Was Österreich von der Start-up-Nation Israel lernen kann

4. November 2016, 09:00
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Israel gilt als Hightechzentrum, bei Förderungen und Hochschulen kann man sich viel abschauen

Sandalentragende Gründer arbeiten in hippen Gemeinschaftsbüros an ihren Macbooks: Wer in Tel Aviv nach Bestätigung für Start-up-Klischees sucht, wird fündig. Wer Gründe für einen Hightechboom und Lehren für andere Länder sucht, aber auch.

Während die österreichische Regierung erst vor kurzem ein 185 Millionen Euro schweres Start-up-Paket ankündigte, weil sie sich von innovativen Tech-Unternehmen höhere Beschäftigungseffekte erhofft als von traditionellen Firmengründungen, hat Israel dieses Potenzial schon vor mehr als 20 Jahren entdeckt – und in viel größerem Ausmaß gefördert. Heute hat das Land gemessen an der Bevölkerung nicht nur die meisten Start-ups der Welt vorzuweisen, sondern auch die höchste Zahl an Ingenieuren und die höchsten Ausgaben für Forschung und Entwicklung. Der Hightechbereich zeichnet für gut jeden zehnten Arbeitsplatz und die Hälfte des Exportvolumens verantwortlich.

Militär und Unternehmerfreude

Was kann sich Österreich von diesem "Start-up-Ökosystem" abschauen? Die Neos luden acht österreichische Gründer zu einer Reise nach Israel ein, um dieser Frage nachzugehen. Der Eindruck der Delegation nach vier Tagen, in denen Universitäten, staatliche Förderstellen, Risikokapitalfonds und andere wichtige Player besucht wurden: Viele landesspezifische Faktoren lassen sich nicht kopieren, etwa die starke Konzentration auf IT und Telekommunikation, die auf der wichtigen Rolle des Militärs fußt. Anderes, wie die vielgepriesene positive Einstellung zum Unternehmertum der Israelis, lässt sich nur sehr langfristig anstreben.

Wieder andere Faktoren, so der Tenor, könnten aber ohne weiteres übertragen werden. Das betrifft mehrere Stationen auf dem langen und oft mühsamen Weg von der Geschäftsidee bis zum fertigen Produkt. Zwei davon sind besonders bemerkenswert.

  • Technologietransfer
    Vorbildhaft ist, wie das unternehmerische Potenzial der Grundlagenforschung genutzt wird. Yissum nennt sich etwa eine Institution, die sich an der Jerusalemer Hebrew University, einem der wichtigsten Forschungszentren, um die Förderung und kommerzielle Vermarktung vielversprechender Technologien kümmert.

    "Es geht darum, Technik in die Außenwelt zu tragen, Investoren darauf aufmerksam zu machen, dass es diese Technologie überhaupt gibt", sagt Dana Gavish-Fridman, Marketingverantwortliche bei Yissum. Der Großteil des mehr als 150 Millionen Dollar Jahresbudget wird dazu verwendet, Unternehmer in einer frühen Phase ihres Bestehens finanziell und mittels anderer Ressourcen zu unterstützen. Entsteht daraus – meist erst nach mehreren Jahren – ein marktfähiges Produkt, fließen Einnahmen zurück. Vor allem geschieht das in Form von Lizenzgebühren von Unternehmen, die die Technologie nutzen.

    Anders als an österreichischen Unis ist die Stelle nicht direkt in die Uni-Struktur eingebunden, sondern ein eigenständiges Unternehmen im Besitz der Hochschule. "Das garantiert Marktnähe und verhindert, dass Politik und Bürokratie darüber entscheiden, was förderwürdig ist und was nicht", sagt Gavish-Fridman.

  • Staatliche Förderungen
    Weiter vorne am Weg von der Idee zum Produkt setzt jene zentrale Förderstelle an, die jährlich 500 Millionen Dollar Steuergeld an Start-ups vergibt. Der Ansatz ist derselbe: Nicht der Staat sucht die vielversprechendsten Projekte aus, sondern private Investoren. 2.000 Förderwerber bekommen jedes Jahr eine Zusage, bis zu 50 Millionen Dollar fließen für ein einzelnes Projekt.

    "Wir fördern nicht die Projekte mit den höchsten Erfolgschancen, sondern die mit dem höchsten Risiko", sagt Anya Eldan, Generaldirektorin des Förderprogramms. Gerade diese würden oft die größten Spill-over-Effekte erzielen, etwa wenn die Technologie auf anderen Gebieten genutzt werden kann. Eben weil sie mit einer hohen Erfolgsunsicherheit verbunden seien, müsse der Staat Anschubfinanzierung leisten. "Wir übernehmen einen großen Teil des Risikos, die Privaten bringen das Know-how. Das System ist sehr reif und effizient", sagt Eldan.

Klotzen, nicht kleckern

Schon bei dessen Aufbau in den 1990er-Jahren nahm der Staat horrende Summen in die Hand: In einem Programm mussten Gründer beispielsweise zwölf Millionen Dollar von privaten Risikokapitalgebern auftreiben. Gelang ihnen dies, legte der Staat weitere acht Millionen an Fördergeldern drauf. Scheitert das Unternehmen, ist das Geld für den Staat zwar weg – durch Steuern und Jobs, die die erfolgreichen Projekte nach sich ziehen, sei der Gewinn für die Allgemeinheit aber um ein Vielfaches höher als die Investitionen, so Eldan. Weil die Prüfung des Projekts an die Privaten ausgelagert werde, verringere sich auch der bürokratische Aufwand für die Förderstellen.

In Österreich hat die öffentliche Hand bei den Förderschienen in der Regel mehr Mitspracherecht, wenn es um unternehmerische Entscheidungen geht. Im kleinen Maßstab gibt es das System der Public Private Partnerships auch hierzulande, in Form des Business Angel Fonds der Förderbank AWS. Zu wenig, findet Niko Alm, Start-up-Sprecher der Neos: "Es braucht eine kritische Masse. Du darfst nicht herumkleckern, sondern musst ordentlich hineinklotzen in den Markt, damit sich wie in Israel eine Aufwärtsspirale in Gang setzt."

Tatsächlich zogen die Anreize zahlreiche Investoren aus dem Ausland nach Israel – ein Grund dafür, warum in der Start-up-Szene übrigens fast nur in Dollar gerechnet wird. 4,4 Milliarden davon investierten Private 2015 in Start-ups, der Großteil kommt mittlerweile aus China.

Mehrheit profitiert nicht

An der israelischen Bevölkerung gehen die Hightech-Erfolge indes weitgehend vorbei. Die Lebenshaltungskosten sind im Vergleich zu den Einkommen enorm hoch, vor allem die Mietkosten wachsen immer mehr Menschen über den Kopf. Für Proponenten der Start-up-Szene nur ein weiterer Grund für mehr Investitionen. "Innovation und technologische Entwicklung könnten für sehr viel mehr Menschen Arbeit und Wohlstand bringen als jetzt", sagt Erel Margalit, Gründer eines großen Risikokapitalfonds und Knesset-Abgeordneter für die Arbeiterpartei. Landwirtschaft und Nahrungsmittelindustrie, Biotechnologie und erneuerbare Energien: All das seien Bereiche, in denen noch viel Potenzial stecke. (Simon Moser, 4.11.2016)

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Die Reise erfolgte auf Einladung der Neos.


Start-ups wünschen sich "Kultur des Scheiterns"

Was kann Österreich in Sachen Innovation besser machen, was kann man von Israel lernen? Diese Fragen hat der STANDARD heimischen Start-ups gestellt, die sich das dortige Umfeld angesehen haben.

· Alexander Murer, kilobaser.com: "Die Möglichkeiten an den Universitäten sind viel besser, also die Unterstützung auf dem Weg von der Idee zum Start-up. Und es ist spannend zu sehen, dass über Risikokapitalgeber viel mehr Geld da ist als in Österreich. Und sehr viel mehr Wille."

· Thomas Schranz, lemmings.io: "Israel ist besonders gut darin, Forschungsergebnisse schnell auf den Markt zu bringen. Politik, Privatwirtschaft und Bildungseinrichtungen greifen ineinander, es gibt viel Durchmischung. Der Staat hat erkannt, wie wichtig Innovation für das ganze Land ist."

· Christina Bisanz, Homestix: "Israel steckt viel Geld in Start-ups, und es funktioniert offensichtlich sehr gut. Ich würde mir für Österreich beispielsweise wünschen, dass der Technologietransfer so organisiert ist wie dort."

· Erwin Stern, app-ray.co: "Israel ist besonders stark im Bereich der Cybersecurity, in dem auch ich tätig bin. Der öffentliche und der private Bereich kooperieren sehr gut. In Österreich ist das fragmentiert. Es gibt kaum die Möglichkeit, als Privater mit Institutionen in der Grundlagenforschung zu interagieren."

· Wolfgang Fallmann, stabylizr.com: "Beeindruckend ist vor allem diese Kultur des Scheiterns. Die meisten Gründer hier haben ja nicht das erste, sondern das vierte oder fünfte Start-up. Es kann also ruhig einmal etwas nicht funktionieren – einfach weitermachen und das nächste Projekt angehen."

· Robert Eiter, linguician.com: "Sie sind straff organisiert und messen sich an klar definierten Zielen, auch im staatlichen Bereich. Die Entscheidungsprozesse sind auch schneller. Man muss nicht monatelang auf eine Förderzusage warten."

· Paul Resch, greetzly.com: "Was ich super finde: dass der Staat private Investitionen verdoppelt. Du suchst dir private Investoren, und sie legen dann noch einmal etwas drauf. Du verringerst das Risiko für die Privaten. Und der Staat weiß, dass das Geld nicht in schlechte Projekte fließt."

· Markus Holzer, radiology-explorer.eu: "Der Technologietransfer von den Uni-Kliniken, mit denen ich Erfahrung habe, müsste strukturierter ablaufen. Es sollte eine Einheit auf der Uni geben, die alles zum Thema Spin-off regelt. Unterstützung in der Ausgründungsphase – das könnte besser gehen. Das bremst Start-ups in den ersten Monaten aus." (smo)

  • Start-up-Szene aus dem Bilderbuch: Arbeit und Austausch in einem von mehreren Shared Spaces, die der weltweit tätige Büroanbieter Wework in Tel Aviv betreibt.
    foto: wework

    Start-up-Szene aus dem Bilderbuch: Arbeit und Austausch in einem von mehreren Shared Spaces, die der weltweit tätige Büroanbieter Wework in Tel Aviv betreibt.

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