Sharon Ya'ari: Löchrige, verfärbte Gegenden

7. November 2016, 13:30
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Der Künstler thematisiert in der Galerie Martin Janda Geschichte und Gegenwart der israelischen Landschaft

Sie ist auch unter dem Namen "Golan Iris" bekannt: die Blume, die auf einer der großformatigen Fotografien von Sharon Ya'ari gerade in voller Blüte steht. Neben dieser Iris Hermona, beheimatet in den Golanhöhen, sieht man das Bild Arbutus 1969, das einen Erdbeerbaum zeigt, sowie ein Foto, das Blossom 1968 – "Blüte 1968" – heißt.

Sharon Ya'ari, 1966 in Tel Aviv geboren, hat die vor Lebenskraft sprühenden Bilder aus den späten 1960er-Jahren als Dias gefunden und stark vergrößern lassen. Verschiedene Wasserquellen und eine üppig blühende Vegetation sind die dominierenden Motive dieser scheinbar völlig unpolitischen Landschaftsaufnahmen, die im Laufe der Jahre zum Teil ihre Farben verloren haben. Einige sind rotstichig geworden und weisen bei näherer Betrachtung zahlreiche Kratzer, mitunter sogar kleine Löcher auf.

Wie etwa jene Fotografie, die der laufenden Ausstellung von Sharon Ya'ari in der Galerie Martin Janda auch ihren Titel gibt: Officer's Pool 1969 zeigt einen Swimmingpool in den Golanhöhen, der ursprünglich für Soldaten der syrischen Armee gebaut wurde. Die Aufnahme zeigt allerdings zwei israelische Soldatinnen, die an dem Wasserbecken sitzen, das heute, Jahrzehnte später, zu einer Attraktion für Wanderer und Naturliebhaber geworden ist.

Werbung für das "das neue Europa im nahen Osten"

Weil die gezeigten (Landschafts-)Motive teils in stark umkämpften Gebieten lagen, wurden die Fotos vorwiegend von Soldaten und nur zum Teil von Amateurfotografen aufgenommen. Es galt, die Leistungen der Israelis zu dokumentieren, die mit den Bildern der kultivierten Wüstenlandschaft Politik machten.

Neben der Zurschaustellung des technischen Könnens warb man mit diesen Bildern für das "neue Europa im nahen Osten". Die Aufnahmen der Wasserreserven – etwa des Sees Genezareth – hatten neben ihrer politischen, religiösen und ikonografischen Bedeutung aber auch noch einen ganz praktischen Zweck: Sie wurden als Unterrichtsmittel eingesetzt, um den sorgsamen Umgang mit Wasser im kollektiven Bewusstsein der Bevölkerung zu verankern.

Im Untergeschoß der Galerie Janda stellt sich die israelische Landschaft dann noch einmal anders dar. Die dort präsentierte Fotoserie zeigt keine grünen Felder oder blühende Wiesen – vielmehr dominieren Staub und fahle Farben die Fotografien. Sharon Ya'ari, der sich für die Verquickung von Natur, Politik, Gesellschaft und Architektur interessiert, hat die Bilder in den letzten zwei Jahren entlang der Route 40 und der Route 211 aufgenommen. Dabei handelt es sich um jene beiden Hauptstraßen im Süden des Landes, die an die ägyptische Grenze führen.

Gestrandet im Niemandsland

Neben den Militärlagern, die es schon seit langem gibt, hat man dort in jüngster Zeit auch Auffanglager für afrikanische Flüchtlinge errichtet. Sharon Ya'ari fokussiert in seiner Fotoserie aber nicht auf das Elend in den Lagern. Wie in einer Art Roadmovie dokumentiert er vielmehr die Fahrt an die Grenze, in der bereits die ganze Verlorenheit der Flüchtlinge liegt. Am Horizont sieht man Militärformationen und vereinzelte Palmen. Strukturiert wird die flache Wüstenlandschaft ansonsten durch Betonpfeiler von Bushaltestellen und in die Höhe ragende Strommasten.

Auf den Bildern sind die Flüchtlinge selbstverständlicher Teil diverser Szenarien, in denen sie vor allem zu warten scheinen. Das unterstützt den Eindruck, sie seien schon vor ewigen Zeiten in diesem kargen Niemandsland gestrandet, in dem es – so denkt man – nur die Option des Vorbeifahrens gibt. (Christa Benzer, 7.11.2016)

Bis 19. 11., Galerie Martin Janda, Eschenbachgasse 11, 1010 Wien

  • Sharon Ya'ari zeigt bei Janda gefundene Fotos aus Israel. Im Bild: "Sea of Galilee (water walk) 1969".
    foto: galerie martin janda

    Sharon Ya'ari zeigt bei Janda gefundene Fotos aus Israel. Im Bild: "Sea of Galilee (water walk) 1969".

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