Mia Hansen-Løve: "Es geht um das Überleben"

Interview3. November 2016, 12:00
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Die französische Regisseurin wirft in ihrem neuen Film "L'avenir" die Frage auf, wie und warum Menschen in schwierigen Lebensphasen weitermachen

Wien – Die Filme der Französin Mia Hansen-Løve erzählen von Wendepunkten im Leben ihrer Figuren. In L'avenir (Alles was kommt) erfolgt der Umbruch als Verlust lange gewohnter Sicherheiten. Die Philosophielehrerin Nathalie (Isabelle Huppert) wird von ihrem Mann verlassen. Das kommt zwar unvermittelt, doch unterkriegen lässt sie sich deshalb nicht. L'avenir ist kein Melodram, sondern ein Film über eine Frau, die ihr Leben neu auszurichten beginnt. Die Traurigkeit darüber, was ab nun in der Vergangenheit liegt, vermischt sich mit dem Gefühl einer neugefundenen Freiheit, mit der Nathalie erst umzugehen lernen muss.

foto: ludovic bergery
In "L'avenir" wird die Philosophin Nathalie (Isabelle Huppert) 50-jährig von ihrem Mann verlassen. Neue Wege beschreitet sie zwischen Melancholie und frischem Esprit.

STANDARD: "L'avenir" erzählt von einer spezifischen Frau, in der man auch die Züge von Huppert und ihrer Persona erkennen kann. Zu welchem Zeitpunkt kam Sie Ihnen in den Sinn?

Hansen-Løve: Ich habe den Film nicht rund um ihre Persona konstruiert, weil ich das einfach nicht kann. Meine Inspiration funktioniert anders: Ich muss die Notwendigkeit eines Themas empfinden, um überhaupt beginnen zu können. Wenn dann ein gewisser Teil des Buches klar ist, wird es möglich, ihn mit einem Schauspieler zu verbinden. Anders als früher habe ich diesmal, zugegeben, schon früher an die Schauspielerin gedacht. Eine Philosophielehrerin in ihren 50er-Jahren zu spielen, das ist eine schwierige Rolle. Um glaubwürdig zu wirken, muss man eine moralische Autorität haben. Ich wollte, dass Nathalie ironisch sein kann, aber nie verbittert wirkt.

STANDARD: Die Figur ist auch autobiografisch angelegt. Ihre Mutter war Philosophielehrerin. Wie hat sich das mit Huppert vertragen?

Hansen-Løve: Ich wusste, es müsste eine Frau sein, die feminin, attraktiv und gescheit wirkt. Das Lustige ist, dass meine Mutter sich immer mit Isabelle Huppert identifiziert hat. Nicht mit den Figuren, der "Klavierspielerin" beispielsweise, sondern weil sie ihren Typ so schätzte. Sie verkörpert diese Kombination aus Intellekt und Sinnlichkeit wie keine andere. Ich kann mich sogar daran erinnern, dass sie nach derselben Kleidung suchte, die Huppert in den Filmen trug – und dass sie ganz glücklich war, als sie einmal dieselbe Jacke gefunden hatte. Und Isabelles Tochter Lolita, die auch Schauspielerin ist, war eine Schülerin meiner Mutter. Ich selbst habe Isabelles Tochter in Les destinées sentimentales von Olivier Assayas gespielt. Es gibt also viele Verbindungen!

STANDARD: Die Tonart des Films ist äußerst beweglich. Ich denke nur an jene Szene, in der Nathalie von ihrem Mann verlassen wird und ganz schnell die Register wechselt. Hat sich das in der Kombination aus Buch und Hupperts Spiel ergeben?

Hansen-Løve: Es gab eine schöne Verbindung zwischen ihrem Spiel und meinem Schreiben. Vor allem, was Emotionen anbelangt, die erst verzögert freigelassen werden. Also nicht in jenem Moment, wo man es erwarten würde. Man belässt die Dinge im Inneren, man drängt sie zurück. Wenn Nathalie spät im Film einmal richtig weint, ist es nicht, weil sie verlassen wurde oder weil ihre Mutter stirbt, sie weint, weil sie mit einem jungen Studenten Streit hat. Das hat mit einer Wahrheit zu tun, die Isabelle mit mir teilt: Reaktionen kommen nicht unbedingt zu dem Zeitpunkt, an dem man sie erwartet.

STANDARD: Gab es etwas an Huppert, was Sie korrigieren, anders betonen wollten?

Hansen-Løve: Ich habe versucht, etwas an ihr zu zeigen, was man schon lange nicht an ihr sehen konnte. Wir haben sie oft in Borderline-Rollen erlebt, als Figur, die um ihre Balance ringt. Diese Anspannung ist etwas, was Isabelle ausmacht, sie ist auch da, wenn sie nichts tut. Man erwartet von ihr immer, dass sie nach einem Messer greift und jemanden tötet. Es ist verführerisch, das in Evidenz zu halten. Denn selbst wenn man es nicht benützt, bleibt die Option der Gewalt doch spürbar. Isabelle hat das, glaube ich, sehr genossen. Ich habe ihr gesagt, dass sie eine Offenheit bewahren sollte, egal wie dunkel oder negativ ihre Lage im Film auf sie wirken könnte. Ich wollte nicht, dass sie eine bösartige, hassenswerte Figur ist.

STANDARD: Sie ist sehr verwundbar, dennoch ist sie keine leidende Frau.

Hansen-Love: Diese Nuance ist sehr wichtig! Isabelle hat verstanden, dass keine verbitterte Frau zu spielen bedeutet hat, kein Opfer zu spielen. Wenn es eine Gemeinsamkeit zwischen Paul Verhoevens Film Elle und meiner Arbeit gibt, dann jene, dass Isabelle in beiden in Situationen gerät, die aus Frauen Opfern machen könnten. In beiden entscheiden sie, das nicht zu sein.

STANDARD: Ihre Filme sind nicht nur meist autobiografisch inspiriert, sondern behandeln oft Verluste oder Einschnitte im Leben.

Hansen-Løve: Diesmal habe ich den Titel L'avenir gewählt, weil es für mich zunächst um die Grausamkeit des Lebens ging. Ich konnte gar nicht sehen, welche Zukunft es für Nathalie noch geben könnte. Da war eine grausame Ironie im Spiel, doch am Ende wurde mir klar, dass es doch um das Überleben, das Am-Leben-Sein geht. Darum, man selbst zu sein und mit sich selbst zufrieden zu sein. Alle meine Filme sind Porträts von Leuten, die ich liebe. Zugleich sind es Filme über das Mysterium unseres Glaubens an das Leben.

STANDARD: Den Glauben ans Leben?

Hansen-Løve: Ja, diese Zuversicht gegenüber dem Leben. Was ist es, das es uns ermöglicht, in schwierigen Situationen weiterzumachen? Ich habe das vielleicht noch nie so formuliert: Alle meine Figuren könnten sich das Leben nehmen, tun es aber nicht. Meine Filme erzählen davon, dass man nicht Selbstmord begeht. Vielleicht liegt das daran, dass sich mein eigener Großvater das Leben genommen hat. Vielleicht habe ich diese unbeantwortete Frage in meinem Kopf: Wie kann man so verzweifelt sein? Vielleicht ist es der umgekehrte Weg, darüber zu sprechen. Meine Figuren haben ihre Schwächen, ihre Melancholie. Aber sie haben auch einen Glauben, der sie weiterschreiten lässt.

film tribe

STANDARD: Der Weg zurück zum Leben führt im Film nicht über die Philosophie, sondern über die Begegnung mit einer jüngeren Generation.

Hansen-Løve: Ja, Nathalie lebt mit ihrem Intellekt, ihren Ideen aus der Philosophie. Doch mit der Dauer des Films kehrt der Körper in den Film zurück. Es wird zwar nie explizit, sie ist mit keinem neuen Mann zusammen, aber auf eine unbewusste, sublime Art ist es doch offensichtlich. Wenn sie noch einmal zum Studenten Fabien fährt, dann geht es nicht mehr um die Philosophie oder ums Lernen. Kurz davor unterrichtet sie noch einen Text von Rousseau über die Sublimierung der Liebe. Er meint darin, dass die Hoffnung auf Liebe ihren eigentlichen Vollzug ersetzen helfen kann. Doch Nathalie wird ihr Begehren nicht einfach los. Beim Wiedersehen mit Fabien kommt es zu diesem Moment, der für etwas ganz anderes steht. Erst als ich die Szene drehte, in der sie im Auto mit ihm zurückfährt, habe ich realisiert, dass dies der Moment ist, zu dem der ganze Film hinstrebt. Es ist die erste Szene im Film, in der sie nicht zu sehen ist, wir also an ihre Stelle rücken und mit ihrem Begehren auf ihn blicken.

STANDARD: Sie kehren immer wieder in das Milieu einer liberalen, bourgeoisen Mittelschicht zurück. Weil Sie es am besten kennen?

Hansen-Løve: Ich habe keine Angst vor der Spezifität. Bei vielen Drehbüchern hat man das Gefühl, dass die Autoren die Genauigkeit beiseitelassen, nur um etwas Universelleres zu erzählen. Außerdem gibt es diese Scheu, sich dem bürgerlichen Milieu anzunähern, weil es unzeitgemäß erscheint. Man delegiert seine Fragen lieber in soziale Bereiche. Eric Rohmer hat man auch vorgeworfen, er mache seine Filme immer über dasselbe Milieu. Er hat darauf geantwortet, er mache Filme über Menschen, die er kennt. Genau das meine ich auch: Man soll keine Angst davor haben, über Dinge und Menschen zu sprechen, die man kennt. Das ist ein Statement.

STANDARD: Eine Frage der Präzision?

Hansen-Løve: Ja, und eine Frage der Ehrlichkeit. Ich glaube auch daran, dass sich Universalität in der Spezifität erreichen lässt. Ich versuche das Spezifische also nicht zu löschen, sondern betone es noch. In der Literatur fasziniert mich Patrick Modiano mit seiner Obsession für Namen, Personen, Orte und Straßen. Und ich teile sein Interesse an Erinnerung. Es ist wie Tagebuchschreiben. Warum führen wir Tagebuch? Weil wir eine Spur der Dinge festhalten wollen. Warum soll das nicht auch im Film möglich sein?

STANDARD: Das Kino hat auch die Fähigkeit, die Erinnerung zu manipulieren. Etwas herzustellen, was schon einmal war, aber mit neuen Möglichkeiten. Reizt Sie das?

Hansen-Løve: Total. Man kann eine Situation neu erfinden, so tun, als läge sie in der Vergangenheit, und dann ganz wenig verändern. Ein kleiner Betrug. Es gibt dieses mehrdeutige Verhältnis zur Vergangenheit, das für mich das ganze Kino verkörpert. Es ist einer gewissen Wahrheit gegenüber treu und zugleich auch schon der Betrug daran. Jemand hat mir einmal einen Satz von Truffaut geschickt, der mir sehr viel bedeutet. Er sagte, es gebe zwei Arten von Filmen. Die einen bebildern die Welt, wie sie ist, die anderen wollen die Realität besser machen, wie durch Magie. Für mich gilt in jedem Film immer beides zugleich. (Dominik Kamalzadeh, 3.11.2016)

Mia Hansen-Løve (35) ist eine französische Regisseurin. Sie hat als Filmkritikerin und Schauspielerin gearbeitet. Für "L'avenir" wurde sie auf der Berlinale mit dem Preis für die beste Regie prämiert.


Das Interview fand auf Einladung des Filmverleihs in Paris statt.

  • Mia Hansen-Løve wurde unlängst für ihre Regie ausgezeichnet.
    foto: reuters/stefanie loos

    Mia Hansen-Løve wurde unlängst für ihre Regie ausgezeichnet.

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