Wien Modern: Angstmusik und rasende Idylle

4. November 2016, 16:56
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Das Festival startete im Konzerthaus mit dem RSO Wien

Wien – Vorbei nun die Epoche, da Wien Modern zum Start wie ein Gewerkschaftskongress wirkte. Es ging ja den Klängen – als Präludium – jeweils ein Vortrag voraus. Und wie tiefsinnig dieser auch gewesen sein mochte – das Gefühl einer atmosphärischen Austrocknung des Festivalbeginns war nicht wirklich zu bannen.

Nun, da Bernhard Günther die Obsorge über das Programm trägt, geht es im Konzerthaus ohne Umschweife und also wortlos in die – diesfalls angespannt-angstvolle – Klangwelt. Krzysztof Pendereckis Threnos (1960), gewidmet den Opfern von Hiroshima, ist in der Version von Dirigent Cornelius Meister und des formidablen RSO Wien stets von Schreckliches vorausahnender Innenspannung, die schließlich harmonisch clusterförmig ausufert.

Der Kontrast zu Georg Friedrich Haas' Posaunenkonzert konnte nicht größer sein. Ein malerischer c-Moll-Akkord gemahnte ein wenig an den Beginn von Pink Floyds Shine On You Crazy Diamond, ein friedvolles Licht schickte das Werk also in den Raum, bis die Harfe zu vierteltönigen Einfärbungen schritt. Später nehmen die Strukturen hämmernd Tempo auf, beschleunigen, rasen, es umgarnen den glänzenden Posaunisten Mike Svoboda auch kollektive Glissandi.

In einer Art Monologstilistik, einem instrumentalen Parlando, kommuniziert Svoboda mit dem Orchester innerhalb eines kompakten Werkes mit besonderer Aura. Neben diesem fiel Jorge López' IV. Symphonie allein schon des Umfangs wegen auf (etwa eine Stunde, mehr als das Doppelte von Haas), überbordend aber auch die Fülle an Ideen: Ihre Anzahl würde ausreichen, Grundlage weiterer zehn Werke zu sein, verschwenderisch legt López seine Erzählung an.

Die Gedanken kommen und gehen jedoch eher rasch, statt als Objekt der Verarbeitung länger zu verweilen. Das klang denn auch so imposant wie opulent und ermüdend. Es hatte ja alles in sich, was Ausdruck sein kann – Idylle, Bombast, markante Phrase, Expressivität und Innerlichkeit. Von alledem aber zu viel. Das etwas andere ist bei Wien Modern etwa am Samstag zu hören, im Semperdepot (22 Uhr) – die Formation Radian (neue CD on dark silent off). (Ljubiša Tošić, 5.11.2016)

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