Auftakt zur systematischen Ermordung der österreichischen Juden

6. November 2016, 09:00
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Vor 75 Jahren begannen die Litzmannstadt-Transporte

Der 15. Oktober hatte als trüber, kalter Tag begonnen, in Wien blieben die Temperaturen unter zehn Grad, es war windig, leichter Regen setzte ein. In der Stiftgasse 21, wo Margarethe Thomann zuletzt lebte, war es ein gewöhnlicher Morgen. Doch irgendwann fingen ihre Mitbewohner an sich Sorgen zu machen, als Frau Thomann am Vormittag noch immer nicht aus ihrem Zimmer gekommen war. Erst klopften sie an ihre Tür, dann riefen sie ihren Namen. Schließlich traten sie in das Zimmer, es war unversperrt, und fanden Frau Thomann im Bett liegend vor. Ihr Atem war bereits schwach, der Puls kaum noch feststellbar. Der Polizist, der kurz darauf in die Wohnung kam, entdeckte neben dem Bett eine leere Tablettenschachtel. Für ihn war die Sache klar. Er ließ die Sterbende ins Rothschildspital am Währinger Gürtel einliefern, nur dort durften Juden noch behandelt werden. Aber es war alles zu spät.

Margarethe Thomann war 56 Jahre alt, verwitwet, alleinstehend – und am Ende ihres Lebens verzweifelt. Am 19. Oktober hätte sie im Sammellager Kleine Sperlgasse erscheinen sollen, ihr Name stand auf der Liste des dritten Transportes nach Litzmannstadt – so nannten die Deutschen die polnische Stadt Lódz. Hatte sie geahnt, was auf sie zukommen würde? Bereits im Februar und März waren Transporte in polnische Ghettos gegangen. Im September drangen erste Gerüchte von "Judenaktionen" nach Wien. In Polen und Russland, wurde heimlich erzählt, würde die SS Juden erschießen. Bald ging auch die Rede, dass neue Transporte in den Osten bevorstünden. "Osten" bedeutete "nichts Gutes".

Bei einem seiner üblichen Termine in der "Zentralstelle für jüdische Auswanderung" nahm Dr. Löwenherz, der Präsident der Kultusgemeinde, all seinen Mut zusammen und fragte Adolf Eichmann persönlich, ob tatsächlich die Deportationen wieder aufgenommen würden. Das war am 8. September. Eichmann zeigte sich ahnungslos und versicherte, dass nichts geplant sei. Doch bei einer weiteren Vorsprache am 30. September wurde Löwenherz von Eichmanns Stellvertreter Alois Brunner offiziell in Kenntnis gesetzt, dass in den kommenden Wochen insgesamt 5000 Juden aus Wien "umgesiedelt" würden.

Nur wenige wussten, was bevorstand

Es war der Vorabend von Jom Kippur, des höchsten jüdischen Feiertages, als Löwenherz vom beginnenden Ende seiner Gemeinde erfuhr. Die Synagoge war bis zum letzten Platz gefüllt, "Kol Nidre", das Eröffnungsgebet des Versöhnungstages, wurde gesprochen, das eindringliche Gelübde und Sündenbekenntnis. Dann wurden die Bitten um Vergebung vorgetragen: "Denn wir sind nicht frechen Angesichtes und hartnäckig, vor dir zu sagen, wir seien Gerechte und hätten nicht gesündigt, in Wahrheit haben wir gesündigt ..." Als dann Löwenherz zur Thora gerufen wurde, versagte ihm die Stimme, nur die engsten Vertrauten wussten an diesem Abend, was bevorstand.

In den nächsten Tagen erschienen die Kundmachungen, Transportlisten wurden getippt, Einberufungen zum Einrücken ins Sammellager verschickt. "Sie haben sich am 19. Okt. 1941 um 17 Uhr mit Ihren Angehörigen (--) und Handgepäck mit Höchstgewicht von 50 kg pro Person in der Schule Wien II., Kleine Sperlg. 2a einzufinden. Bei Nichterscheinen erfolgt polizeiliche Vorführung." Diese Karte wurde Frau Thomann am 8. Oktober zugestellt.

Zu diesem Zeitpunkt wurden bereits die ersten Selbstmorde registriert, sie mussten von nun an direkt der Gestapoleitstelle gemeldet werden. In den ersten drei Wochen waren es 84 Suizide und 87 Selbstmordversuche. Allein am 15. Oktober, dem Tag des ersten Litzmannstadt-Transportes, nahmen sich 19 Personen das Leben. Fünf sprangen aus dem Fenster, als Ordnungskräfte sie holen kamen. An diesem Tag starb auch Margarethe Thomann. In den Aufstellungen ist stereotyp von Erhängen, Gift, Leuchtgas, Lysol, Ertrinken, Strangulation, Morphium, Lauge, Salmiak usw. die Rede. Daran lässt sich ablesen, in welchem Ausnahmezustand sich die Opfer befanden. Menschen, die mit ihrer Kraft, ihren Nerven am Ende waren. Auffallend sind die Doppelselbstmorde, meist ältere Ehepaare, die offenbar beschlossen hatten, lieber gemeinsam in den Tod zu gehen.

Die 45. Selbstmordleiche

Im Bericht vom 17. Oktober ist Frau Thomann die 45. Selbstmörderleiche, als Ursache steht "Schlafmittel" vermerkt. Auch die Frau in der Liste vor ihr, Katarina Rosenthal, 67, und die Frau nach ihr, Gertrude Ebermann, 44, haben sich mit Schlaftabletten das Leben genommen. Vermutlich ein leichter Tod, aber wer kann das schon sagen? Und wer kann wissen, was dem Entschluss, sich das Leben zu nehmen, vorausgegangen ist. Frau Thomann hatte noch Briefe geschrieben, an ein paar bekannte Frauen, mit denen sie noch in Kontakt stand. Unter ihnen teilte sie ihre Wäsche auf, andere Güter hatte sie nicht mehr besessen.

Eigentlich war Margarethe Thomann katholisch, aber das hatte im Verständnis der Nazis keine Bedeutung. Am 24. Oktober wurde sie auf dem jüdischen Friedhof hinter dem vierten Tor beerdigt, in einem Grab, das unbezeichnet blieb. Wäre es anders gekommen, wäre sie an diesem Tag am Bahnhof Radegast in Lódz aus dem Zug gestiegen. Litzmannstadt war erst der Anfang, der Auftakt. Es blieb nicht bei den fünf Transporten, wie die "Zentralstelle" versprochen hatte. Auf Litzmannstadt folgten Minsk und Riga. Und im Frühjahr 1942 brach schließlich jene Transportwelle los, die bis zum Herbst den Großteil der Wiener Juden fortbringen sollte.

Das ist Frau Thomann erspart geblieben. Und sie hat auch das Elend in Lódz nicht mehr erleben müssen. Dort stieg die Sterblichkeit in den ersten Wochen deutlich an. Viele der Neuankömmlinge gingen an Hunger und Erschöpfung zugrunde. Zwar kamen eine Zeitlang noch Nachrichten aus dem Ghetto, aber in Wien konnte sich niemand auch nur annähernd ein Bild davon machen. Hier zeigte sich vielmehr die Kehrseite dieser ganzen Armseligkeit. Denn auch das Versprechen der "Zentralstelle", dass Familien "geschlossen zur Umsiedlung gebracht" würden, war nichts als Täuschung.

In Wahrheit waren viele Familienangehörige – alte und kranke Menschen – allein in den Wohnungen zurückgeblieben und hatten niemanden mehr, der sich um sie kümmerte. Berichte jüdischer Ärzte, die den Gesundheitszustand und die soziale Situation dieser hilflosen und sich selbst überlassenen Menschen erhoben, sind erschütternde Zeugnisse darüber, wie brutal bereits in der Vorphase des Holocaust die Nazibürokratie mit Menschen umging. Kein Zufall, dass gerade im November und Dezember 1941 die Zahl der Selbstmorde wieder deutlich anstieg.

Andere wiederum trauten sich tagsüber nicht mehr in ihren Wohnungen zu bleiben, tauchten unter und wurden von sogenannten Rechercheuren – Juden, die das Geschäft der Gestapo erledigen mussten – gesucht und ans Messer geliefert. Die jüdischen Ordner, auch Ausheber und irrtümlich Judenpolizei genannt, kamen in die Wohnungen, hielten Nachschau, erkundigten sich bei Nachbarn oder der Hausmeisterin. Auf das Rechercheblatt schrieben sie dann: "abgängig", "wurde nicht angetroffen", "aus Wohnung verschwunden" oder: "Gattin Arierin, verweigert Auskunft, wo Gatte wohnt". Manchmal steht einfach nur: "unbekannt". Manchmal: "angebl. Selbstmord verübt".

Erst der Vater, dann die Tochter

Oft genug aber drohten die Rechercheure, ein anderes Familienmitglied mitzunehmen, wenn sie jemanden, der auf ihren Listen stand, nicht ausfindig machen konnten. Zum Beispiel wurde in der Floßgasse 9/6 nach Chaim Seiler gesucht. Da er zum wiederholten Mal zu Hause nicht angetroffen wurde, machten die Rechercheure Druck auf seine Tochter Eugenie Amschel, die in der Marc-Aurel-Straße 5 wohnte. Nach dem letzten Besuch notierten sie: "bis 1h mittags Frist, da ansonsten Amschel einrücken muß".

Die Drohung wirkte: Am 28. Oktober 1941 wurde Chaim Seiler, 62, nach Litzmannstadt verschickt. Die Tochter Eugenie, 31, wurde im Jahr darauf deportiert. Am 20. Mai 1942 fuhr ihr Zug Richtung Minsk, neben ihr im Waggon ihr Ehemann Joachim und die gemeinsame 8-jährige Tochter Eveline. Am 26. Mai wurde der Zug außerhalb von Minsk entladen, Joachim, Eugenie und Eveline wurden mit den anderen in ein Waldstück gebracht und mit Genickschuss ermordet.

Zu diesem Zeitpunkt könnte Eugenies Vater in Litzmannstadt noch gelebt haben. Gerade noch. Denn im Mai 1942 begann die SS die "Arbeitsunfähigen" nach Chelmno zu transportieren, wo sie in "Gaswagen" getötet wurden. Das ging den Sommer über so. Von den 5000 Wiener Juden, die im Oktober und November 1941 ins Ghetto von Lódz gekommen waren, waren im Herbst 1942 nur noch 615 am Leben. (Gerhard Zeillinger, 6.11.2016)

  • Vorladungskarte der "Zentralstelle für jüdische Auswanderung", die Margarethe Thomann am 8. Oktober erhielt und auf der nachträglich ihr Tod vermerkt wurde. Die hier verwendete Schreibweise – also mit nur einem "n" – ist übrigens unkorrekt.
    foto: archiv ikg wien, bestand jerusalem, a/w 2765

    Vorladungskarte der "Zentralstelle für jüdische Auswanderung", die Margarethe Thomann am 8. Oktober erhielt und auf der nachträglich ihr Tod vermerkt wurde. Die hier verwendete Schreibweise – also mit nur einem "n" – ist übrigens unkorrekt.

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