Die Angst der Friedhofsgärtner vor dem Wildwuchs

3. November 2016, 09:00
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Die Novelle der Gewerbeordnung macht den Weg frei für die Pflege von Gräbern und Fingernägeln. Unternehmer sind beunruhigt

Wien – "Eine Degradierung ist das. Als ob meine Arbeit minderwertig wäre": Hans Kontner fühlt sich vor den Kopf gestoßen. Seit Jahrzehnten teilt er sich mit zwei Handvoll weiteren Gärtnereien die Pflege der Gräber des Wiener Zentralfriedhofs. Ebenso lang beobachtet er das Sterben seiner Branche. Gerade erst hätten wieder vier Betriebe auf dem Friedhof aufgegeben, erzählt er. Und nun also dürfe jeder, der nichts anderes zu tun wisse, Gärtnern ihre Gräber und damit ihre Arbeit wegnehmen. Egal ob er zuvor eine Ausbildung abgeschlossen habe oder nicht.

Kontner fällt als Friedhofsgärtner in ein Teilgewerbe, dessen Zugang künftig frei sein soll. So will es die neue Gewerbeordnung. Ein Wildwuchs an Kleinstfirmen bahne sich infolge dessen an, zulasten jener, die ihre Mitarbeiter korrekt anmelden, fürchtet der Gärtner. "Und wer haftet, wenn einer mit dem Friedhofswagen einen Kunden niederfährt?"

Die geplante Novelle versetzt jene Branchen in Unruhe, die sich ihrer Eintrittsbarrieren völlig entledigt sehen. Ein Fingernagel sei sensibler, als es scheine, erläutert etwa Katia Wagner; Laien könnten bei der Pflege mehr Fehler unterlaufen, als man glaube. Die angehende Zahnmedizinerin machte sich mit Nails2go selbstständig, in drei Studios zählt sie 75 Mitarbeiter. Dass das Modellieren von Nägeln keiner Prüfung mehr standhalten soll, hält sie für das falsche Signal. "Es braucht gemeinsame Regeln und Standards."

Geringes Unrechtsbewusstsein

Schon jetzt sei das Unrechtsbewusstsein gering, wenn es darum gehe, sich in privaten Wohnungen schwarz etwas dazuzuverdienen. Sie habe sich alles selbst erarbeitet, stelle Leute ein, zahle Steuern, gebe viel Geld für Schulungen und Hygiene aus. "Es ist nicht fair."

Überrascht von der nahenden völligen Öffnung seiner kleinen Nische zeigt sich Wiens letzter Lebzelter, Robert Kammerer. Die Produktion von Lebzelten, kandierten und getunkten Früchten soll ebenso für jedermann zugänglich werden. Lebensmittel mit langer Haltbarkeit bergen Kammerers Erfahrung nach aber einige Risiken – Wissen über Hygiene sei gefragt.

Kammerer, der mit seiner Familie und elf Mitarbeitern in Wien Lebkuchen erzeugt, hält die lockerere Gewerbeordnung für zeitgemäß. "Wenn einer leidenschaftlich gerne bäckt und es auch kann – warum soll er mit 40 Jahren noch die Lehre und Meisterprüfung machen?" Alles gleich ganz zu deregulieren sei dennoch problematisch. Angst vor Konkurrenz hat er jedenfalls keine. "Wer gut ist, der wird weiter Geschäft machen. Das reguliert schon der Markt."

Aufatmen bei Bäckern und Schuhmachern

Weiterhin reglementiert bleiben Gewerbe wie Bäcker, Schuhmacher und Friseure. Das sorgt für Aufatmen in ihren Reihen. In Deutschland werde seit der Abschaffung der Meisterprüfung ein Qualitätsverfall spürbar, ist Karl Ivants, Obmann der Maßschuhmacher in Österreich, überzeugt. "Es geht nicht um Brotneid. Aber wer bildet die Lehrlinge aus, wenn es keine Fachleute mehr gibt?"

Deregulierung und Entbürokratisierung werden oft miteinander verwechselt, sagt Wolfgang Eder, Salzburger Friseur und Landesinnungsmeister. Für Zweitere sehe er bei der Zulassung von Arbeitsstätten einiges Potenzial. Deregulierung hingegen führe zur Marginalisierung des Gewerbes. "Warum wird eigentlich nie über einen leichteren Zugang in akademische Berufe geredet?" (Verena Kainrath, 3.11.2016)

  • Der Zugang zum Friseurberuf bleibt reglementiert, die Branche atmet auf.
    foto: apa/gindl

    Der Zugang zum Friseurberuf bleibt reglementiert, die Branche atmet auf.

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