Evan McMullin: Mormone könnte zum Königsmacher der US-Wahl werden

3. November 2016, 15:11
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Der Konservative könnte Donald Trump im Bundesstaat Utah besiegen und um wichtige Wahlmännerstimmen bringen

Evan McMullin vergleicht sich gern mit Uber. So wie Uber die Branche der Taxifahrer aufgemischt habe, sagt er, werde er die beiden großen Parteien das Fürchten lehren. Demokraten wie Republikaner steckten nämlich in der Vergangenheit fest. Sie ließen an satte Unternehmen denken, die nur noch ihre Pfründe verteidigen wollen, statt den Blick in die Zukunft zu richten.

Es sind große Worte für einen Politiker, der noch vor drei Monaten völlig unbekannt war. Da gab er seine Bewerbung fürs Weiße Haus bekannt, ein 40 Jahre alter Konservativer aus Utah, der dort weitermachte, wo die Never-Trump-Bewegung aufgehört hatte. Jene Republikaner, die monatelang kampflustig verkündet hatten, jeden Kandidaten küren zu wollen, nur nicht Donald Trump, streckten auf dem Nominierungsparteitag im Juli die Waffen. Während sie resignierten, hofft McMullin auf einen Coup. Er hofft auf Utah.

Zum einen gilt der Bundesstaat zwischen Rocky Mountains und Großem Salzsee, der seit 1964 keinen Demokraten mehr ins Oval Office wählte, als sichere republikanische Bank. Zum anderen besteht seine Bevölkerung zu nahezu 60 Prozent aus Mormonen, und bei den Mormonen mit ihren strengen Moralauffassungen sitzt sie besonders tief, die Abneigung gegenüber dem windigen Populisten Trump. Seit ein Video kursiert, in dem der Ostküsten-Milliardär damit prahlt, dass er sich bei Frauen alles erlauben dürfe, weil er ein Star sei, ist sie noch ausgeprägter. Und ins Lager Hillary Clintons zu wechseln, das kommt in dem konservativen Milieu offenbar auch nicht infrage. Darin liegt die Chance des Evan McMullin: Aktuelle Umfragen für Utah sehen ihn bei 30 Prozent der Stimmen, praktisch gleichauf mit Trump.

CIA-Geheimagent

Evan McWho? "Niemand hat je von ihm gehört", machte sich Trumps Vize Mike Pence neulich über ihn lustig. Worauf McMullin, an die Adresse des Tycoons gerichtet, zornig erwiderte: "Klar, Sie haben noch nie von mir gehört, weil ich Terroristen im Ausland bekämpfte, während Sie Frauen auf Schönheitswettbewerben belästigten." Elf Jahre lang war McMullin als Geheimagent der CIA tätig. Was genau er da machte, verschweigt er natürlich. Er sagt nur, dass sein Einsatzgebiet von Südasien bis zum Nahen Osten reichte. Bevor ihn die Schlapphüte rekrutierten, hatte er die mormonische Brigham-Young-Universität absolviert und für die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage in Brasilien missioniert. Nach seinem Abschied vom Geheimdienst wurde er Investmentbanker bei Goldman Sachs. Seit 2013 berät er die republikanische Fraktion im Repräsentantenhaus. Der Mann mit dem schütteren Haar gilt als Protegé Mitt Romneys, der vor vier Jahren das Wahlduell gegen Barack Obama verlor und heute zu Trumps schärfsten Kritikern zählt, indem er den Baulöwen als Mogelpackung charakterisiert.

Die kühne Rechnung des krassen Außenseiters geht ungefähr so: Falls er am 8. November die Mehrheit in Utah holt, würden ihm die sechs Wahlmännerstimmen zugesprochen, die Utah zu vergeben hat. Und falls weder Clinton noch Trump auf die zur Wahl des Präsidenten notwendige Mehrheit von 270 Stimmen im Wahlmännergremium kommen, müsste nach der Verfassung das Abgeordnetenhaus die Hängepartie entscheiden. Dort sind die Republikaner klar in der Mehrheit, und in McMullins Kalkül würde die Never-Trump-Bewegung in der Stunde der Entscheidung zu neuem Leben erwachen. So unwahrscheinlich das alles klingt, es gibt ein historisches Vorbild: 1824 delegierte das House of Representatives den Wahlverlierer John Quincy Adams auf diese Weise ins höchste Staatsamt. Auf Adams waren zwar weniger Stimmen entfallen als auf seinen Rivalen Andrew Jackson, aber auch Jackson hatte die absolute Mehrheit verfehlt. (Frank Herrmann aus Washington, 3.11.2016)

  • Evan McMullin ist Republikaner, will aber Trumps Wahl zum Präsidenten verhindern.
    foto: ap photo/rick bowmer

    Evan McMullin ist Republikaner, will aber Trumps Wahl zum Präsidenten verhindern.

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