Schlimmste Umweltkatastrophe Brasiliens jährt sich

5. November 2016, 09:00
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Vor einem Jahr brach der Damm der Eisenerzmine Samarco. Tausenden Menschen wurde ihre Existenz geraubt. Betroffene kämpfen noch immer um Entschädigung

Die Katastrophe kündigte sich durch ein dumpfes Grollen an. Kurze Zeit später kam die Schlammlawine und schwemmte alles erbarmungslos weg. Innerhalb von elf Minuten versanken die rund 300 Häuser in der rot-braunen Masse. Vor einem Jahr wurde das Dorf Bento Rodrigues in den Bergen von Minas Gerais dem Erdboden gleichgemacht. 14 Dorfbewohner riss der "braune Tsunami" in den Tod. Aber nach dieser Tragödie sind die Bewohner auf sich allein gestellt: Von den versprochenen Entschädigungszahlungen haben sie fast nichts gesehen.

Wie zerklüfteter Kast erhebt sich der inzwischen getrocknete steinharte Schlamm. Dort, wo einmal Häuser standen, sind kleine Fähnchen gesteckt. "Wir hoffen, dass wir persönliche Sachen finden, Fotos unserer Kinder, als sie klein waren", sagt die 64-jährige Ana-Luisa. "Unsere ganze Erinnerung liegt hier begraben." Ein paar Meter weiter durchgraben Archäologen den Boden. Sie sind auf der Suche nach den Überresten der barocken Kapelle von Bento Rodrigues. Das Gebiet ist weiträumig abgesperrt. Bei Regen würde es sich binnen kurzer Zeit wieder in die tödliche braune Schlammlawine verwandeln.

Verursacht wurde die schlimmste Umweltkatastrophe in der Geschichte Brasiliens durch den Bruch eines Rückhalte- und Klärschlammbeckens der Eisenerzmine Samarco, dem größten Arbeitgeber der Region. 62 Millionen Kubikmeter Schlamm ergossen sich in die Ebene und flossen dann in den Rio Doce, den mit 850 Kilometern größten Fluss und die Lebensader der Region. Hunderte Menschen verloren ihre Häuser, Tausende ihre Existenzgrundlage. Nach knapp drei Wochen kam der graubraune Schlamm an der Atlantikküste an und löste dort eine weitere Umweltkatastrophe aus. Experten gehen davon aus, dass es hundert Jahre dauern wird, bis die Rückstände aus Schwermetallen verschwunden sind und sich die Natur regeneriert hat.

Vorwurf der Fahrlässigkeit

Die Betreiber der Mine, die australisch-britische BHP Billiton und der brasilianische Bergbaukonzern Vale, streiten seitdem über die Schuldfrage für die Katastrophe. Sie machen ein Erdbeben für den Bruch des Damms verantwortlich. Die Staatsanwaltschaft sieht das anders und hält Samarco für hundertprozentig schuldig. "Es war kein Unfall, sondern grobe Fahrlässigkeit bei der Überwachung des Damms", sagte Staatsanwalt Carlos Eduardo Ferreira Pinto. Mehrere Ingenieure hatten ausgesagt, dass viel mehr Schlamm als zugelassen in dem Becken war und dies zum Dammbruch geführt habe. Frühzeitige Warnungen habe die Geschäftsleitung ignoriert.

"Das ist alles, was uns noch bleibt, ein Museum der Tragödie", sagt Ana Luisa da Silva, die auf der ehemaligen Dorfstraße von Bento Rodrigues steht. Nicht einmal die Ruine ihres Hauses ist zu sehen, es ist unter den Schlammmassen begraben worden – zusammen mit all ihren persönlichen Habseligkeiten. Sie hat den Schritt gewagt und sich einer Prozession zu Ehren der Heiligen Jungfrau Mercedes angeschlossen. Zehn Tage hatte das Dorf das Fest immer gefeiert, ein Höhepunkt des Jahres. Jetzt ist es ein Rundgang durch Trümmer. Viele Bewohner sind aus Angst vor der Erinnerung der Prozession ferngeblieben.

Noch immer wohnen die rund 600 Bewohner von Bento Rodrigues in Notunterkünften oder bei Verwandten. Samarco hat sich zwar verpflichtet, eine neue Siedlung neun Kilometer entfernt aufzubauen. Eigentlich, so lautete das Versprechen, sollten die Bewohner bereits im kommenden Jahr umziehen können. Doch es ist noch nicht einmal der erste Spatenstich gemacht. Drei Jahre hat Samarco jetzt für den Bau der neuen Gemeinde veranschlagt.

Auch entlang des Rio Doce lassen sich die Folgen der Umweltkatastrophe immer noch hautnah erleben. Bauern stehen vor ihren mit giftigem Schlamm bedeckten Feldern. Familien, die vom Fischfang gelebt haben, mussten wegziehen. Touristenorte wie Vila Regência an der Atlantikküste sind verlassen, Hotels und Surfschulen verbarrikadiert. Trotz eindeutiger Schuldzuweisung mussten die Menschen in einzelnen Verfahren von Samarco Wiedergutmachungsleistungen erkämpfen, die umgerechnet zwischen 4000 bis 7500 Euro liegen.

Juristisches Tauziehen

Das juristische Tauziehen über die milliardenschweren Entschädigungs- und Strafzahlungen zieht sich. Im März schlossen BHP und Vale eine Übereinkunft mit der brasilianischen Regierung über eine Summe von umgerechnet 4,6 Milliarden Euro Schadenersatz. Das Geld soll in einen Fonds zur Wiedergutmachung fließen. Doch die Staatsanwaltschaft dringt wie auch Umweltorganisation auf einen höheren Schadenersatz. Sie verglich den Dammbruch von Samarco mit dem Unglück der Bohrplattform Deepwater Horizon 2010 im Golf von Mexiko. Der Betreiber BP musste rund 34 Milliarden Euro Entschädigung zahlen.

Ende November beginnt die Regenzeit und damit die Angst vor Erdrutschen. Samarco errichtet daher einen Damm auf dem Gelände von Bento Rodrigues. Dort, wo einmal Häuser standen, fahren jetzt Bagger Sandberge zusammen. Für die Bewohner ist das ein weiterer Schock. "Dieser Damm ist ein weiteres Verbrechen an unserer Gemeinschaft. Uns wird damit die letzte Erinnerung genommen", sagte Bewohner Lucimar Muniz. (Susann Kreutzmann aus São Paulo, 5.11.2016)

  • Der Rio Doce wurde durch den Dammbruch der Eisenerzmine Samarco auf einer Länge von 666 Kilometern verseucht.
    foto: foto: apa / afp / fred loureiro

    Der Rio Doce wurde durch den Dammbruch der Eisenerzmine Samarco auf einer Länge von 666 Kilometern verseucht.

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