augustus' edle wie für seine abstoßenden Züge schürft, desto vager erscheinen die zugrunde liegenden Begriffe von Moral und Notwendigkeit. Keiner weiß das besser als der mürbe Kaiser selbst, der im letzten Teil seiner Biografie, den Tod vor Augen, die Wortspenden seiner Zeitgenossen geraderückt.

In seiner Rolle als oberster Priester des Kaiserreichs habe er "das Gedärm und die Leber von aberhundert Tieren gedeutet und mit Hilfe der Auguren den Sinn gefunden oder erfunden".

Woraus er schloss, "dass die Götter, sofern es sie gibt, bedeutungslos sind". Nachfolgende Kaiser wie Caligula oder Nero werden seinen knöchernen Pragmatismus verraten. Über allem aber dröhnt das Hohngelächter des famosen John Williams: Unsere unsichere Stellung in der Welt bleibt selbst den Mächtigsten ein Rätsel. (Ronald Pohl, 5.11.2016)

John Williams, "Augustus". Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Bernhard Robben. € 24,70 / 480 Seiten. dtv, München 2016

  • US-Autor und Universitätsprofessor John Williams war ein unaufdringlicher Moralist. Hier sieht man ihn in Denver, Colorado, bei der akribischen Arbeit.
    foto: denver university archives

    US-Autor und Universitätsprofessor John Williams war ein unaufdringlicher Moralist. Hier sieht man ihn in Denver, Colorado, bei der akribischen Arbeit.

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