"Balanchine – Liang – Proietto": Leidenstanz eines jungen Dichters

2. November 2016, 16:17
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Das Staatsballett mit einem Dreiteiler

Wien – Ein Stück aus dem umfangreichen OEuvre des US-amerikanischen Choreografen George Balanchine ist immer eine Attraktion. Entsprechend groß war der Jubel nach dem Stück Symphonie in C, das den neuen dreiteiligen Ballettabend einleitete, der am Dienstag in der Staatsoper Premiere hatte. Viel geklatscht wurde auch nach dem zweiten Stück, Murmuration von Edwaard Liang. Teil drei, Daniel Proiettos Blanc, bekam nur Höflichkeitsapplaus – ein bisschen unverdient, denn auch hier hat sich die Compagnie des Wiener Staatsballetts von ihrer besten Seite gezeigt.

Inhaltlich kam Blanc, die Uraufführung des Abends, ambivalent daher. Die Hauptfigur des Poeten wurde von Burgschauspieler Laurence Rupp dargestellt, der seinen Monolog (Alan Lucien Øyen) mit dünner Stimme daherjammerte. Mit gutem Grund, denn der Dichter erkennt in sich "Mittelmäßigkeit". Tatsächlich geht es um die Semperei eines, der's nicht kann – oder eine Schreibblockade hat: "Diese leere Seite. Hör auf, mich anzustarren! Blank. Leer."

Die vielen Musen, die er sich einbildet, umtänzeln ihn mit Elfenflügerln im Kreuz und bleiben auf Distanz. "Reimen?", klagt sich der Poet an: "Hör auf, so zu tun, als wärst du ein Dichter." Seine zickige Inspiration greint er an: "Ich blute Feuer durch deinen brennenden Regen." Von guten Geistern ist er verlassen, von kalten Gespenstern wird er genarrt. Warum nur hat Proietto dieses Klischee in Øyens Monolog im Tanz nicht ironisiert? Es hat so sehr danach gerufen.

Rupp (mit seinem Schatten Eno Peci) und die rund zwanzig Sylphiden, allen voran Ketevan Papava, Ioanna Avraam, Nina Tonoli sowie Eszter Ledán, sind und bleiben uneins miteinander. Tänzerisch ist dieser Konflikt hingebungsvoll und choreografisch zumindest gekonnt umgesetzt.

Nicht weniger verschwommen als Proiettos hausbackenes Lavieren in romantischen Musenvorstellungen kommt Edwaard Liangs Übertragung des Schwarmverhaltens von Staren daher. Bei seiner Murmuration, uraufgeführt 2013 in Houston, Texas, hat den Choreografen das eigene Fasziniertsein von diesem Massentanz der Vögel dermaßen inspiriert, dass er Federn aus dem Schnürboden schneien lässt – hernieder auf die Tänzerinnen und Tänzer. Sie interpretieren seine durchaus geschickte Bewegungskomposition so traumhaft, dass deren Pathos fast zur Gänze verschwindet.

Dabei schimmern Talent und Charisma von Nina Poláková und – wieder – Avraam durch die Gruppe der Tänzer, in der etwa auch Alice Firenze, Roman Lazik und Jakob Feyferlik wirkliches Können und überzeugende Präsenz zeigen. Zur Musik von Ezio Bosso gelingt es ihnen, Liangs Inbrunst, "die Nähe zu Gott zu suchen", überwiegend kitschfrei auf den Tanzboden des Profanen zu zaubern.

Als Meister dieses Profanen kann George Balanchine (1904-1983) gelten, der große Musenverehrer – er suchte gern die Nähe seiner Ballerinen – des modernen Spitzentanzes. Das zeigt sich auch bei seinem 1947 in Paris uraufgeführten Stück Symphonie in C zu Bizets gleichnamiger Komposition. Hier strickt der Tanz ein reiches visuelles Panoptikum. Die Frauen in Weiß, die Männer in Schwarz, tolle geometrische Strukturen, maximale Symmetrie und tänzerische Virtuosität. Reine Form und als solche: ein Genuss. (Helmut Ploebst, 2.11.2016)

Wiener Staatsoper, nächste Vorstellungen: 4., 5. und 18. 11.

  • Szene aus dem Stück "Murmuration" von Edwaard Liang.
    foto: ashley taylor

    Szene aus dem Stück "Murmuration" von Edwaard Liang.


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