Neue Studie: Wie Europa Landgrabbing begünstigt

6. November 2016, 09:00
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Eine Studie zeigt, auf welche Art europäische und auch österreichische Akteure in die Landnahme involviert sind

Wien – 17.000 Hektar Land hat ein Agrarunternehmen des auf Mauritius beheimateten Investors Agrivision Africa in den vergangenen Jahren in Sambia gekauft. Land, auf dem zum Teil lokale Bauern Produkte für ihre Selbstversorgung anbauten. "Die Dorfgemeinschaft sollte innerhalb weniger Tage das Land verlassen. Wir konnten das durch Intervention bei den Provinzbehörden vorerst noch stoppen", erklärt Roman Herre von der Menschenrechtsorganisation Fian.

Die Spuren des Landdeals führen nach Luxemburg, Deutschland und Österreich, so Herre, der mit Kollegen von Fian und dem niederländischen Institute for Social Studies (ISS) eine Studie über die Rolle europäischer Investoren bei globalem Landgrabbing für das Europaparlament angefertigt hat.

323 Fälle untersucht: "Nur Spitze des Eisbergs"

Das Unternehmen, das das von der Dorfgemeinschaft genutzte Land in Sambia von einer Bahngesellschaft kaufte, erhielt zehn Millionen Dollar vom African Agriculture and Trade Investment Fund (AATIF), einem in Luxemburg angesiedelten Fonds, der vom deutschen Entwicklungsministerium, dessen Entwicklungsbank und der Deutschen Bank aufgelegt wurde. Auch die Österreichische Entwicklungsbank ist mit 24 Millionen beteiligt, geht aus einem AATIF-Quartalsreport hervor.

323 Fälle, in denen europäische Akteure oft über komplexe Finanzstrukturen an Landdeals im Ausmaß von 5,8 Millionen Hektar involviert sind, wurden für die Studie gesichtet. Sie seien aber nur die Spitze des Eisbergs, so Herre: "Die Finanzparadiese Luxemburg, Liechtenstein und England gehören zu den am stärksten involvierten Ländern Europas."

"Armen Bevölkerung kommt nichts zugute"

Die Strategie der Entwicklungsbanken, die wirtschaftliche Situation vor Ort verbessern zu wollen, geht für Herre nicht auf – zumindest nicht für den Großteil der Einwohner. "Der Investor baut auf dem Land in Sambia Soja für den regionalen Futtermittelmarkt und Weizen an, der an der Johannesburger Börse gehandelt wird. Die Produkte werden am lukrativsten Markt verkauft. Der armen Bevölkerung kommen sie nicht zugute."

Herre sieht einen globalen Prozess, der mit der Finanzkrise an Fahrt aufnahm und in den betroffenen Staaten für ein strukturelles Problem sorgt. "Der Finanzmarkt sucht nach neuen Investitionen und nimmt damit Armutsgruppen vor Ort den Zugang zu Land."

Was würde die Lage also verbessern? Verbindliche und globale Regulierungsansätze, die auch Entschädigungsmechanismen beinhalten, entsprechende Zoll- und Handelspolitiken und bessere Kooperation von EU und Uno im Menschenrechtsbereich könnten die Probleme eindämmen, so Herre. Und natürlich: "Die europäischen Staaten selbst sollten sich nicht über die Aktivitäten ihrer Entwicklungsbanken beteiligen." (Alois Pumhösel, 6.11.2016)

Zur Studie

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    foto: apa/epa/dai kurokawa

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