Ein Ende mit eindrucksvollem Schrecken

Blog3. November 2016, 10:36
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Der wunderbare viennalesche Ausnahmezustand ist vorüber. Ein Film wurde gekürt, der Preis ein regulärer Kinostart

Nach knappen zwei Wochen hat der Ritus der Filmfestivaltage ein Ende: das Warten, sich Scharen, in erwartungsvoller Herde in den Saal Einziehen. Nicht zu vergessen der obligatorische Griff in die Keksschütte, der den gemeinsamen Blick auf die Leinwand vorbereitet. Der kollektive Beifall, der die körperlich vereinte, gedanklich individuelle Zeit beschließt. Die Dichte der Zugänge, die oft versteckten Filmmeisterwerke werden vermisst werden.

Einige sind bereits besprochen worden; aus dem Dokumentarfilmprogramm wird mir zusätzlich "La Permanence" in besonderer Erinnerung bleiben: Das Besprechungszimmer einer sanierungsbedürftigen Banlieue-Klinik. Die Patienten sind überwiegend unversichert und teilen den Aufenthalt im unsicheren Warteraum zwischen verlassenem Heimatland und dauerhafter Aufenthaltserlaubnis. Der Film verweilt knapp 100 Minuten innerhalb dieses Raums, die Perspektive ist großteils frontal, aus der Sicht des betreuenden Arztes wird der Besuch beobachtbar, werden Kranken- und Lebensgeschichten in Haltungen sichtbar, in Gesichtern lesbar. Einige werden zu Gefährten, kehren wieder, berichten von Rückschlägen und Vorstößen.

Ein wichtiger, interessanter, schmaler Grat, an dem sich die Erzählungen entlangentwickeln, wenn durchschnittliche Rezeptausstellungsvorgänge mitzuerleben sind oder um ein Bestätigungsschreiben verhandelt wird – und gleichzeitig das aufmerksame Auge der Kamera ein zusätzliches, mal mehr, mal minder ausgeblendetes Ohr verleiht.

Ein cineastischer Trip

Der wunderbare Viennale'sche Ausnahmezustand ist vorüber, ein Film wurde gekürt. Nach fruchtbaren Diskussionsstunden hat sich die fünfköpfige STANDARD-Publikumsjury für einen cineastischen Trip entschieden, dem man sich nicht entziehen kann und will. Das Gespenst des Terrors geht um, unsichtbar, unfasslich. Aus historischer Begebenheit heraus erwächst eine häusliche Fiktion, die äußeren und inneren Krieg kurzschließt; im Teheran des Jahres 1988 zwischen Konkretheit und verstörender Allgemeinheit oszilliert.

"Das Böse wandert mit dem Wind" heißt es einmal – dieser Film stürmt die Wahrnehmung, fließt formal ineinander, jeder Filmmoment sitzt. Der diesjährige STANDARD-Publikumspreis geht an "Under The Shadow" von Babak Anvari. (Fransa Routhin, 3.11.2016)

Fransa Routhin schreibt, studiert Architektur und arbeitet für Film und Theater.

Zum Thema

  • "La Permanence", Alice Diop, 2016
    foto: viennale

    "La Permanence", Alice Diop, 2016

  • "Under The Shadow", Babak Anvari, 2016
    foto: viennale

    "Under The Shadow", Babak Anvari, 2016

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