Wie bereitet man sein Kind auf Geschwister vor?

Kolumne6. November 2016, 17:00
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Wenn zum Einzelkind plötzlich Zwillinge dazu kommen, tut sich eine Menge im Familiengefüge. Das bis dahin einzige Kind sollte jetzt Raum für Traurigkeit haben

Frage:

Meine Tochter wird mit 28 Monaten eine große Schwester von Zwillingen werden. Ich selbst bin ein Einzelkind und habe daher keine Erfahrungen in Bezug auf Geschwister, Eifersucht oder Rivalität. Nun ist meine Tochter ein so wunderbares, liebes Wesen, ich will sie keinesfalls verstören, möchte sie, aber auch mich, bestmöglich darauf vorbereiten.

Bitte um ein paar Anregungen für diese aufregende Konstellation und Zeit, da ja nun gleich zwei Geschwister auf einmal kommen!

Antwort:

Herzliche Gratulation! Sie haben nichts vom Vater der drei Kinder erwähnt, deshalb gehe ich in meiner Antwort davon aus, dass er mit Ihnen lebt. Vielleicht inspiriert Sie meine nachfolgende Antwort dazu, sich den Themen Grenzen, Nähe und Respekt zu widmen, um so für Sie als Familie zu reflektieren, was jeder einzelne und auch die Familiengemeinschaft als solche braucht.

Sie werden dabei entdecken, wie Sie sich Ihren Kindern zeigen können, um ihr Bedürfnis zu stillen, Sie als Eltern kennenzulernen. Das wiederum gibt Ihnen die Möglichkeit, sich auf Entdeckungsreise zu Ihren Kindern zu begeben, um herauszufinden, wer sie sind. Zunächst möchte ich Ihnen aber einen kleinen Einblick in die Gedanken- und Gefühlswelt der Erstgeborenen geben.

Ihre große Tochter wird mehrere Erfahrungen machen, die erste davon schon während Ihrer Schwangerschaft: Während dieser Zeit wird sie mit dem Gedanken vertraut, einen Bruder oder eine Schwester (oder beides) zu bekommen. Auf diese Weise erlebt sie eine erste glückliche Bindung zu den neuen Geschwistern. Die andere Erfahrung wird sie als Schock empfinden, sobald die Geschwister geboren sind.

Die Großen empfinden das als einen plötzlichen und dramatischen Verlust. Ihre Tochter verliert genau fünfzig Prozent von dem, was sie bisher hatte: Ihre Zeit, Aufmerksamkeit, unbegrenzten Zugang zu Ihrer emotionalen Verfügbarkeit, etc. Egal, wie sehr sich der Vater auch bemühen wird und versucht, diese neue Situation auszugleichen, so bleibt es dennoch ein Verlust.

Dieser muss beklagt werden, die Traurigkeit darüber muss ihren Raum haben, bevor Ihre Tochter das Geschenk der Geschwister zu schätzen weiß und sich in vielerlei Hinsicht daran erfreut, wie sie ihre Geschwister lieben und mit ihnen spielen kann. Es gibt diesbezüglich keinen Unterschied zwischen einem einzelnen neuen Kind oder Zwillingen, außer der Tatsache, dass Zwillinge noch mehr Aufmerksamkeit von der Mutter verlangen. (Jesper Juul, 6.11.2016)

Jesper Juul, geboren 1948 in Dänemark, ist Lehrer, Gruppen- und Familientherapeut, Konfliktberater und Buchautor. Er studierte Geschichte, Religionspädagogik und Europäische Geistesgeschichte. Statt die Lehrerlaufbahn einzuschlagen, nahm er eine Stelle als Heimerzieher und später als Sozialarbeiter an und ließ sich zum Familientherapeuten ausbilden. Er ist Begründer des Family Lab.

Auf derStandard.at/Familie beantwortet Jesper Juul regelmäßig Fragen über Erziehung, Partnerschaft und Familienleben. Seine nächste Kolumne erscheint am 20.11.2016.

  • Familientherapeut, Autor und STANDARD-Kolumnist Jesper Juul.
    foto: family lab

    Familientherapeut, Autor und STANDARD-Kolumnist Jesper Juul.

  • Diese Serie entsteht in Kooperation mit Family Lab Österreich..
    foto: family lab

    Diese Serie entsteht in Kooperation mit Family Lab Österreich..

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