Jim Dickinson: Schöngeist und Redneck

Porträt5. November 2016, 09:00
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Er spielte mit den Stones, Bob Dylan oder Ry Cooder, war ein gefragter Produzent blieb aber ein Mann im Schatten. Sein 1972 erschienenes Debüt "Dixie Fried" wurde jetzt wieder aufgelegt

Im Dezember 1969 läutete bei Jim Dickinson das Telefon. Jerry Wexler war dran. Es sei dringend, er bräuchte ein Studio für die Rolling Stones, aber es gebe ein Problem: Sie dürften in den USA nicht aufnehmen, weil sie dafür keine Papiere besäßen. Es müsste also geheim passieren. Dickinson, ein leicht untersetzter Südstaatenbohemian, schlug Muscle Shoals vor, dort wäre man sicher.

foto: zebra ranch
Der Musiker und Produzent Jim Dickinson in den Nullerjahren. In der Gala eines Truckdrivers, doch unter der Kappe jede Menge untypische Interessen und Bildung. Sein rares Debütalbum "Dixie Fried" ist nun wieder erhältlich.

Nomen est omen. Für Jim Dickinson brachten die Rolling Stones alles ins Rollen. Dickinson war Ende der 1960er-Jahre Sessionmusiker für Atlantic Records. Das bedeutete, dass er zwischen seiner Heimatstadt Memphis und Miami pendelte, um da wie dort Platten aufzunehmen. Dickinson war der Chef der Dixie Flyers, einer Studioband, die meist mit Soulstars aufnahm. Mit Aretha Franklin, James Carr, Sam and Dave, Sam The Sham, Brooke Benton – alle, die Jerry Wexler von Atlantic Records ankarrte. Dieses Mal waren es die Rolling Stones.

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Bei Nacht und Nebel fuhr er runter nach Alabama. Als er ankam, waren die Stones schon da. Sie waren mit dem größten Flugzeug gelandet, das Muscle Shoals je gesehen hatte, und dann stiegen nur drei Typen aus. Sehr verdächtig. Der Rest reiste mit dem Auto an. Doch unten in Dixie kannte die Stones kein Schwein. Die Tage verbrachten sie unerkannt im Holiday Inn, die Nächte im Studio. In der Dritten und Letzten brauchten sie für einen Song ein Klavier und jemanden, der darauf spielen konnte. Mick Jagger: "We need a keyboardis_t." Auftritt Dickinson.

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Nachdem er ein brauchbares Piano entdeckt und der Drogenbeauftragte der Stones das Dope aus dem Versteck im Klavier entfernt hatte, spielte Dickinson seinen Beitrag zu Wild Horses ein. Der Song ist auf dem 1971 erschienenem Album Sticky Fingers zu finden und wurde ein Hit.

Ebenfalls im Studio waren Albert und Davis Maysles. Sie drehten die Doku Gimme Shelter. Dickinson wurde im Film verewigt. Man sieht ihn mit Keith Richards auf einer Couch knotzen. Der Drogenbeauftragte dürfte kurz zuvor großzügig mit ihnen gewesen sein.

Für Dickinson waren diese drei Nächte die Initialzündung seiner Karriere. Ein Monat später begann er mit den Aufnahmen seines Debütalbums Dixie Fried, ein obskures Meisterwerk. Dieser bislang schwer erhältliche Rohdiamant ist nun, kurz vor Dickinsons 75. Geburtstag, erstmals wieder aufgelegt worden. Einmal von Bear Family und einmal von Future Day Records als Doppelalbum mit Bonusmaterial.

Beethoven und Howlin‘ Wolf

Die Geschichte der Popmusik ist voll von legendären Typen. Genialen Musikern, schrägen Produzenten, Schöpfern seltsamer Alben, Autodidakten, luziden Chronisten. Doch wenige vereinen all das in einer Person. Der am 15. November 1941 geborene Dickinson war so eine Figur. Ein Bewahrer und Erneuerer, ein Geschichtenerzähler, das Gedächtnis der Popkultur von Memphis.

Einer seiner Freunde und Wegbegleiter war der in Wien lebende Musiker Tav Falco, Chef der Band Panther Burns. Er lernte Dickinson in den frühen 1970er-Jahren kennen. "Dickinson war ein stämmiger Typ. Gesellig, redselig und der selbsternannte Sprecher der Musikszene von Memphis. Er empörte sich leicht, besaß eine feine Ironie und schlug sich immer auf der Seite der Underdogs. Seinem Verständnis nach war der Blues eines Mississippi John Hurt gleichbedeutend wie das Werk Beethovens."

1972 erschien Dixie Fried auf Atlantic Records. "Wenn Bob Dylan diese Platte gemacht hätte, sie würden ihn als wiederauferstandenen Messias feiern!", soll Jerry Wexler gerufen haben. Kommerziell war das Album zwar ein Misserfolg, doch über die Jahre erlangte es Kultstatus.

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Dixie Fried widerspiegelt Memphis wie die Person seines Schöpfers. Es ist eine Mischung aus Rock, Country, Gospel, Soul, gepaart mit einem Hang fürs Dramatische, die sich in der Varieténummer O How She Dances manifestiert. Das Werk eines schöngeistigen Rednecks. Tav Falco: "Jim war ein Mann des Theaters, versiert in Kunst und Literatur. Das alles floss in seine Arbeit ein. Er sah zwar aus wie ein Hillbilly Truckdriver, aber er lebte wie ein Bohemian. Man konnte sich mit ihm über Antonin Artaud, Eric Dolphy, Karlheinz Stockhausen, König Ludwig von Bayern oder Howlin‘ Wolf unterhalten. Er sorgte im Alleingang dafür, das Memphis ein schräger Ort blieb."

Dixie Fried ist präzise und leger zugleich. Die Ausschweifungen der Sixties prallen auf die ökonomischen Gebote, die jeder Studiomusiker kennt. Mac Rebennack alias Dr. John besorgte den Funk, sogar Eric Clapton hat mitgewirkt, blieb am Cover aber unerwähnt. Danach nahm Dickinson 30 Jahre lang kein Album unter seinem Namen auf.

Karriere als Produzent

In der Zeit wurde er zu einem gefragten Produzenten, der Anderen bot, was er selbst mochte: Präzision, Räudigkeit sowie ein Gespür für die Magie des Augenblicks. In der richtigen Mischung ergibt das große Kunst. Mit dem Spex-Magazin sprach er 1989 über seine Arbeitsweise. "Das Problem ist, dass die Leute neue Technik immer nur einsetzten, um möglichst perfekte Ergebnisse zu erzielen. Mein Ansatz ist, zu sehen, wie schlecht ich sie machen kann."

Prototypisch dafür steht das dritte Album von Big Star, Third. Über dieses Album der "amerikanischen Beatles" wurden schon Doktorarbeiten verfasst, Dickinson half Alex Chilton, es fertig zu stellen. Die Gesamtaufnahmen dieses betrübten Meisterwerks werden dieser Tage von Omnivore Records veröffentlicht. Daneben arbeitete er immer wieder mit Ry Cooder. Sie waren Geistesverwandte, Freunde. Ihr archäologisches Geheimwissen über die Wurzeln und Protagonisten der Populärmusik transformierten sie in die Gegenwart. Im Laufe vieler Kooperationen – Alben und Soundtracks – entstand die berühmte Grenzlandballade Across The Borderline, zu einem Gutteil Dickinsons Werk.

Jim Dickinson war ein Produzent, den sich die Musiker aussuchten, nicht die Plattenfirmen. Dan Stuart war Sänger von Green on Red. Er erzählt, dass Dickinson im Studio nie ans Telefon gegangen sei. "It could be them!", sagte er. "Es können sie sein!" "Sie", das waren die Leute der Plattenfirmen, die Feinde der Kunst. Einmal verstieß die Sekretärin der Ardent Studios gegen dieses Gesbot und sagte zu Dickinson, da sei jemand von den Replacements am Telefon. Dickinson blickte zu Stuart: "Kennt ihr die, soll ich mit ihnen arbeiten?" So traf er Geschäftsentscheidungen, und so entstand das Album Pleased To Meet Me (1987), eine der erfolgreichsten Arbeiten an der Schnittstelle von Underground und Mainstream, ein Werk voller Memphis-Referenzen.

Dickinson war ein Urgestein mit Elefantengedächtnis, dass alle Namen und Typen und Geschichten kannte. In den mit Historie leicht zu beeindruckenden USA zog das die verschiedensten Musiker an. So entstand ein Lebenswerk, das mit dem Urknall des Rock’n’Roll begonnen hatte – Dickinson war 14, als Elvis auftauchte – und weit über Punk oder Grunge andauerte.

Er produzierte Alben von Willy DeVille, den Texas Tornados, Green On Red, G. Love & Special Sauce, Tav Falco’s Panther Burns, Mudhoney, Primal Scream, Alex Chilton, Spiritualized, Jon Spencer Blues Explosion oder die Band seiner Söhne, die North Mississippi Allstars. Und etliche mehr. Viele Gruppen verdanken ihm die besten Arbeiten ihres Katalogs.

Abseits einer größeren Öffentlichkeit musizierte Dickinson selbst. In den 1980ern betrieb er Mudboy & The Neutrons, eine Feierabendcombo, mit der er eine scharfe Mischung aus Boogie, Rock und Soul spielte, und allem, was den Protagonisten noch in den Sinn kam. Ansonsten saß er auf seiner Zebra Ranch und produzierte andere. 1997 läutet das wieder das Telefon, Bob Dylan bedurfte seiner Dienste, Dickinson kam, sah und spielte. Das Resultat war Time Out Of Mind, das beste Dylan-Album der letzten 40 Jahre.

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Nur tot, nicht weg

Als Frontmann hat er sich nie gesehen, möglicherweise war das die größte Fehleinschätzung seines Lebens. 30 Jahre nach seinem Debüt veröffentlichte er Free Beer Tomorrow. Ein bärbeißiges Meisterwerk, dem noch drei weitere folgten, darunter das wunderbare Jungle Jim and the Voodoo Tiger. Jim Dickinson starb am 15. August 2009 mit 67 Jahren an den Folgen einer Herzoperation. Die Inschrift seines Grabsteins beschreibt seine anhaltende Wirkung. Dort steht: "I’m just dead, I’m not gone." (Karl Fluch, 6.11.2016)

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