"Out of b/order": Technik wird zur Kunst der Politik

4. November 2016, 17:05
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Auftakt im Tanzquartier Wien mit Arkadi Zaides und Rabih Mroué

Wien – Gurur Ertem konnte leider nicht kommen. Krankheitsbedingt, verlautet aus dem Tanzquartier Wien, das am Donnerstag sein Festival "out of b/order" eröffnet hat. Dass die Kuratorin und Soziologin aus Istanbul dort ihre Lecture "The Body in (and out of) Borders" nicht halten konnte, war ein empfindlicher Verlust. Ertem ist als Autorin und als Co-Leiterin des Istanbuler Festivals iDans eine der wichtigsten Figuren der Vermittlung zeitgenössischen Tanzes in der Türkei.

Bei "out of b/order" geht es um die Verbindungen und das Trennende zwischen den Territorien, die einmal "Orient" und "Okzident" genannt wurden. Je besser man einander versteht, desto genauer kann die Abwehr von Verhetzungen auf beiden Seiten greifen. Wird das auf kultureller Ebene reflektiert, geht es um die soziale Kompetenz, mit der an Lösungen von Krisen gearbeitet wird. Dabei steht das Verbindende vor dem Trennenden – mit gutem Grund: Auseinanderdividierender Populismus ist zwar erst billig in der Anwendung, seine Folgekosten aber sind, wie die Geschichte zeigt, letztlich ausnahmslos ruinös.

Die zwei Eröffnungsperformances des Tanzquartier-Festivals hatten zum Thema, dass Verstehen Weit- und Nahsicht genauso braucht wie den Willen zum Durchblick. So wirkte die Präsentation einer künstlerischen Recherche des israelischen Choreografen Arkadi Zaides über das EU-Projekt Talos Border Protection System zunächst etwas spärlich.

Bildmedien und Propaganda

Mit Talos wird ein personalsparendes robotisches Grenzkontrollsystem auf Basis garantiert ressourcenschonender Technologie und in einträchtiger Kooperation einiger EU-Länder mit Israel und der Türkei entwickelt. Es zeugt von Mut, das mit choreografischen Mitteln anpacken zu wollen. In Abwandlung eines berühmten Zitats von Clausewitz wird hier die Technik als Fortführung der Politik mit anderen Mitteln dargestellt.

In eine ähnliche Richtung deutete der libanesische Künstler Rabih Mroué auf der Bühne der TQW-Halle G in einer Trilogy von, wie er sie nennt, "non-academic Lectures". Mroués Arbeiten beruhen ebenfalls auf Recherchen, die ihre Wirkung durch eine nichtakademische, aber ausgesprochen tiefgehende Methodik erzielen. Der Grenzgänger zwischen Performance und bildender Kunst untersucht vor allem Bildmedien: solche, die der Propaganda dienen, und jene, die in aller Hände liegen. Da vor allem die Dokumentation per Handykameras.

Im letzteren Fall werden unter dem Titel Pixelated Revolution die Aufnahmen von Demonstrationen und Gewaltakten der Exekutive im syrischen Bürgerkrieg thematisiert. Erst das Verständnis dieser Videobilder macht die aufgenommenen Vorgänge lesbar. Und über die Analyse von Propagandabildern auf den Straßen von Beirut macht Mroué deutlich, wie – etwa von der schiitischen Hisbollah – Märtyrer konstruiert werden. Dabei liefert er Einblicke in die jüngste Geschichte des Nahen Ostens mit. So hatte "out of b/order" einen nachhaltigen und tiefgehenden Auftakt. (Helmut Ploebst, 5.11.2016)

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