Wie ein Lied zum Ohrwurm wird

3. November 2016, 18:36
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Psychologen filtern Eigenschaften heraus, durch die ein Musikstück zum ungebetenen Dauergast im Kopf wird. Und geben Tipps, wie man einen Ohrwurm wieder loswird

London/Wien – Was haben Queens "Bohemian Rhapsody", Kylie Minogues "Can't Get You Out of My Head" und "Moves Like Jagger" von Maroon 5 gemeinsam? Sie alle wurden in einer aktuellen Studie als INMI ("involuntary musical imagery") eingestuft, auf Deutsch: als Ohrwurm. Als solche definierte ein Team von Psychologen um Kelly Jakubowski vom Goldsmiths-College der University of London Melodiesequenzen mit zwei Eigenschaften, die für die Gedächtnisforschung interessant sind: Sie tauchen erstens ungebeten und zweitens wiederholt im Kopf auf.

Die Forscher interessierten sich diesmal aber nicht für die Vorgänge im Gehirn, sondern für die Frage, wie ein Musikstück beschaffen sein muss, um diese vordefinierte Wirkung auszulösen. Jakubowski arbeitete dafür mit Kollegen aus Deutschland und Dänemark zusammen, die ähnliche Untersuchungen schon früher durchgeführt hatten.

Statistik im Großeinsatz

Für die aktuelle, im Fachmagazin "Psychology of Aesthetics, Creativity and the Arts" veröffentlichte Studie wurde der Rahmen deutlich erweitert. 3.000 Menschen im Alter von zwölf bis 81 Jahren sollten in einer Online-Befragung angeben, welchen Wurm sie zuletzt und welchen sie am häufigsten im Ohr hatten. Aus den Mehrfachnennungen erstellten die Forscher schließlich ein Sample von 100 Popsongs. Dass die Datensammlung den Zeitraum von 2010 bis 2013 umfasste, dürfte erklären, warum Lady Gaga gleich dreimal unter den Top Nine der Nennungen vertreten ist.

Aus früheren Studien weiß man, dass – nicht überraschend – die Häufigkeit und zeitliche Nähe, in der man einem Lied ausgesetzt ist, eine entscheidende Rolle spielt. Aus diesem Grund stellten die Forscher eine Kontrollgruppe zusammen: Musikstücke, die in Hitparadenplatzierung und Radioeinsatz den INMI-Songs entsprachen, die aber trotzdem von keinem einzigen Befragten als Ohrwurm genannt worden waren.

Die Ohrwurmformel

Anschließend ging es mittels Statistik-Software und unter Einbeziehung einer umfangreichen Datenbank von Musikstücken an die Analyse beider Gruppen. Die Forscher interessierten sich für absolute Werte, etwa die Länge von Tönen, ebenso wie für relative: also wie sehr ein Song in seinen Charakteristika einem statistischen Mittelwert entspricht.

Aus den Ergebnissen filterten sie schließlich zumindest einige Faktoren einer möglichen "Ohrwurmformel" heraus. Up-Tempo-Songs setzen sich leichter fest als langsame. Der grundlegende Aufbau sollte gängigen Mustern folgen, insbesondere einem Melodiebogen mit ansteigender und wieder abfallender Tonhöhe, wie er auch in Kinderliedern gerne verwendet wird. Dazu muss aber ein kleiner Überraschungsfaktor im Detail kommen: Der Steigungsgrad dieses Bogens sollte vom Mittelwert nämlich möglichst weit abweichen, unerwartete Intervalle und Wiederholungen helfen ebenfalls. Ein gutes Beispiel sei das Intro zum Gassenhauer "My Sharona" von The Knack.

Maßnahmen zur Vertreibung von Ohrwürmern

Und wie wird man den lästigen Gehirnparasiten nun wieder los, der laut Forschern der Durham University 90 Prozent der Menschen mindestens einmal pro Woche befällt? Ein Team der Universität Reading riet 2015 zum Kaugummikauen, weil die Bewegung der Kiefermuskeln das Kurzzeitgedächtnis und die Klangimagination hemme.

Jakubowski hingegen empfiehlt zwei musikalische Strategien: Da der eigentliche Ohrwurm in der Regel nur eine kurze Sequenz ist, helfe es, sich den betreffenden Song einmal bewusst und in voller Länge anzuhören, um aus der Schleife auszubrechen. Oder man treibt gewissermaßen den Teufel mit Beelzebub aus und denkt an ein anderes Lied. Als besonders effektive Waffe in dieser Hinsicht nennt die britische Forscherin "God Save the Queen". (Jürgen Doppler, 4.11.2016)

  • Musik, vor der es kein Entkommen gibt: Mit "Gangnam Style" setzte der südkoreanische Popstar Psy einen Ohrwurm in die Welt, der 2012 zum Erreger einer globalen Pandemie wurde.
    foto: apa / afp / jung yeon-je

    Musik, vor der es kein Entkommen gibt: Mit "Gangnam Style" setzte der südkoreanische Popstar Psy einen Ohrwurm in die Welt, der 2012 zum Erreger einer globalen Pandemie wurde.

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