Experiment: Was tun Menschen, wenn jemand neben ihnen Müll fallen lässt?

2. November 2016, 17:30
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Forscher testeten die Reaktion auf kleine und große Verstöße

Innsbruck – Forscher aus Tirol, Deutschland und den USA haben mit einem Experiment untersucht, wie Menschen auf Normverletzungen reagieren. Das erstaunliche Ergebnis: Sie unterscheiden zwar Schweregrade des Fehlverhaltens – in der Situation selbst reagieren sie aber in etwa gleich. Die Studie ist im Fachblatt "Nature Communications" erschienen.

Das Experiment

Zumindest galt das für die spezielle Experimentalsituation, die Loukas Balafoutas vom Institut für Finanzwissenschaft der Universität Innsbruck in Kooperation mit Kollegen der Uni Köln und der New York University Abu Dhabi wählte: "Wir haben dasselbe Szenario mehrfach im Feld durchgespielt, konkret am Kölner Hauptbahnhof: Wir ließen Schauspielerinnen und Schauspieler einmal einen Kaffeebecher fallen, einmal einen Sack mit Müll, und haben uns angesehen, wie die Passanten reagieren", berichtet Balafoutas.

Die Wissenschafter gingen eigentlich von der Annahme aus, dass die extremere Übertretung – also das beiläufige Entsorgen eines ganzen Müllsacks – mehr Entrüstung und Reaktionen auslösen würde als ein einzelner weggeworfener Kaffeebecher. Das stimmte auch teilweise, denn die Menschen bewerteten in einer Befragung im Vorfeld des Experiments einen Sack als das eindeutig größere Problem. Am tatsächlichen Verhalten in der Situation konnte eine solche Differenzierung allerdings nicht beobachtet werden. Die Passanten griffen nämlich nicht häufiger ein, wenn mehr Müll liegen gelassen wurde.

Auch die Scheu wächst

"Die Menge an Müll war für die Bestrafung egal, es gab ähnlich viele Reaktionen in beiden Fällen. Wir folgern daraus, dass es eine bestimmte Bestrafungsgrenze gibt: Je stärker die Normübertretung, desto höher auch die Hemmungen, die normverletzende Person darauf anzusprechen", sagte Balafoutas.

Bei der Befragung jener Probanden, die gar nicht eingriffen, kam als eine der häufigsten Erklärungen, dass ein Einschreiten zu Streit führen könnte, vor dem sich die Leute fürchteten. Das dürfte damit zusammen hängen, dass "Menschen, die eine stärkere Normübertretung wagen – eben, indem sie gleich einen ganzen Sack einfach auf den Bahnsteig werfen -, als gefährlicher eingestuft" würden, wie es der Wissenschafter ausdrückte. Die Leute halten sich daher tunlichst zurück.

"Für uns zeigt das deutlich: Die soziale Selbstregulation kennt Grenzen. Wir weisen einander auf Fehlverhalten hin, solange es sich in einem bestimmten Rahmen bewegt. Wenn die Übertretung aber extremer ausfällt, versagt diese Selbstregulierung und wir brauchen Behörden, Polizei, Sicherheitspersonal", so Balafoutas, der sich bereits in mehreren Studien mit dem Umgang mit sozialen Normverletzungen auseinandersetzte. (APA, red, 2. 11. 2016)

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