Studie: Rauchen führt zu jährlich 150 Mutationen pro Lungenzelle

4. November 2016, 05:30
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Rauchen kann mindestens 17 Krebsarten hervorrufen. US-Forschern ist es nun gelungen, die entsprechenden Genveränderungen zu beziffern

Hinxton – Forscher haben spezielle Veränderungen des Erbguts in Krebstumoren von Rauchern entdeckt. Dort kommen fünf Mutationsmuster besonders häufig vor, wie aus einer in "Science" veröffentlichten Studie hervorgeht. Dazu hatten unter anderem Forscher des National Laboratory in Los Alamos (New Mexico) und des Wellcome Trust Sanger Institute (Hinxton) zusammengearbeitet.

Das Rauchen einer Packung Zigaretten am Tag verursacht demnach pro Jahr im Schnitt 150 Mutationen in jeder Lungenzelle. "Bisher hatten wir eine Vielzahl epidemiologischer Hinweise auf die Verbindung zwischen Rauchen und Krebs. Jetzt können wir die von Zigaretten verursachten molekularen Veränderungen in der DNA endlich überprüfen und quantifizieren", sagte Erstautor Ludmil Alexandrow vom National Laboratory.

Selbst Harnblase betroffen

Neben der Lunge gibt es auch in anderen Organen Veränderungen. Im Kehlkopf etwa treten bei gleichem Zigarettenkonsum jährlich im Schnitt zusätzlich 97 Mutationen pro Zelle auf, in der Rachenhöhle 39, im Mund 23. Auch Organe wie die Harnblase (18 Mutationen) und die Leber (sechs Mutationen), die nicht direkt mit dem Tabakrauch in Berührung kommen, sind betroffen.

Die Heidelberger Krebsexpertin Martina Pötschke-Langer hält die Studie vor allem in ihrem Umfang für bedeutsam. "Diese Studie wird sicherlich für große Aufmerksamkeit sorgen", sagte die ehemalige Leiterin der Stabsstelle Krebsprävention des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ).

Pötschke-Langer betonte die feine Unterscheidung der Forscher zwischen Organen, die unmittelbar und mittelbar von dem Tabakrauch berührt werden. "Selbst in der Harnblase und der Leber, also fernen Organen, gibt es Mutationen durch Tabakrauch." Die Studie bestärke vorhandenes Wissen. "Aber die Anwendung des Wissens muss in der Politik und im Parlament folgen." Sie fordert Präventivmaßnahmen wie eine Erhöhung der Tabaksteuer, ein Werbeverbot für Tabakprodukte und mehr Nichtraucherschutz.

Universale Signatur

Die Studienautoren untersuchten mehr als 5.000 Krebstumore und verglichen solche von Rauchern mit Tumoren von Menschen, die noch nie geraucht hatten. Dabei fanden sie im Erbgut von Rauchertumoren bestimmte molekulare Fingerabdrücke. Konkret identifizierten sie bei den 17 Krebsarten, deren Risiko durch Rauchen steigt, mehr als 20 Mutationsmuster.

Eine Variante, "Signatur 4", tauchte hauptsächlich in jenen Organen auf, die direkt mit dem Tabakrauch in Verbindung kommen – etwa der Lunge oder dem Kehlkopf. Andere führten die Forscher auf die Aktivität eines bestimmten Enzyms zurück, von dem man weiß, dass es Mutationen auslöst. "Signatur 5", deren Ursprung unklar ist, wurde bei allen durch Rauchen verursachten Krebstypen entdeckt.

Tabakrauch enthält der Studie zufolge mehr als 7.000 Chemikalien, von denen über 70 krebserregend sind. Mindestens sechs Millionen Menschen sterben demnach jedes Jahr an den Folgen des Rauchens. Falls sich der aktuelle Trend fortsetze, würden der Weltgesundheitsorganisation zufolge bis Ende des Jahrhunderts mehr als eine Milliarde Menschen an den Folgen des Tabakkonsums sterben.

Komplexe Zusammenhänge

Vollständig ist die Ursache des Krebsrisikos bei Rauchern noch immer nicht entschlüsselt. Vor allem bei jenen Organen, die nicht mit dem Rauch in Berührung kommen, bestehen Unklarheiten. "Unsere Forschung macht deutlich, dass der Weg, wie Rauchen Krebs verursacht, noch komplexer ist als gedacht", sagte Mike Stratton vom Wellcome Trust Sanger Institute.

Bekannt ist, dass das Risiko für die meisten Krebsarten schon nach einigen Jahren des Rauchverzichts deutlich sinkt. Nach einer Dekade haben Ex-Raucher laut DKFZ nur noch ein halb so hohes Risiko für Lungenkrebs. Bis das Niveau von Nichtrauchern erreicht ist, dauere es aber 20 bis 30 Jahre. (APA, 4.11.2016)

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