Wien ist die Hauptstadt der Melanzani

5. November 2016, 12:00
403 Postings

Wiens Statistikjahrbuch zeigt auch, dass es 2015 die stärkste Zuwanderung seit dem Zweiten Weltkrieg gab

Wien – "Statistik ist cool und sexy", leitete Matti Bunzl, Direktor des Wien-Museums, am Donnerstagabend den Vortrag des Chefstatistikers der Stadt Wien, Klemens Himpele, ein. Der Leiter der MA 23 (Wirtschaft, Arbeit und Statistik) hatte das druckfrische Statistische Jahrbuch 2016 dabei. Seit 1867 gibt die Stadt statistische Werke heraus, seit 1948 erscheint das Jahrbuch jährlich.

foto: matzenberger
Die Innere Stadt ist der einzige Wiener Bezirk, in dem die Bevölkerung seit 2008 nicht gewachsen ist.

Heuer steht vor allem eine Zahl im Vordergrund, nämlich die des Bevölkerungsstandes. Der absolute Höchststand wurde bei der Volkszählung im Jahr 1910 mit rund 2,1 Millionen Einwohnern ermittelt. Derzeit leben, mit Stichtag 1. Jänner, nun 1,84 Millionen Menschen in der Stadt. Im Vergleich zum Vorjahr ist das ein Anstieg um rund 43.200 Personen.

Seit 2000 (1,55 Millionen Einwohner) ist die Bevölkerung damit um rund 300.000 Menschen gewachsen.

Die Prognosen der Stadt zeigen, dass das Wachstum weitergehen wird. Wenn auch nicht in diesem Tempo. Im Laufe des Jahres 2028 könnte die Zwei-Millionen-Marke überschritten werden.

2015 gab es seit dem Zweiten Weltkrieg die stärkste Zuwanderung insgesamt. Wien war mit der Flüchtlingswelle konfrontiert, erläutert Himpele. Die syrischen Staatsbürger waren mit einem Plus von 6800 die stärkste Gruppe. In einer längeren Betrachtung liegen die Deutschen vorn: In den zehn Jahren seit 2005 stellen sie insgesamt die größte Gruppe.

Neben der Zuwanderung wächst Wien auch durch Geburten. Im Jahr 2014 – die Zahlen für 2015 sind im Jahrbuch noch nicht abgedruckt – gab es mit 19.260 so viele Geburten in Wien wie seit 1967 nicht mehr. "Wien erreicht fast wieder die Zahlen der Babyboomer-Jahre", so Himpele. Seit 2004 gibt es in Wien wieder mehr Geburten als Sterbefälle. Aber das liegt nicht an steigenden Geburten pro Frau. Da ist die Zahl mit 1,4 seit Jahren konstant. "Es gibt einfach mehr Frauen im gebärfähigen Alter", so Himpele.

Interessant auch die Vornamensstatistik: Wurden um 1890 die Mädchen noch Rosalie, Leopoldine oder Hermine getauft, heißen sie heute Emma, Mia oder Sara.

Museumsdirektor Bunzl will wissen, ob eine wachsende Stadt eine gesunde Stadt ist. Himpele findet, ja, weil man sich so mit Infrastrukturinvestitionen, etwa in Kindergärten, leichter tue, als wenn man mit einer schrumpfenden Bevölkerung konfrontiert sei. Wenngleich das Wachstum langsamer vonstattengehen könnte.

Übrigens wurde nicht nur trockenes Zahlenmaterial präsentiert, Himpele hatte auch Schmankerln dabei. Etwa aus den Statistischen Jahrbüchern aus dem 19. Jahrhundert, als noch "notorisch Trunksüchtige" erfasst wurden. Auch in der 2016er-Version ist man mit Überraschendem konfrontiert. Im Kapitel Landwirtschaft erfährt der Leser, dass 70 Prozent der österreichischen Melanzani in Wien geerntet werden. Elf Prozent des österreichischen Gemüses wird in der Bundeshauptstadt geerntet – bei 0,5 Prozent der Gesamtfläche des Staates.

Bei den Rebflächen nach Weinsorten liegt mit 183 Hektar der Grüne Veltliner klar vorn.

Schade findet Himpele, dass Daten über Glaubensbekenntnisse kaum zu erfassen sind. Seit Einstellung der Volkszählung 2001 tun sich die Statistiker hier schwer. Auch Vermögensdaten liegen nicht vor: "Wir kennen die Anzahl der Schweine in Wien, aber nicht die der Millionäre." Schweine gab es 2015 übrigens 426. Im Jahr 1991 waren es noch 1473.

Dafür wird man im Jahrbuch auch schlau bezüglich aktueller politischer Herausforderungen. 2015 lag der Jahresaufwand für die bedarfsorientierte Mindestsicherung und andere Sozialleistungen bei rund 545 Millionen Euro. 2011 waren es 385 Millionen Euro. 2016 steigen die Kosten für die Mindestsicherung wie berichtet auf mehr als 664 Millionen Euro, weshalb das Budget um 130 Millionen Euro aufgestockt werden muss. Auch der Schuldenstand ist erfasst. Er lag 2015 bei 5,4 Milliarden Euro, 2008 waren es 1,5 Milliarden Euro. (Rosa Winkler-Hermaden, 5.11.2016)

Share if you care.