Elmar Goerden: "Da wimmelt es von Untaten"

Interview4. November 2016, 09:44
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Der Regisseur inszeniert ein Stück nach Luchino Viscontis Film "Die Verdammten". Ein Gespräch über Industrielle und NS-"Werte"

Wien – Die Ruhrpott-Familie von Essenbeck taumelt in den Jahren der nationalsozialistischen Machtergreifung in einen morbiden Machtkampf aller gegen alle. Regisseur Elmar Goerden bricht "Die Verdammten", den opulenten Film Luchino Viscontis (1969), auf ein Theaterstück herunter. Premiere ist am 10. November, 19.30 Uhr.

STANDARD: Luchino Viscontis Film "Die Verdammten" beginnt mit der Inszenierung der Stahlküche: Die Funken spritzen, das Feuer in der Stahlküche lodert. Inwiefern eignet sich das Krupp-Schicksal der Stahlbarone von Essenbeck, die sich in den Nationalsozialismus verstricken, als Theaterstück?

Goerden: Wenn Sie unserer Unternehmung den Visconti-Film mit seinen Schauwerten zugrunde legen, führt das in die Irre. Wir nennen unser Stück auch eher "Das Krupp-Projekt". Wir übernehmen aus dem Visconti-Film ausschließlich die Blaupause der Figurenkonstellation. Die ist bei uns anders akzentuiert, etwa mit Blick auf das Verhältnis der Krupp-Sprösslinge untereinander.

STANDARD: Das zeitigt welche Auswirkungen?

Goerden: Wir sind durch das Schlüsselloch des Visconti-Films gegangen und haben uns mit dem Titel nur die Erlaubnis erkauft, mit dem Stoff so frei wie möglich umzugehen. Das heißt, bestimmte Dinge, die Visconti am Herzen lagen, sind bei uns, auch wegen der Notwendigkeiten der Bühne, nicht so wichtig. Was Visconti an dem Stück offenbar reizte, das ist die Vermischung des Politischen mit dem Privaten. Aber abgesehen von den Einführungsshots aus dem Gussstahlwerk beschränkt er sich auf das Interieur der "Villa Hügel", dem Wohnhaus der Krupp-Familie. Wir haben uns sehr mit dem enggezurrten Familienstück beschäftigt. Die Welt der Krupp-Industriellen war in sich geschlossen. Sie hat sich geschäftlich geöffnet, war aber sonst ein Kosmos für sich. Was nicht passte, wurde passend gemacht oder ausgespuckt.

STANDARD: Sie haben Recherchen über die Familie Krupp angestellt?

Goerden: Wir sind auf Dinge gestoßen, die noch viel brutaler sind als die im Film Gezeigten. Da wimmelt es von Untaten, alle begangen im Namen von Werten, die unausgesetzt beschworen werden: die Treue, der Anstand, der Zusammenhalt, die Familie. Nur sind diese Begriffe an nichts mehr gebunden, außer an den Machterhalt. Das hat Visconti nicht erfunden. Er schiebt lediglich die Geschichte dreier Generationen auf eine einzige Nacht zusammen. Ich habe das als Einladung zur Verdichtung angenommen.

STANDARD: Inwieweit haben wir eine Atriden-Tragödie vorliegen, mit Elementen aus "Macbeth"?

Goerden: Shakespeare hat das nicht erfunden. Das sind dem Verhältnis von Generationen geschuldete Prozesse, die dazu führen, dass man das Konzept des freien Willens in Frage stellen muss.

STANDARD: Inwiefern?

Goerden: Wir glauben, frei zu handeln, reichen aber nur das Paket weiter, das uns von anderen auf die Schultern geladen wird. Keine schöne Erfahrung, aber eine realistische. Bei Essenbecks ist das en miniature zu erleben.

STANDARD: Wir sprachen von den Schauwerten bei Visconti. Besteht die anstößige Faszination des Filmes nicht darin, dass er mit den monströsen Figuren ein Stück weit sympathisiert?

Goerden: Natürlich ist man mit dem Stoff sehr rasch fertig, wenn man wie bei Brecht genau weiß, wer wo wohnt. Dann macht es keinen Spaß. Bei uns ergibt sich das Kollaborateurhafte schon daraus, die Schauspieler auf einen Punkt zu bringen, wo alles zwangsläufig auseinander hervorgeht. Das Drama besteht darin, dass die Logiken der Figuren miteinander nicht kompatibel sind. Der Stärkere setzt sich durch: "the survival of the fittest". Der Reiz besteht natürlich darin, dass das nicht im Gewand von erklärten Zivilisationsvernichtern passiert, sondern innerhalb einer Kultur, die bis in die Zigarettenspitze hineinreicht.

STANDARD: Die Krupps als Elite?

Goerden: Diese Firma hat sich aus allen politischen Querelen herauszuhalten. Das ist eine Möglichkeit. Die andere heißt, es ist in Zeiten der Aufrüstung gar nicht gut, im Sinne der Gewinnmaximierung, sich mit den aktuellen Machthabern nicht ins Benehmen zu setzen. Dem Stoff eignet nichts Exotisches. Ich komme ja aus dieser Ecke, ich kenne auch die "Villa Hügel". Wir sind umstellt von Dynastien wie Henkels oder Thyssens. Berthold Beitz, der Krupp-Erbe, saß bei uns im Bochumer Schauspielhaus im Aufsichtsrat. Wir haben auch umfangreiches Bildmaterial recherchiert.

STANDARD: Kurz: Sie ersetzen den ästhetizistischen Pomp durch habermasianische Vernunftkritik?

Goerden: Absolut. So viel Schlechtigkeit ist faszinierend. Diese Verwahrlosung, bei Wahrung der Nominalwerte, bei tatsächlichem Zurückbleiben dessen, wofür diese Menschen stehen. Betrachte man diese Geschichte nicht aus der Warte des retrospektiven Rechthabens: 1933 wusste niemand, worauf das hinausläuft.

STANDARD: Sie meinen die Blindheit des Bürgertums gegenüber Hitler?

Goerden: Die Haltung lautete: Wir laufen doch keinem österreichischen Anstreicher hinterher! "Wir haben das im Griff." Das war die Haltung dieser Essenbecks, der älteren Generation. Berta Krupp sagte: Wir werden Hitler schon unterstützen. Nur zum Tee kann der unmöglich bleiben. "Die Verdammten" richtet sich an ein mündiges Theaterpublikum. Die Verbindungslinien zum Rechtsruck heute muss schon jeder selbst ziehen. (Ronald Pohl, 4.11.2016)

Elmar Goerden (53) ist Schauspiel- und Opernregisseur. Von 2005 bis 2010 leitete er das Schauspielhaus Bochum.

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Theater in der Josefstadt

  • Elmar Goerden: "Wir eifern nicht Filmregisseur Visconti nach, sondern zeigen 'Das Krupp-Projekt'!"
    foto: andy urban

    Elmar Goerden: "Wir eifern nicht Filmregisseur Visconti nach, sondern zeigen 'Das Krupp-Projekt'!"

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