Steigende Nervosität an den Anleihenmärkten

5. November 2016, 09:00
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Wegen steigender Inflationsraten erlebten europäische Staatsanleihen einen Rücksetzer. Kassandrarufer hatten mit Abgesängen in vergangenen Jahren nicht recht

Wien – Die Inflation, natürlicher Feind der Anleihenmärkte, beginnt sich zu regen. Schließlich nagt die Teuerung an den realen Erträgen der Schuldpapiere, die im Fall sicherer Staatsanleihen aus Europa oft schon vor Abzug der Inflation negative Renditen abwerfen. In der Eurozone erreichte die Teuerung im Oktober mit 0,5 Prozent auf Jahressicht ebenso den höchsten Stand seit zwei Jahren wie in Deutschland mit 0,8 Prozent – und leitete umgehend einen kleinen Abverkauf sicherer Staatspapiere aus.

Dieser ist bisher noch weniger stark ausgefallen als im Frühjahr 2015. Damals machte die Rendite zehnjähriger deutscher Bundesanleihen, die als Schrittmacher im Rentenbereich gelten, vorübergehend einen Schnalzer um einen Prozentpunkt nach oben – sackte aber in weiterer Folge mit dem Verfall des Ölpreises wieder ab. Zuletzt hat der Trend wieder gedreht und die zehnjährige Verzinsung von ihrem Tief bei minus 0,2 Prozent in der Spitze auf plus 0,2 Prozent geführt. Gleichzeitig zeigt auch die Preisentwicklung für das Nordseeöl Brent wieder tendenziell nach oben. Mit knapp unter 50 Dollar liegt die Notierung rund zwei Drittel über seinem Tief zu Jahresbeginn.

Teuerung signifikant höher

"Die Inflation kommt zurück", folgert Ökonom Christopher Dembik von der dänischen Saxo Bank. Selbst wenn der Ölpreis auf 40 Dollar zurückfalle, würde seiner Ansicht nach die Teuerung in der Eurozone "signifikant ansteigen". Jedoch geht Dembik vom Gegenteil aus, sprich davon, dass wegen der geringen Investition in die Ölbranche in den vergangenen Jahren die Preisentwicklung sogar weiter nach oben zeigen sollte.

Gelassener sehen die RBI-Analysten die Zukunft: Die Anleihenmärkte der Eurozone dürften bis Jahresende weniger von Wirtschaftsdaten als von der Geldpolitik der EZB geprägt sein – wenn nicht sogar darüber hinaus. Daher empfehlen sie derzeit, deutsche Staatsanleihen mittlerer oder langer Laufzeit zu halten.

Dabei hatte EZB-Chef Mario Draghi zuletzt selbst mit der Aussage für Verunsicherung gesorgt, dass die derzeitige Geldpolitik seines Hauses – massive Anleihenkäufe, kombiniert mit Negativzinsen auf Bankeinlagen – nicht ewig weitergeführt werden könne. Schließlich ist das Hauptziel, die Inflation Richtung zwei Prozent zu dirigieren, wieder nähergerückt. Hinweise auf das weitere Vorgehen der EZB erwarten sich Marktteilnehmer von der Zinssitzung in Dezember.

Riskante Anlagenklasse

"Anleihen sind zu einer riskanten Anlageklasse geworden", urteilen die Experten von Banque de Luxembourg Investments (BLI) und begründen ihre Einschätzung wie folgt: Rentenpapiere würden weniger von Investoren gekauft, die regelmäßige Zinseinkünfte suchen, als vermehrt von Anlegern auf der Jagd nach kurzfristiger Rendite – also durch Zinssenkungen ausgelöste Kursgewinne. Dies werten die BLI-Experten als Spekulation, was "per Definition riskant" sei. Unter den Industrieländern seien nur die Renditen am US-Markt durch wirtschaftliche Fundamentaldaten zu erklären.

Zu einem ähnlichen Schluss ist auch John Taylor, Fondsmanager des Vermögensverwalters AB, gekommen, der für sicherheitsbedürftige Anleiheninvestoren Lehren aus dem Brexit-Schock gezogen hat: Ihm zufolge haben sich nach dem Votum höher verzinste Anleihen, vor allem US-Staatspapiere, deutlich besser gehalten als etwa ihre deutschen Pendants, von denen 86 Prozent negativ rentieren. Dieser Zins- und damit auch Risikopuffer wird jedoch durch das Währungsrisiko zum Dollar erkauft. (Alexander Hahn, 5.11.2016)

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  • Der Ölpreis hat keine geringe Auswirkung auf die Teuerung.
    foto: ap/sarbach

    Der Ölpreis hat keine geringe Auswirkung auf die Teuerung.

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