Die Oliven wachsen nicht schneller, wenn man sie öfter kontrolliert

Userkommentar3. November 2016, 13:20
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Ein gesundes Zeitbewusstsein muss kultiviert werden – besonders in einer immer schneller werdenden Arbeitswelt

Nicht die Zeit vergeht, sondern wir. Die wunderbare Wochenendausgabe des STANDARD berührte tief, machte sie doch deutlich, dass Zeit die wertvollste Ressource im menschlichen Leben ist. Der Soziologe Hartmut Rosa hat bereits treffend analysiert, dass die beiden Fragen "Wie will ich leben?" und "Wie will ich meine Zeit verbringen?" nahezu ident sind. Aber nicht nur im privaten, sondern auch auch im beruflichen Leben sind Zeitkontrolle und Machtmissbrauch massiv auf dem Vormarsch.

Kontrolle über die Zeit ist ein Mittel der Macht. Diese Macht bestimmt über das eigene Leben und über das Leben anderer, je nachdem, wie groß die Selbst- und Fremdkontrolle über die Zeit ist. Die Formen der Kontrolle als auch die Formen des Umgangs mit Zeit sind historisch gewachsen, haben in den vergangenen 100 Jahren aber einen derart enormen Wandel erlebt, dass die Formen der Machtausübung nicht mehr klar erkenntlich sind. Wie kam es zu dieser Entwicklung? Welche Auswirkung hat sie auf das Arbeitsleben, etwa in einem Gesundheitsberuf? Und was verbirgt sich in diesem Kontext hinter dem Slogan des "aktiven Alterns"?

Der Wandel von Zeit und Kontrolle

Noch bis in die 50er-Jahre des letzten Jahrhunderts zeigte sich die Fremdkontrolle in einer persönlich ausgeübten Zeitdisziplin, wie sie in Schulen oder am Fließband üblich war. Oft war sie mit einer strukturellen Kontrolle verbunden, also mit einer Zeitregulierung durch die Einbindung in strenge Zeitstrukturen und Abläufe von Organisationen oder in fest verfügte Alltagsrituale. Die Wahlmöglichkeiten über die Verwendung der eigenen Zeit waren äußerst gering.

Ein erster radikaler Umbruch in Richtung eines individualisierten Zeitmanagements erfolgte in den 1960er-Jahren, als sich das Wirtschaftssystem von seiner Industrieorientiertheit in Richtung Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft zu entwickeln begann: Die Frauen und Männer der 68er-Generation forderten explizit mehr Zeitsouveränität, sowohl in der Arbeit als auch in Beziehungen und im sozialpädagogischen Umgang, Kinder sollten ihre Bedürfnisse und ihr Lernen selbst zeitlich steuern können. Diese Rechnung ging im Laufe der 1970er-Jahre teilweise auf: Die alltägliche Lebensführung begann sich zu individualisieren. Das Gefühl, weniger Zeit zu haben, nahm in der Folge mit den Wahlmöglichkeiten allerdings zu, da nun bedeutend mehr Termine diverser Einrichtungen und ihre Angebote – Kindergruppe, alternative Freizeitgestaltung, Bildungsförderung – berücksichtigt werden mussten.

Nur zwei Jahrzehnte später, im Laufe der 1990er-Jahre, begann mit der Digitalisierung der Arbeits- und Privatwelt der bislang gravierendste Umbruch im Umgang mit der Zeit. Informationsvermittlung und Kommunikation sind ohne Zeitverzug über sämtliche Grenzen hinweg inzwischen selbstverständlich geworden. Die Wahlmöglichkeiten der Lebensgestaltung sind weiterhin im Steigen und erzeugen einen massiven inneren Beschleunigungs- und Entscheidungsdruck, dem sich heute fast niemand mehr entziehen kann. Alltagsstrukturen lösen sich auf, und die Entgrenzung von Arbeitszeit und Freizeit ist für viele nahezu vollzogen.

Weniger Fremdkontrolle?

Führungskräfte respektive Auftraggeber haben erkannt, dass die zeitliche Selbstbestimmung oft effektiver ist als strikte Zeitkontrolle. Die Bestimmung der Arbeitszeit wird durch die Flexibilisierung von Zeit und Ort zunehmend auf die Arbeitenden selbst verlagert, manchmal sogar bis zur scheinbar ganz freien Zeit- und Ortswahl. Individualisierung der Zeitkontrolle heißt aber nicht Aufhebung der Fremdkontrolle, sie verlagert diese nur. Die Arbeitenden aller Hierarchien müssen sich die Zeitzwänge nun selbst antun, auch das Management. Die Fremdkontrolle wird internalisiert und erscheint als Selbstkontrolle.

Ein Beispiel: In den Gesundheitsberufen verfolgt das Management das Interesse, möglichst viele Patienten in möglichst kurzer Zeit von möglichst wenigen Pflegekräften betreuen zu lassen. Die Patienten haben das Interesse, mit Pflegern möglichst viel Kontakt, Ansprache und gemeinsame Zeit wie möglich zu erhalten. Die Pflegekraft wiederum soll diese Zeit nach den Maßstäben des Managements ausfüllen und ablaufen lassen: Inhaltlich gefüllt mit reiner Pflegetätigkeit und chronologisch in einem Ablauf ohne den "Störfaktor Mensch", also ohne persönliche oder situativ entstehende Bedürfnisse.

Auswirkungen auf das Arbeitsleben

Spinnen wir die Geschichte der mobilen Pflegekraft weiter, um sichtbar zu machen, in welcher auch gesundheitsgefährdenden Situation sich ein Großteil der Erwerbstätigen heute befindet. Denn auch die Sozialberufe, die Produktion, der Handel, die Verwaltung, die Wissensberufe, der Dienstleistungssektor und so weiter sind von Evaluierung, Arbeit auf Abruf, Zeitverdichtung, zeitlicher, inhaltlicher sowie örtlicher Überprüfung und Dokumentationspflicht betroffen.

Einerseits wird auf mobile Pflegekräfte eine rigide Fremdkontrolle ausgeübt: Strikte Zeitpläne, Wegkontrollen und zerstückelte Zeitelemente im Viertelstundentakt setzen unter Druck und rütteln an den Nerven. Andererseits wird die Verantwortung für das Einhalten dieser Zeitpläne auf die Arbeitskräfte übergewälzt: Sie müssen es schaffen.

Minutiöse Kontrolle

Die Kontrolle, gepaart mit ständiger potenzieller Verfügbarkeit, wird minutiös ermöglicht. Dienstplanänderungen können am Vortag getroffen und am Display mitgeteilt werden, Minutenabgleichungen gehören ebenso dazu wie die örtliche Überprüfung und eine wachsende Dokumentationspflicht. In dem Moment, in dem Arbeitskräfte das eigentlich Unmögliche möglich machen und es auch möglich machen wollen, haben sie die Fremdkontrolle als Selbstkontrolle internalisiert. Dies gelingt ihnen meistens dadurch, dass sie sich selbst und auch die Patienten unter Druck setzten – die Fremdkontrolle durch das Management über den Zeitumgang der Pflegekräfte wird weitergetragen in das Leben der Patienten.

In diesem Verhaltensrahmen liegt die scheinbare Freiheit für die Berufstätigen – ihr individuelles Zeitmanagement, das große Versprechen aus den 1970er-Jahren. Wenn es ihnen gelingt, so lautet die meist unausgesprochene Botschaft, die Patienten zu motivieren, schneller zu sein oder weniger Umstände zu machen, sparen sie Zeit und können so zeitgerecht ihren weiteren Verpflichtungen nachkommen. Gelingt es ihnen jedoch nicht, ihre eigene (Arbeits-)Zeit und die ihrer Patienten zu verdichten – weil sie es nicht wollen oder nicht können –, müssen sie ihre eigene freie Zeit investieren und nicht selten unbezahlt länger arbeiten.

Systemimmanentes Gefühl, "zu langsam zu sein"

Diese Überforderung ist sehr oft verbunden mit dem Gefühl, "zu langsam zu sein", und erscheint individuell, ist aber aufgrund der künstlich konstruierten Personalknappheit und straffer ökonomisch orientierter Zeitpläne systemimmanent. Aber auch das Management steht unter Druck, mit zunehmend geringeren Mitteln effizient und zumindest nicht defizitorientiert zu arbeiten. Eine nahezu logische Folge davon dürften die zunehmenden Fälle von psychischen Überbelastungen, häufige und teilweise abrupte Personalwechsel bis hin zu Burnout und sogar Arbeitsabbruch sein.

Angesichts der demografischen Entwicklung und der damit einhergehenden Erhöhung der Lebensarbeitszeit respektive des Pensionsantrittsalters wird ein neues Leitbild propagiert, das tief in das lebensgeschichtliche Zeitverständnis eingreift: aktives Altern. Was ist darunter zu verstehen?

"Aktives Altern"?

Die Beschleunigung des Zeitumgangs und die Dominanz der Arbeitswelt sind eng miteinander verbunden. Am deutlichsten wird dies mit einem Blick auf zwei gesellschaftliche Gruppen: Kinder sollen immer früher und schneller lernen, um fit und leistungsstark für die Arbeitswelt zu sein. Ältere sollen langsamer altern, um länger im Arbeitsprozess stehen zu können und damit ihrer drohenden Ausgrenzung aus unserer Gesellschaft, die sich (noch) über die Arbeit definiert, zu entgehen.

Langsamer zu altern aber heißt in diesem Zusammenhang, länger schnell bleiben zu können. Es geht also darum, mithalten zu können mit dem Tempo der Arbeitswelt, der technischen Entwicklung, der rasanten Beschleunigung und dem hohen Leistungsdruck. Und es geht weniger darum, Lebensqualität im Sinne eines individuellen Zeitwohlstands zu erhalten, der selbstbestimmt und eigenverantwortlich eingesetzt wird für das eigene Wohl und das Wohl anderer. Der Druck, zu funktionieren und sich der Geschwindigkeit anzupassen, um den Preis, dass für das eigene Leben nach Dienstschluss dann die Kraft oft nicht mehr ausreicht, ist nicht zu unterschätzen.

Und die Oliven?

Möglicherweise hat die ältere Generation gegenüber der Jüngeren einen Vorteil: Sie kennt noch die Qualität der unzerrissenen Zeit ohne Facebook, Twitter und Smartphone. Ihr Zeitempfinden ist in einem anderen Rhythmus, in einem anderen Fluss, und sie wissen, dass die Oliven nicht schneller reifen, wenn man sie öfter kontrolliert.

Die Fähigkeit, das eigene Tempo überhaupt noch zu empfinden, ist ein Segen. Sie muss kultiviert und an die jüngere Generation weitergegeben werden, die zunehmend das Wissen um die Alternative einer selbstbestimmten, unkontrollierten und unzerstückelten Zeit verliert. Der Satz "Mir läuft die Zeit davon" heißt nicht nur, zu viel auf einmal machen zu wollen oder zu müssen, sondern auch, gegen seinen eigenen inneren Zeitstrom zu schwimmen. Aber wozu eigentlich?

Die Wiederauflebung und Kultivierung eines gesunden individuellen Zeitbewusstseins könnte auch Entscheidungsträger zu einem notwendigen Gesinnungswandel bewegen. Entschleunigte Arbeitszeit und entdichtete Arbeitsgestaltung – auch durch mehr Personalausstattung – wäre zum Wohle aller Beteiligten. (Sonia Raviola, 2.11.2016)

Sonia Raviola ist Historikerin und Philosophin, arbeitet als Gesundheitsexpertin in der Arbeiterkammer Niederösterreich und freiberuflich in ihrer Wiener Praxis als Supervisorin, systemischer Coach und Unternehmensberaterin (ÖVS).

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  • Das Gefühl für Zeit und die Kontrolle von Zeit sind im Wandel – nicht unbedingt zum Besseren.
    foto: afp/thomas kienzle

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