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Hintergrund12. November 2016, 12:00

Jeder Franzose kennt das unscheinbare, bubenhafte Gesicht. 125 Tage lang hing es im Land aus, und viele fragten sich: Sieht so das Monstrum von Molenbeek aus, der "Staatsfeind Nummer eins" (France TV) aus? Nach seiner Verhaftung und ersten Kontakten relativierte sein belgischer Anwalt, Sven Marty, Salah Abdeslam sei kein Anführertyp, sondern ein Mitläufer, der sich durch eine "bodenlose Leere" auszeichne, ein Kleinkrimineller der "Generation GTA" (Grand Theft Auto), der in einem Videogame zu leben glaube. Kurz, "ein kleiner Knülch mit der Intelligenz eines leeren Aschenbechers".

Wie passt das zur Angabe des Staatsanwaltes, Abdeslam habe bei dem Mehrfachanschlag des 13. November eine "Schlüsselrolle" gespielt? Antwort wird vielleicht Abdeslams Prozess geben, für den noch kein Datum feststeht. Ein Jahr nach der Blutnacht von Paris geben Polizeiberichte und die Aussagen Direktbeteiligter aber schon recht genau Aufschluss.

foto: apa / afp / police nationale / dsk
Salah Abdeslam.

1. Die Radikalisierung

Salah Abdeslam, 27 Jahre alt und 1,75 Meter groß, ist ein französischer Sohn marokkanischer Eltern und wuchs im Brüsseler Stadtteil Molenbeek auf. Er war ein Lebemann, wechselte seine Freundinnen wie seine Modeklamotten; er trank Alkohol, trieb sich in Spielhöllen herum und soll auch in Homo-Bars gesehen worden sein. Ferner dealte er; einmal wurde er wegen qualifizierten Diebstahls und Körperverletzung verurteilt.

Etwa ein Jahr vor dem Massaker in Paris fiel er in der Bar Bégouines seines Bruder Brahim – der sich am 13. November in einem Pariser Bistro in die Luft sprengte – immer mehr durch radikalislamistische Sprüche auf. Seine damalige Gefährtin Yasmina erklärte später, er habe nach Syrien in den Jihad reisen wollen.

Von Mary gefragt, ob er den Koran kenne, antwortete er in der Untersuchungshaft, er habe sich eine Interpretation im Internet angeschaut. Später entdeckten die Ermittler auf seinem Computer mehrere Attentatspläne für französische Städte wie Marseille, Toulouse oder Lyon, zum Teil mit Drohnen auszuführen.

2. Die Planung

Ab Anfang 2015 telefonierte Abdeslam mehrfach mit seinem Jugendfreund und Kommandochef Abdelhamid Abaaoud in Griechenland. Danach wechselte er wöchentlich die Handy-Chips. Im September holte er in Budapest mit einem Mercedes zwei Jihadisten ab, die sich als syrische Flüchtlinge getarnt hatten, und händigte ihnen belgische Identitätskarten aus.

In seiner Rolle als Cheflogistiker besorgte er sich in französischen Spezialläden Natriumhypochlorit und Wasserstoffperoxid, um den in Paris verwendeten Sprengstoff TATP herzustellen, und dazu mehrere Zünder; ferner mietete er die für die Anschläge erforderlichen Hotelzimmer und Autos. Zur gleichen Zeit besuchte er in Brüssel weiter Nachtlokale wie das Sphinx oder das Planet. Noch am 8. November 2015 filmten ihn Überwachungskameras mehrerer Kasinos beim Pokerspielen.

afp/lopez
Der Konzertsaal Bataclan im Pariser Zentrum war einer der Anschlagsorte, hier starben 89 Menschen. Am 12. November wird es wieder eröffnet.

3. Die Tat

Fünf Tage später, am 13., fährt Abdeslam drei Attentäter zum Stade de France, wo am Abend Deutschland gegen Frankreich spielt. Das weitere ist unbelegt. In einem Auto findet sich später ein GPS-Eintrag "Place de la République", unweit der Bistro-Terrassen und des Bataclans, wo an jenem Abend 130 Menschen erschossen und 413 verletzt wurden. Sicher ist, dass Abdeslam nach den Anschlägen durch Paris irrt und die Nacht mit Obdachlosen in einem Treppenhaus verbringt; gegen 5.30 Uhr holen ihn zwei Freunde im Auto nach Belgien zurück.

Auf der Fahrt überwinden sie drei Polizeikontrollen. Einmal lässt sie ein Gendarm weiterfahren, obwohl er ihren Joint bemerkt hat. "Heute Abend suchen wir etwas anderes", meint er zu den dreien, nach denen wenige Stunden nach dem Attentat noch nicht namentlich gefahndet wird.

Ein weiteres Mal werden sie eine halbe Stunde für eine Personenkontrolle festgehalten; der belgische Flic erkundigt sich sogar bei den französischen Kollegen, ob sie einen Salah Abdeslam kennten, das ist aber (noch) nicht der Fall. Dabei hatte der Gesuchte seine Identitätskarte in einem sichergestellten Mietwagen hinterlassen – doch die Franzosen durchsuchten das Handschuhfach erst einen halben Tag später.

4. Die Fahndung

Dann aber, als klar wird, dass er der einzige Überlebende des Kommandos ist, beginnt eine wahre Treibjagd auf Abdeslam. Präsident François Hollande verspricht mit finsterer Miene einen "gnadenlosen Kampf". Das hindert den Gesuchten nicht, ab dem 16. November, nur drei Tage nach dem Blutbad, wieder einschlägige Spielklubs in Brüssel aufzusuchen, als wäre nichts geschehen.

Mehr als vier Monate lang entgeht der Franzose der belgischen Polizei immer wieder im letzten Moment. In Frankreich, wo der Schock noch tief sitzt, ärgert man sich, dass Abdeslam an einem Morgen entwischen konnte, weil die belgische Polizei die gesetzliche Sperrfrist für nächtliche Hausdurchsuchungen verstreichen ließ.

Erst am 18. März dieses Jahres wird er bei der Mutter eines Cousins in Molenbeek gestellt. Durch einen Beinschuss verletzt, lässt er sich im Keller verhaften, ohne sich in die Luft zu sprengen. Den Handlanger-Jihadisten zieht es offensichtlich nicht ins Paradies.

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Zuschauer verlassen das Stade de France in Saint-Denis am 13. November 2015.

5. Die Haft

Gut eine Woche lang bleibt Abdeslam in belgischer Haft. Am Tag nach seiner Beinoperation gibt er in einer improvisierten Einvernahme ein einziges Mal zu, er habe Autos und Hotelzimmer für das Terrorkommando gemietet und drei Kamikazes zum Stade de France gefahren; er behauptet aber, er habe einzig auf Weisung seines Bruders Brahim und ihres Chefs Abaaoud gehandelt. Letzteren will er nicht persönlich bekannt haben, was eine plumpe Lüge ist. Auch sagt er, er habe darauf "verzichtet", seinen Sprengstoffgürtel zu aktivieren.

Ende März wird Abdeslam per Helikopter in das größte Gefängnis Europas in Fleury-Mérogis – auf 2855 Zellenplätze kommen 4380 Insassen – bei Paris überführt. Der schmächtige "Barbar" (Hollande) kommt in eine Isolierzelle; das Gitterfenster ist mit Plexiglas abgedichtet, die Nachbarzellen bleiben unbenützt.

Das genügt den Internetforen noch nicht: Abdeslam solle "bei Wasser und Brot" gehalten werden, heißt es allenthalben. Nach einem Besuch in Fleury-Mérogis berichtet der konservative Abgeordnete Thierry Solère vielmehr, für Abdeslam sei ein Sportsaal mit Rudergerät und dergleichen "reserviert". Die Direktion stellt klar, dass das Reglement verlange, dass jeder Häftling mindestens zu einer Aktivität angehalten werde. Ein anderer Abgeordnete, Nicolas Dupont-Aignan, schimpft dennoch über Abdeslams "Ferienklub".

apa/afp/belga/aurore belot
Polizeieinsatz in Brüssel am 18. März, dem Tag an dem Abdeslam verhaftet wurde.

Abdeslams französischer Anwalt Franck Berton protestiert seinerseits gegen die permanente Überwachungskamera in der Isolierzelle, worin er eine "psychologische Folter" sieht. Als die Behörden nicht darauf eingehen, verweigert Abdeslam in seiner ersten Anhörung im Mai jede Aussage. "Er macht von seinem Schweigerecht Gebrauch", erklärte Berton, er sei jedoch guter Dinge, dass sein Klient bald reden werde.

reuters/gonzalo fuentes
Franck Berton legte sein Mandat als Anwalt von Abdeslam zurück.

Seine Aussage wäre zentral. Abdeslam ist der erste bekannte Terrorist, den Frankreich lebend fasst: Khaled Kelkal starb 1995, Mohamed Merah 2012 in Toulouse; die Kouachi-Brüder kamen nach der "Charlie Hebdo"-Attacke von Anfang 2015 um, Larossi Abballa und Adel Kermiche sowie der Nizza-Attentäter Mohamed Lahouaiej-Bouhlel in diesem Jahr.

Schnellkurs-Jihadist

Und vor allem wollen die Opferverbände "verstehen", wie es zu dem 13. November gekommen ist. Sie wollen erfahren, was im Kopf dieser Schnellkurs-Jihadisten vorging. Abdeslam könnte erzählen, wie aktiv er war, wie weit er indoktriniert und ferngesteuert wurde. Die Franzosen wollen wissen, wie ein kleinkrimineller Dandy auf den Salafismus kommt – und wie er die Grenze zum Unfassbaren, dem eiskalten Morden, überschreitet, um danach locker einen Joint zu rauchen.

Aber Abdeslam schweigt beharrlich. Denkt er, dass er sich nur belasten könne, wenn er den Mund öffnet, oder hat er einfach nichts zu sagen? Sein Verhalten klingt jedenfalls nicht nach Strategie: Berton hat sein Mandat Mitte Oktober resigniert niedergelegt. Er erklärte bei einer Pressekonferenz, er glaube nicht mehr, dass sein Klient noch einmal aus sich herauskommen werde, denn er radikalisiere sich immer mehr. "Das Gefängnis ist daran, Salah Abdeslam in eine wilde Bestie zu verwandeln", klagte Berton. "Er hat keinen Zugang zur frischen Luft, er sieht seine Familie nur hinter Glas. In 25 Jahren Karriere habe ich so etwas noch nie erlebt."

foto: afp photo / dominique faget
Ein Polizeikonvoi bringt Abdeslam in das Gefängnis Fleury-Merogis in Frankreich.

Danach forderte auch Abdeslams Bruder den Häftling über das Radio auf, endlich zu reden. Er warnte ebenfalls: "Salah radikalisiert sich immer mehr, er zieht sich auf sich selbst zurück." Aber nach drei schweren Attacken mit mehr als tausend Terrortoten und -verletzten in eineinhalb Jahren will Frankreich mit dem einzigen festgenommenen Attentäter nicht über Überwachungskameras verhandeln.

In den sozialen Medien will ihm niemand menschlichere Bedingungen zugestehen, um ihn für eine aktive Beteiligung an seinem Prozess zu gewinnen. Eher liest man, "früher" – gemeint ist im Algerienkrieg – habe man die Feinde der Nation mit der "gégène" (Elektrofolter) zum Reden gebracht.

Zwischen den Fronten

Der Kriminologe Alain Bauer meint, Abdeslam schweige womöglich, weil er sich zwischen den Fronten wähne: Im Jihad-Lager gelte er als Feigling, da er als Einziger der Attentäter nicht den Märtyrertod gewählt habe. Im Bekennervideo der Terrormiliz IS wurde sein Name unter den heroisierten Attentätern des 13. November nicht genannt. Was immer Abdeslam aussagen würde, es würde von der einen oder anderen Seite gegen ihn ausgelegt.

Vielleicht ist sein Schweigen auch nur seine letzte Waffe, um die Menge in Rage zu bringen, ein wenig wie im Camus-Klassiker "Der Fremde", der vor dem Gang zur Guillotine wünscht, dass ihn bei seiner Hinrichtung möglichst viele Zuschauer "mit Schreien des Hasses" empfangen werden.

foto: apa/afp/thierry monasse
Der belgische Premierminister Charles Michel und Frankreichs Präsident Francois Hollande bei einer Pressekonferenz am 18. März.

Die meisten Franzosen wollen aber nur, dass Abdeslam unschädlich bleibt – und zwar auf immer. Bloß kann in Frankreich niemand länger als 30 Jahre eingesperrt werden. Unter dem Eindruck der Causa Abdeslam hat die französische Nationalversammlung im März beschlossen, dass Terrorverurteilte nicht mehr frühzeitig entlassen werden können, außer wenn unter anderem die Opferverbände damit einverstanden sind. Auch für Abdeslam – der niemanden selbst umgebracht hat – liegt die Maximalstrafe damit bei 30 Jahren. Und dann? Wird er mit 57 Jahren freikommen?

Kein Strafmaß "bis zum Tod"

Präsident Hollande ließ durch seinen Regierungssprecher mitteilen, ein Strafmaß "bis zum Tod" sei unvereinbar mit dem Europarecht sowie der ethischen Vorgabe, dass man einem Menschen weder das Leben noch die letzte Hoffnung nehmen dürfe. Auch der konservative Abgeordnete Patrick Devedjian meinte, dies käme einer "langsamen Todesstrafe" gleich – und Frankreich habe diese 1981 abgeschafft.

An dieser in Frankreich überaus hart erfochtenen humanistischen Errungenschaft dürfte schließlich auch Salah Abdeslam nichts ändern. Ein Jahr nach dem 13. November 2015 erkennen die Franzosen langsam, dass er es schlicht nicht wert wäre. (Stefan Brändle aus Paris, 12.11.2016)

Wissen: Drei Anschläge, 1100 Opfer

Die Anschläge vom 13. November 2015 fanden im Pariser Konzertlokal Bataclan, vor dem Stade de France und in einem Halbdutzend Bistros des Bastille-Viertels statt. Bilanz der Massenschießerei: 130 Todesopfer und 413 Verletzte, davon 100 schwer. Die sieben Attentäter starben durch Sprengstoffladungen oder unter Polizeikugeln.

Zehn Monate zuvor gab es bei einem Angriff auf die Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo und den jüdischen Supermarkt in Paris 17 Tote und 22 Verletzte; drei Terroristen wurden erschossen. Am 14. Juli 2016 starben in Nizza 86 Menschen (plus der Attentäter) bei der Amokfahrt eines Lastwagens; 434 wurden verletzt. Insgesamt wurden bei den drei Anschlägen rund 1100 Menschen getötet oder verletzt; eine unbekannte Zahl Betroffener ist wegen psychischer Traumata in Behandlung. (brä)