"Battlefield 1" im Test: Der Erste Weltkrieg für Disneyland-Besucher

Rezension6. November 2016, 11:00
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EAs spielerisch eindrucksvolle Vermischung realer Dramen mit weichspülendem Kommerz

Die Eröffnungsschlacht von "Battlefield 1" erinnert in ihrer Dramaturgie an die Schreckensbilder, die Steven Spielberg seinem Publikum in der ersten Szene von "Saving Private Ryan" zumutet. Doch anstelle der Landung in der Normandie wird man knapp 30 Jahre früher in die Grabenkämpfe des Ersten Weltkriegs versetzt.

Der Krieg, der alle Kriege beenden sollte und nichts änderte, wird mit Kugelhagel, splitternden Granaten und Giftgasangriffen inszeniert. Der Spieler greift unmittelbar ins Geschehen ein und versucht um sich schießend dem unvermeidlichen Tod zu entkommen. Als wäre man in einer morbiden Version eines Hamsterrads gefangen, wird man mit jedem Ableben als ein anderer Kämpfer wiedergeboren, nur um erneut zu sterben.

Bild: Der Erbarmungslosigkeit des Krieges streift "Battlefield 1" nur kurz am Anfang der Kampagne.

Kurzer Realitycheck

Es ist die einzige Sequenz im jüngsten Teil der Shooter-Serie, in der man mit dem Gefühl der Machtlosigkeit konfrontiert wird. Der Erste Weltkrieg als sinnlose, unerbittliche Material- und Menschenschlacht. Geführt von traumatisierten Soldaten, die für die politischen Interessen ihrer Anführer zu Millionen ins Gras beißen.

Es bleibt bei einem intensiven und sehr kurzen Realitycheck: Der Rest der Kampagne, der auf diese ersten, grauenvollen Minuten folgt, holt die Spieler wieder gut behütet in die skurrile Gegenwart der Hochglanzspieleproduktionen zurück. In einer Aneinanderreihung von Kurzgeschichten werden die mannigfachen Facetten des Krieges aufgezeigt, aber bei gleichbleibender Bildgewalt mit klischeehafter Heldendramaturgie und den Unmöglichkeiten der Gaming-Trickkiste vermischt.

Actionkinoabsurdität

Als Pilot fliegt man die physikalischen Grenzen biegend gegen deutsche Bomber über London an. Als arabische Rebellin lässt man an der Seite von T. E. Lawrence praktisch eigenhändig einen osmanischen Kanonenzug entgleisen, und in der Rüstung eines italienischen Gebirgsjägers mäht man Blei absorbierend österreichische Stellungen nieder.

Gäbe es den atypischen Anfang nicht, wäre das Zerwürfnis der Entwickler über das, was sie mit ihrem Spiel eigentlich bieten wollen, vielleicht unbemerkt geblieben. Doch so fallen einem mit jeder neuen Actionkinoabsurdität die aberwitzigen Kontraste dieses Flickwerks auf.

Gegen Fritz und Jerry

Als wäre es dem von Spielen und Filmen auf die Zweite-Weltkrieg-Historie geschulten Publikum nicht anders zuzumuten, treten die österreichischen und deutschen Streitkräfte der Mittelmächte ausschließlich als Feinde in Erscheinung. Vor jeder Mission wird man über die geschichtliche Ausgangslage einer bevorstehenden Schlacht informiert und lernt etwa, dass die Flugzeuge und Panzer der Entente ob des hohen Produktionsdrucks oftmals nur experimentell und alles andere als sicher zusammengeschweißt wurden, nur um dann im Spiel robust und treffsicher alles kurz und klein zu ballern. Durchladen, Autoheilung, geht schon weiter.

Der Wolf in Zuckerwatte

Bei allem Zynismus gegenüber dem echten Leid, das hinter jeder Falschdarstellung steht, ist die Genesis dieser pixelprächtigen Kontroverse nachvollziehbar: Spieler wollen in erster Linie unterhalten und nicht traumatisiert werden. So wie sie im "House of Terror" in Disneyland in Zuckerwatte gebettet ihre Portion Schrecken abholen wollen, sehnen sie sich danach, den Revolverhelden im Kevlaranzug zu mimen. Mit dieser Erwartungshaltung im Hinterkopf wäre es wiederum absurd anzunehmen, dass ein fotorealistischer blutiger Stacheldraht und ein brennendes Luftschiff mehr als nur Kulisse sind.

Jemand, der in "Battlefield 1" nach mehr als audivisueller Authentizität sucht, ist so wie jene Protagonisten, die in der Scifi-Serie "Westworld" nach der Wahrheit gieren: allein. Für die Mehrheit ist es Kriegsspielen als Spektakel. Mit großen Explosionen, viel Ketchup und einem endlosen Repertoire an mörderischen Werkzeugen dafür.

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Video: Wir spielen die Kampagne von "Battlefield 1"

Gemeinschaftlicher Adrenalinrausch

Und auf dieser aalglatten Klaviatur spielt "Battlefield 1" alle Stücke, die dann im Multiplayer-Modus parallel ertönend in einem heiteren Marsch aufgehen. Im Zusammenspiel mit 31 Teamkollegen gegen ebenso viele Widersacher rückt der ernste Charakter des Settings vollends in den Hintergrund. Im taktischen Verbund aus Fliegern, Panzerfahrern und Bodentruppen wird der Kampf um Stützpunkte und strategische Stellungen zum nicht selten chaotischen, aber fast immer äußerst kurzweiligen Adrenalinrausch. Man gewinnt und verliert und bis auf Zornes- oder Lachfalten und geschundene Daumen sind keine Nebenwirkungen zu beklagen.

Künstlerisch wäre es insofern mutiger, den Ersten Weltkrieg als jenes Drama zu inszenieren, das er war, und ihm nach 100 Jahren wieder ein Gesicht zu geben. Dass man damit an den Wünschen der Serienfans und den kommerziellen Interessen vorbei entwickelt hätte, ist aber ebenso sicher. So ist Battlefield in seiner oberflächlich bislang härtesten Form ein weichgespülter Genrekönig. (Zsolt Wilhelm, 6.11.2016)

"Battlefield 1" ist ab 18 Jahren für Windows-PC, PS4 und XBO erschienen.

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Nachlese

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Battlefield 1 (Amazon)

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