Flüchtlinge: Nach Calais in den "Dschungel" von Paris

2. November 2016, 17:44
337 Postings

In Frankreichs Hauptstadt entstehen neue Zeltcamps. Anrainer reagieren genervt, die Regierung verspricht Abhilfe

Nächste Woche in Stalingrad! Dieser Losung folgen offenbar zahllose Migranten aus dem Lager in Calais, das derzeit auf Anordnung der französischen Regierung geschleift wird. Gut tausend Migranten haben in den vergangenen Tagen in dem Pariser Viertel mit der Metrostation Stalingrad ihre Zelte aufgeschlagen.

300 Kilometer vom Ärmelkanal entfernt gibt es keine Sanddünen und Möwen: Hier pulsiert das Leben der Hauptstadt. Oben rumpelt die Hochbahn-Metrolinie 2, unten dröhnen Busse und Lastwagen an den Zelten vorbei, die sich auf dem Mittelstreifen des Boulevard de la Villette aneinanderdrängen. Wenn eine Rotlichtwelle gerade den Verkehr anhält, sieht man durch den Abgasnebel dunkle Kinderaugen in den Zeltschlitzen.

Hafiz wäre gerne nach England gereist. "Aber nach London schafft man es heute nicht mehr", sagt der 24-jährige Afghane, der sonst nicht viel von Europa weiß. Doch jetzt muss er die Wäsche von der Absperrung des Metroeingangs holen. Die Berater von Präsident François Hollande bestreiten, dass die Auflösung des Calais-Lagers zu einer Absetzbewegung nach Paris geführt habe. Die ebenfalls sozialistische Bürgermeisterin Anne Hidalgo zweifelt aber nicht daran: Die Zahl der Flüchtlinge und Migranten in den Straßen von Paris ist binnen Wochenfrist von 2000 auf 3000 hochgeschnellt.

"Was das nur kostet"

Im vergangenen September hatte die Polizei bereits ein wildes Camp in Stalingrad aufgelöst und nach eigenen Angaben 2083 Personen in Auffangzentren gebracht. "Eine Stunde später waren sie wieder hier", schimpft eine Anwohnerin. "Mehr habe ich nicht zu sagen", meint sie noch, um dann doch zu grummeln: "Was das nur kostet."

Damit meint die ältere Dame wohl das Auffanglager, das Hidalgo derzeit im Nachbarbezirk bauen lässt. Es ist für 400 Personen gedacht, ausbaubar auf 600, und soll in den nächsten Tagen eröffnet werden. Das Problem: Es reicht bei weitem nicht, alle neu angekommenen Migranten und Flüchtlinge von der Straße wegzubringen.

Vom Stalingrad-Platz aus dehnt sich das Zeltlager über Hunderte von Metern der Avenue de Flandre aus. Zwei Welten leben nebeneinander, ohne sich zu berühren: Auf dem Mittelstreifen logieren Sudanesen und Eritreer, für die eine Handvoll Toilettenkabinen hingestellt und ein paar Wasserhydranten geöffnet wurden; auf den Gehsteigen leben die Anwohner des 19. Arrondissements ihr Leben scheinbar wie immer.

"Die werden Le Pen wählen"

Vor einer Blumenhandlung ereifert sich allerdings eine Kundin, warum man die Migranten nur in dieses arme Einwandererviertel lasse: "Sollen sie doch beim Élysée-Palast campieren, bei Monsieur Hollande und rundum in den schönen Vierteln! Aber dort lässt man sie nicht hin. Hier halten es die Anwohner nicht mehr aus. Sie werden sehen, die werden alle Le Pen wählen. Meine Stimme kriegen die Sozialisten auch nicht länger."

Hollande, der vor den Präsidentschaftswahlen im nächsten Jahr unter starkem Druck steht, lässt über Polizeikreise ausrichten, Stalingrad werde ebenfalls geräumt – und zwar schon "in den nächsten Tagen". Nur glauben die Betroffenen nicht daran. Im Café Formidable gleich bei einem Metroausgang meint der Kellner resigniert, der Umsatz des Etablissements sei in den letzten Wochen um die Hälfte eingebrochen. Nein, formidabel ist die Lage wahrlich nicht, hier in Stalingrad.

Jaden, ein Sudanese, der in Calais war, meint, er werde wohl noch lange von Lager zu Lager ziehen. Auf die Frage, wie es in Paris im Vergleich zu Calais sei, ruft er aus: "Fantastisch!" Das muss sudanesischer Humor sein. "Wir haben fast kein Wasser und müssen darauf hoffen, dass Organisationen uns zu essen bringen", erklärt dann der Sudanese, dem offenbar gar nicht zum Lachen zumute ist. (Stefan Brändle aus Paris, 2.11.2016)

  • Das wilde Flüchtlingslager in Paris nahe der Metrostation Stalingrad soll ebenso wie jenes in Calais geräumt werden.
    foto: reuters / charles platiau

    Das wilde Flüchtlingslager in Paris nahe der Metrostation Stalingrad soll ebenso wie jenes in Calais geräumt werden.

Share if you care.