Virtuelle Spurensuche: Wiener NS-Opfer "dem Vergessen entreißen"

4. November 2016, 15:52
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Ein Onlineprojekt des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes vermerkt die Wohnorte von 5.000 NS-Opfern aus der Wiener Innenstadt auf einer Straßenkarte

Wien – Ein Blick auf diese Wien-Karte macht deutlich: Zu behaupten, man habe von den Deportationen der österreichischen Jüdinnen und Juden durch die Nationalsozialisten nichts bemerken können, ist eine Mär. Das neue Projekt "Memento" des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes (DÖW) macht die jeweils letzten Wohnorte von Wiener NS-Opfern auf einer virtuellen Straßenkarte sichtbar und zeigt, wie DÖW-Mitarbeiter Stephan Roth sagt, "die Dimension dieses Verbrechens".

Für die Pilotversion, die soeben online gegangen ist, wurden Daten für den ersten Bezirk ausgearbeitet. Alleine in der Inneren Stadt sind das 5.000 Opfer – darunter auch die politisch Verfolgten. Durch das neue Onlinetool können per Smartphone die letzten Wohnorte besucht werden. Das DÖW bietet dazu außerdem biografische Informationen an – etwa im Fall von Thekla Merwin. Die Schriftstellerin wurde gemeinsam mit ihrer Tochter am 24. September 1942 in das KZ Theresienstadt deportiert und zwei Jahre später im KZ Auschwitz-Birkenau ermordet. Ihre letzte Wohnadresse in Wien war in der Marc-Aurel-Straße. Oder im Fall von Robert Gerngroß, der zuletzt in der Lichtenfelsgasse wohnte und am 9. April 1942 mit seiner Frau Frida nach Izbica in Polen deportiert wurde. Insgesamt wurden 4.000 österreichische Juden dorthin verschleppt – niemand hat überlebt. Manchmal ist aber nur weniges bekannt. "Von vielen können wir nur den Namen nennen und sie so dem Vergessen entreißen", sagt Roth.

Der erste Bezirk soll nur der Anfang sein. Technisch betrachtet sei das Projekt für ganz Österreich umsetzbar. Letztlich bleibt es eine Frage der Finanzierung. Aufschlussreich wäre etwa eine Karte des zweiten Wiener Gemeindebezirks, wo sehr viele Juden und Jüdinnen lebten, sagt Roth – "alleine um die Größenordnung zu begreifen". (Peter Mayr, 4.11.2016)

  • Die Pilotversion von "Memento" beschränkt sich auf den ersten Wiener Gemeindebezirk. Der Ausbau ist jederzeit möglich – allein die Mittel fehlen.

    Die Pilotversion von "Memento" beschränkt sich auf den ersten Wiener Gemeindebezirk. Der Ausbau ist jederzeit möglich – allein die Mittel fehlen.

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