Hillary Clinton: Königin der Hausaufgaben

5. November 2016, 17:00
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Die Stärke von Hillary Clinton ist zugleich ihre Schwäche: ihre Vernetzung im Polit-Establishment

Es war ein schwüler Abend im Juli. Im Wells Fargo Center in Philadelphia war der "Roll Call" in vollem Gange: Nacheinander verkündeten Sprecher der 50 US-Bundesstaaten, wen der ihre zum Präsidentschaftskandidaten zu küren gedachte – wobei es keiner verabsäumte, mal stolz, mal augenzwinkernd auf die Vorzüge seines Staates hinzuweisen. North Carolina warb mit dem besten Grillfleisch, Arkansas mit den besten Wassermelonen, Mississippi mit den besten Blues-Klängen.

Für Arizona trat Jerry Emmett ans Mikrofon, geboren 1914, sechs Jahre bevor Frauen in den USA zum ersten Mal wählen durften. "Und 51 Stimmen für die nächste Präsidentin der Vereinigten Staaten von Amerika, Hillary Rodham Clinton!", rief die 102-Jährige mit heiserer Stimme und sah lächelnd zu, wie jubelnde Delegierte zwischen den Stuhlreihen tanzten.

In diesem Augenblick war so etwas wie der Hauch der Geschichte zu spüren. Der hochemotionale Auftritt einer Zeitzeugin machte eindrücklich klar, welchen Meilenstein das Land am 8. November passieren könnte. Acht Jahre nach dem ersten Schwarzen im Weißen Haus die erste "Madam President": Das Merkwürdige ist bloß, dass das Historische im Wahlkampf Hillary Clintons allenfalls am Rande Erwähnung findet.

"Weil wir Frauen gerne Listen anlegen"

Vielleicht liegt es daran, dass ihr große Worte einfach nicht liegen. Sie schmiede lieber Pläne, hat sie neulich gesagt. "Vielleicht ist das so eine Frauensache, weil wir Frauen gern Listen anlegen. Ja, das tun wir, wir machen Listen, wir schreiben auf, was wir uns vorgenommen haben; und streichen durch, was wir im Laufe des Tages erledigen." Maureen Dowd, die bissige Kolumnistin der "New York Times", nennt Hillary daher die "Königin der Hausaufgaben".

foto: apa/afp/brendan smialowski
Sollte am 8. November die Wahl auf Hillary Clinton fallen, wäre sie die erste Frau im US-Präsidentenamt – ein historisches Ereignis, das im Wahlkampf kaum Thema war.

Barack Obama empfiehlt seine einstige Rivalin mit den Worten, dass "nie ein Mann oder eine Frau qualifizierter für dieses Amt waren". Leute, die Clinton gut kennen, loben ihre herausragende Arbeitsmoral. Es ist wohl die Wahrheit und nicht kokettiert, wenn sie über sich sagt, in all den Jahren im Dienste der Öffentlichkeit sei ihr das Dienen immer leichter gefallen als die Öffentlichkeitsarbeit.

Dabei hat sie immer wieder Geschichte geschrieben. Das erste Mal 1969, auf dem Höhepunkt des Vietnamkriegs. Am elitären Wellesley College am Rande Bostons hielt sie eine vielbeachtete Rede. Statt sich an den vorbereiteten Text zu halten, antwortete sie spontan auf ihren Vorredner, einen republikanischen Senator, der den "Protestzwang" jener Epoche kritisiert hatte. Ihre Generation habe die Pflicht zur Kritik und zum konstruktiven Protest, hielt sie ihm entgegen. Das Magazin "Life" widmete Hillary Rodham damals einen Bericht – es war eine erste Sprosse auf der Leiter zum Ruhm.

Sie war die erste Frau, die der Bundesstaat New York nach Washington schickte. Sie war die erste Frau, die eine offene Vorwahl in einem US-Staat für sich entschied. Als sie 2008 im parteiinternen Duell Obama den Vortritt lassen musste, sprach sie von der "gläsernen Decke", die Frauen den Zugang nach ganz oben versperre – die hat nun, gemäß der Zahl ihrer Wähler, viele Millionen Risse und Sprünge bekommen.

Mit Traditionen brechen

Dass acht Jahre später nichts zu spüren ist von Idealismus oder Aufbruchsstimmung, liegt vornehmlich an Donald Trump, der aus dem Wahlkampf über weite Strecken eine vulgäre Reality-Show machte. Es liegt aber auch an Clintons Schwäche: eine Mischung aus Misstrauen und Geheimniskrämerei. Im kleinen Kreis, bezeugen ihre Freunde, kann sie warmherzig, humorvoll und charmant sein. Festgesetzt hat sich aber das Image einer Kontrollbesessenen, die kühl ist, defensiv und berechnend.

1993 – sie bastelte im Auftrag ihres Mannes Präsident Bill Clinton, an einer Gesundheitsreform – tauchten bei Kundgebungen ihrer Gegner Plakate auf, auf denen "Heil Hillary!" stand. Es ging nicht nur um die Reform: Es ging auch um die Rolle, die sie in der Politik spielte und die nicht der Washingtoner Tradition entsprach.

Als erste Präsidentengattin bezog sie ein Büro im "politischen" Westflügel des Weißen Hauses, statt sich mit dem repräsentativen Ostflügel zu begnügen, wie es für First Ladies üblich war.

Als Bill Clinton kurz vor seinem Wahlsieg 1992 wegen einer seiner vielen Frauengeschichten in Erklärungsnot geriet und sie ihn in einem TV-Interview verteidigte, sagte sie einen Satz, den ihr das konservative Amerika bis heute übelnimmt: "Wissen Sie, ich sitze nicht hier, um wie eine kleine Frau zu ihrem Mann zu stehen, so wie Tammy Wynette." "Stand by your man", sang die Countrysängerin – doch Hillary Clinton machte deutlich, dass es eben auch politische Projekte waren, die sie mit Bill verbanden. Auf Augenhöhe.

"Mein Mann, mein Präsident"

Nachdem 1998 die Affäre ihres Mannes mit der Praktikantin Monica Lewinsky bekannt geworden war, wetterte sie gegen eine politisch motivierte Verschwörung der Rechten. "Als seine Frau hätte ich ihm den Hals umdrehen können", schrieb sie später in ihren Memoiren. "Aber er war nicht nur mein Ehemann – er war auch mein Präsident."

David Maraniss, einer der großen alten Reporter der USA, sprach in einem kürzlich ausgestrahlten Dokumentarfilm von einer Art progressivem Sendungsbewusstsein. "Der Zweck heiligt die Mittel, denn wir stehen auf der richtigen Seite der Barrikade", beschrieb er das Credo der Clintons. Wer die beiden kritisiere, attackiere bloß deren noble Absichten.

foto: ap photo/susan walsh
Eine Art progressives Sendungsbewusstsein verbindet die Clintons, hier auf einem Archivbild aus dem Jahr 1998.

Als der Kongressausschuss, der den Tod von vier Amerikanern im libyschen Bengasi untersuchte, eher zufällig auf den privaten Server stieß, den die damalige Außenministerin für dienstliche E-Mails nutzte, verschanzte sich Clinton erneut in ihrem Bunker und gab immer nur das zu, was nicht mehr zu leugnen war. Auch deshalb ist der Mangel an Glaubwürdigkeit heute ihr größtes Problem.

Und auch die Nähe zum "großen Geld" ist eine Achillesferse. Nach ihrem Ausscheiden aus dem State Department hielt Clinton drei Reden vor Bankern von Goldman Sachs – jeweils vergütet mit 225.000 Dollar (202.000 Euro), dem Vierfachen des Jahreseinkommens einer US-Durchschnittsfamilie. 2007 bis 2015 verdienten Bill und Hillary 139 Millionen Dollar. Es gibt scharfe Zungen, die daher von "Clinton Incorporated" sprechen, dem profitablen Familienunternehmen.

Warum sie nicht auf die Bremse trat? Publizistin Dowd hat sich in launigen Zeilen an einer Antwort versucht: Hillary vergleiche sich offenbar mit einer Bischöfin, die glaube, sich ein Leben auf dem Niveau ihrer wohlhabenden Gemeindemitglieder verdient zu haben – "dafür, dass sie sich Gott und guten Taten verschreibt". (Frank Herrmann aus Washington, 5.11.2016)

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