Mossul: Der IS hinterlässt eine Spur der Verwüstung

Analyse3. November 2016, 17:00
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Selbstmordattacken und Sprengfallen, Verschleppung der Zivilbevölkerung, brennendes Öl und angesteckte Fabriken: Die Befürchtung, dass der "Islamische Staat" um Mossul, die Hauptstadt seines Pseudokalifats im Irak, mit aller Härte kämpfen wird, bewahrheitet sich

Bagdad/Wien – Die Mossul-Offensive ist in ihrer dritten Woche, und erstmals gibt es eine Botschaft vom Führer des "Islamischen Staates", Abu Bakr al-Baghdadi, eigentlich Ibrahim Jawad al-Badri, eines Irakers aus Samarra. Wo und wann sie aufgenommen wurde, ist unbekannt, aber Experten halten sie für eher echt. Der Inhalt besteht aus Durchhalteparolen und Drohungen. Diese richten sich gegen die "Feinde Gottes" und "Ungläubigen", deren Länder verwüstet werden sollen und deren Blut in den Flüssen fließen werde. Baghdadi rief auch zu Angriffen auf die Türkei und Saudi-Arabien auf, wo die Familie Saud mit den Ungläubigen paktiere.

An die IS-Mitglieder ging die Botschaft, dass ein "Rückzug in Schande" ausgeschlossen sei. Wobei die Siegesgewissheit, die der IS-Chef in seiner Botschaft zeigt, nicht unbedingt ein Abklatsch der Propagandaauftritte des als "Comical Ali" in die Geschichte eingegangenen irakischen Informationsministers im April 2003, wenige Tage vor dem Sturz Saddam Husseins, ist: Der "Islamische Staat" denkt in historischen Dimensionen. Schlachten werden verloren, der Islam – beziehungsweise das, was der IS dafür hält – wird gewinnen. Diese Gewissheit ist in IS-Medien ein wiederkehrendes Motiv.

Langsames Vorrücken

Die "Verwüstungen" betreffen erst einmal Mossul und den operativ in mehrere Abschnitte getrennten Frontbereich vor der Stadt. Die irakische Armee rückt, im Nordosten und Osten teilweise in Zusammenarbeit mit kurdischen Peschmerga, langsam weiter vor, im Süden sind unter anderem Polizeieinheiten beteiligt.

Nachdem es bereits in den vergangenen Tagen entsprechende Berichte gegeben hatte, bestätigte am Donnerstag das Verteidigungsministerium in Bagdad, dass erstmals Truppen ins Zentrum Mossuls vorgedrungen seien. Dass die irakische Eliteeinheit Counter-Terrorism Service (CTS) in Ostmossul eine TV-Station erreicht habe, wurde bereits zu Wochenbeginn gemeldet.

Schiitische Milizen der "Volksmobilisierung", teilweise mit iranischer Beteiligung – und teilweise Gruppen, die auf der US-Terrorliste stehen – bestehen auf ihrer Rolle im Westen der Stadt, wie sie sagen, um dem IS die Versorgungsroute über Tal Afar, aber auch flüchtenden IS-Mitgliedern den Weg nach Syrien abzuschneiden. Noch immer besteht die Befürchtung, dass sunnitische Bewohner der Gebiete angesichts der Beteiligung der Schiitenmilizen weiter den IS unterstützen.

Terrorwaffen

Zwar ist der Kampf in Mossul asymmetrisch – der zahlenmäßig unterlegene IS setzt nicht nur, aber doch stark Terrorwaffen wie Selbstmordattentate ein -, dennoch hat es eine derartige Schlacht um eine Großstadt, die auf einen Häuserkampf hinausläuft, lange nicht mehr gegeben. Der Missbrauch von Zivilisten als menschliche Schutzschilde durch den IS schränkt die Möglichkeit von Luftangriffen, wie etwa zuvor in Falluja und Ramadi, wesentlich ein.

Schlimm ist, was die vorrückenden Truppen in der Umgebung Mossuls vorfinden: am schlimmsten vielleicht die leeren Dörfer, deren Bewohner laut Augenzeugenberichten nicht geflohen, sondern vom IS verschleppt wurden. Wer sich wehrt, wird erschossen. Genaue Zahlen liegen nicht vor, laut einem Uno-Bericht könnten 25.000 Menschen betroffen sein.

In ein irakisches Muster zu fallen scheinen die Verheerungen, die der IS bei der Zerstörung der Umwelt anrichtet: Bei den brennenden Ölquellen, die auf Satellitenbildern als riesige dunkle Wolken zu sehen sind, denken zumindest ältere Medienkonsumentinnen an Saddam Husseins Abzug aus Kuwait nach dem von ihm verlorenen Krieg im Februar 1991. Die abziehenden Iraker steckten systematisch Ölquellen in Brand.

Angriffe erschweren

Der IS hat bereits im Sommer damit begonnen, bei Qayyarah, um das damals die irakische Armee kämpfte, Öl anzuzünden – und ließ es auch in die Stadt fließen, als er sie Ende August räumen musste. Das ist nicht nur eine Politik der verbrannten Erde, sondern sollte wohl auch US-Luftangriffe erschweren. Laut einem US-Militärsprecher gelingt das manchmal, aber strategische Auswirkungen hat es keine.

Das ausfließende Öl bringt auch Probleme mit kontaminiertem Wasser mit sich. Vor Beginn der Offensive hob der IS Verteidigungsgräben aus und füllte sie mit Öl. Auch eine Schwefelfabrik südlich von Mossul wurde in Brand gesetzt: Tausende Menschen litten unter Atemproblemen, mehrere Todesfälle dürften darauf zurückzuführen sein. Nicht immer ist bei chemischen Gefahren klar, ob es sich um Kampfesfolgen oder Sabotage handelt: etwa bei einem Chlorgasleck in einer Wasseraufbereitungsanlage im Oktober. Aber die Möglichkeiten für den IS sind erschreckend groß. (Gudrun Harrer, 3.11.2016)

  • Gogjali, das die irakische Armee am Mittwoch erreichte, am östlichen Stadtrand Mossuls: Ein Mann bringt seine Familie in Sicherheit.
    foto: afp photo / bulent kilic

    Gogjali, das die irakische Armee am Mittwoch erreichte, am östlichen Stadtrand Mossuls: Ein Mann bringt seine Familie in Sicherheit.

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