Ein Mann spricht für sich

Kolumne2. November 2016, 17:32
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In einer Welt, in der die Manipulation der öffentlichen Meinung zu einem eigenen Industriezweig geworden ist, hat das persönliche Vorspielen eines glühenden Fans der eigenen Person etwas trotzig Fantastisches

In einem alten jüdischen Witz sucht ein Grabredner verzweifelt nach Worten, mit denen er die guten Eigenschaften des Verstorbenen würdigen kann. Schließlich gipfeln die Bemühungen aufgrund der bekannten charakterlichen Inferiorität des Dahingeschiedenen in dem Satz: "Mohnnudeln hat er gerne gegessen!"

Vor einem ähnlichen Problem könnten ab nächster Woche jene Kommentatoren stehen, die in ihren Nachrufen auf den Politiker Donald Trump (angesichts der Umfragen dürfte seine einzige Chance in einer baldigen Konsultation der Kanzlei Böhmdorfer bestehen) dessen positive Seiten herausarbeiten wollen. Als Ansatz dafür böte sich die Überlegung an, dass Trump auf die in Wahlkämpfen übliche polemische Geißelung realer Zustände nahezu gänzlich verzichtet hat. Denn laut der mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneten Plattform Politfact waren von 259 seiner getätigten politischen Aussagen nur vier Prozent faktisch richtig, während der Anteil lupenreiner Lügen bei stolzen 53 Prozent lag.

Aus diesem Verhältnis erklärt sich vermutlich auch ein weiteres hervorstechendes Wesensmerkmal des Präsidentschaftskandidaten. Zumindest wenn wir einer dieser Tage veröffentlichten Studie des University College London glauben dürfen, laut der das Verbreiten von eigennützigen Lügen das menschliche Gehirn abstumpfen lässt und in weiterer Folge zu immer dreisteren Lügen verleitet.

Wie weit dieser gegenseitige Verstärkungseffekt von Lügen und Dummheit gehen kann, ist noch zu erforschen. Trump könnte dabei nicht nur eine Hilfe sein, sondern uns zudem vor Augen führen, dass diese Entwicklung außer Erschreckendem auch Rührendes hervorbringen kann. Nachzuhören ist dies im Tonbandmitschnitt eines Telefonats von Trump mit Sue Carlswell vom People Magazine, in dem er sich als sein eigener Pressesprecher mit dem fantasievoll erdachten Namen "John Miller" ausgibt und der den Schwindel relativ rasch durchschauenden Journalistin erzählt, dass sein Chef ein von vielen Frauen umschwärmter toller Hecht sei und sogar Madonna sich nach einem Rendezvous mit ihm verzehre. In einer Welt, in der die Manipulation der öffentlichen Meinung zu einem eigenen Industriezweig geworden ist, der auf der Arbeit von staatlich geleiteten Trollfabriken, automatisierten Fake-Profilen und Propagandarobotern beruht, hat das persönliche Vorspielen eines glühenden Fans der eigenen Person etwas trotzig Fantastisches.

Wenn diese Methode Schule macht, könnten sich zum Beispiel – als Beitrag zu einer echten Entspannungspolitik – Clinton und Putin künftig am roten Telefon unter falschem Namen gegenseitig ihre eigene Großartigkeit schildern. Recep Tayyip Erdogan könnte als sein eigener Leibarzt Jan Böhmermann anrufen und ihm von der überragenden Männlichkeit des Präsidenten berichten, die höchstens von irgendwelchen blöden Ziegen angezweifelt würde.

Und in weiterer Folge ließe sich das Verhältnis der Kronen Zeitung zur SPÖ vielleicht dadurch wieder auf das gewohnte Niveau verbessern, indem Werner Faymann, so wie früher, sich wieder Telefonseelsorge bei Claus Pandi holt, sich dabei aber als Christian Kern ausgibt. (Florian Scheuba, 2.11.2016)

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