"Winter Wonderettes": Wer hat hier vom Lametta geraucht?

4. November 2016, 16:51
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In den Wiener Kammerspielen geht Weihnachten schon jetzt los. Mit der Europa-Uraufführung eines Betriebsweihnachtsfeier-Glammusicals. Es warten 20 Songs und noch mehr Packerl, Haarspray und Lametta

Wien – Heutzutage ist die Welt schrecklich kompliziert. Terror, Krise, Sexismus, iOS-Updates, frage nicht! Damals, als zu Weihnachten noch verlässlich Schnee lag und Rollenbilder noch keine Genderverstöße waren, ja, damals spielt Winter Wonderettes. In einer beschaulichen amerikanischen Kleinstadt anno 1968. Das wirklich Schöne daran aber ist: Das kommt auch dem Humor entgegen. Klischees sind nämlich immer Spaßkanonen. Huiuiui.

josefstadttheater

Beziehungsweise Hohoho. Ruth Brauer-Kvam als Suzy etwa ist eine einfältige, quietschige Überdrehte. Dafür kann sie steppen. Cindy Lou (Susa Meyer) ist mehr die Sexuelle. Missy (Salka Weber) ist für eine Kleinstadtblume auf ihrer Hochzeitsreise weit rumgekommen. Und Ana Milva Gomes als Betty Jean? Die wird gekündigt. Das knickt ein bisschen, ist aber nichts, worüber ein erstes Date mit einem potenziellen und potenten Ernährer nicht hinweghelfen könnte.

Beschwingliche Weihnacht

Ja, so hat Roger Bean sich sein Weihnachtsmusical Ende der 1990er ausgedacht. 20 Songs, die die besinnlichste Zeit im Jahr zur beschwinglichsten machen sollen. In den Kammerspielen feiert es seine Europa-Premiere. Ein Witz traf dabei direkt ins Mark: Die deutschsprachige Weihnachtsliedtradition ist, zugegeben, oft eher sakralen Charakters. Deshalb wird O Tannenbaum verswingt. Ladies, nur kein Gerangel, es ist also alles halb so schlimm!

Aber nur halb. Die hierzulande – wertungsfrei – großteils eher unbekannten Nummern werden von der Story einer Firmenweihnachstfeier in Harry Harper‘s Haushaltswarenladen leidlich gefasst. Wie gut die Stimmen der Darstellerinnen sind, geht in mancher Banalunterhaltung etwas unter. Aber muss das beim Weihnachtssingen des Betriebschors nicht so sein? Schuldet sich das nicht der Authentizität in dieser unserer Plastikmusicalwelt?! Man harrt also zwiegespalten des Ausgangs.

Heiland oder Hit?

Zugunsten der Produktion vor liegen einstweilen auch Ausstattung (Bühne sowie Regie: Werner Sobotka) und Liveband. Die spielt hinterm Packerlhaufen. Jener dient auch als Showtreppe, nur die Frisuren der vier Damen sind höher. Die Köpfe schütteln sie wie Glockengebimmel – in Arbeitskitteln mit glitzernden Schneeflocken drauf, bis der Glamour durchbricht. Als hätten sie vom Lametta geraucht, angezündet am offenen Kamin links hinten. Die goldene Discokugel als moderner Bethlehem-Stern (ist ein Hit geboren?) kommt nicht zur Ruhe.

Die flotte Regie ist mal ein choreografierter Trubel, dann wieder eine Soli andächtig lauschende Personenführung. Vor dem Mitmachpart in Acht nehmen sollten sich die Herren und Damen auf den Sitzplätzen ... – ach, nein, ich will Ihnen nicht die Überraschung verderben! Jedenfalls ist er sehr charmant!

Schlussendlich ist man etwas beschwingt. Es wird ja Weihnachten, warum sich das Leben unnötig erschweren. Außerdem haben sich noch ein paar feierliche Momente eingeschlichen. Im Programmheft steht ein Eggnog-Rezept. Das Jänner-Publikum muss eine andere Rechtfertigung finden. Begeisterter Premierenapplaus. (Michael Wurmitzer, 4.11.2016)

  • Salka Weber, Ana Milva Gomes, Ruth Brauer-Kvam und Susa Meyer (v. li.) unterm Xmas-Tree. Sie bleiben dort nicht allein.
    foto: rita newman

    Salka Weber, Ana Milva Gomes, Ruth Brauer-Kvam und Susa Meyer (v. li.) unterm Xmas-Tree. Sie bleiben dort nicht allein.

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