"You Say You Want a Revolution?": Das Psychodrama der Babyboomer

2. November 2016, 16:48
14 Postings

Das Londoner Victoria and Albert Museum lädt zur Anbetung der 1960er-Jahre ein. Die nostalgische Multimedia-Schau vergisst neben Beatles, Woodstock und Jimi Hendrix auf die weitreichenden und blutigen politischen Erschütterungen jener Zeit

Die neue Gala-Ausstellung des Victoria and Albert Museum (V&A) trägt als Titel ein Beatles-Zitat: You Say You Want a Revolution? beschreibt in sechs Abschnitten die Umwälzungen in Musik, Design, Gesellschaft und Technik während der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre, als die berühmten Pilzköpfe aus Liverpool ein brillantes Studioalbum nach dem anderen produzierten.

Man solle sich auf ein "Bombardement für die Sinne" gefasst machen, warnte der Guardian. Ein Blick in die vollgestopften Ausstellungsräume bestätigt das Verdikt: psychedelische Musik, grelle Farben, wenig Platz zur Besinnung. Vielleicht verzichten wir lieber auf das angebotene audiovisuelle Eintaucherlebnis (neudeutsch: "total immersion"), wenn die Pressedame auch streng ermahnt: "Der Ausstellungsgenuss wird erheblich vergrößert, wenn Sie die Kopfhörer benutzen." Aber ist nicht in der Werbung für die Multimedia-Schau von "Rebellen" die Rede? Wagen wir uns also ohne Ohrendeckel ins Getümmel.

Vor drei Jahren elektrisierten die V&A-Kuratoren die Londoner Musik- und Designwelt mit David Bowie Is. Der damals noch lebende Trendsetter wurde als Pop-Ikone vorgestellt, und die Besucher strömten in Massen herbei. Noch immer tourt die Schau um die Welt und hat längst Nachahmer gefunden, darunter Sumpfblüten, wie die im Frühjahr eröffnete und demnächst nach New York umziehende Rolling-Stones-Show Exhibitionismus.

Erkennbar haben die Museumsmacher unter dem scheidenden deutschen Direktor Martin Roth an die Bowie-Ausstellung angeknüpft. Gefeiert wird die 50 Jahre zurückliegende Befreiung jener Generation, von der man hoffen durfte, sie ziehe sich langsam aufs Altenteil zurück. Von wegen: Die US-Präsidentschaftswahl bestreiten im November eine 68-Jährige und ein 70-Jähriger. Das "Psychodrama der Babyboomer", dessen Ende der damals 47-jährige Barack Obama beim Amtsantritt 2008 herbeiflehte, bleibt hochaktuell.

Revolutionäre Einkaufslisten

Viele großartige Details lohnen die Eintrittskarte. Dazu gehören die Uniformen, die John Lennon und George Harrison auf dem Cover ihres Album-Meilensteins Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band trugen. Rührend die Seite aus Harrisons Tagebuch für den 1. April 1967, in die der 24-Jährige stolz ein Telegramm (ein Telegramm!) eingeklebt hat, das von der Aufnahmesitzung eines seiner Songs handelte. Wer hätte geahnt, dass hinter den Barrikaden von Paris 1968 nicht nur die Weltrevolution geplant, sondern auch eine Einkaufsliste geschrieben wurde? In London tagte unterdessen die "antiuniversity".

Auch Cineasten werden bedient. Gezeigt werden Ausschnitte aus der knapp zehnminütigen Kamerafahrt entlang eines langen Autostaus, mit der Jean-Luc Godard 1967 die Filmwelt aufwühlte. Schließlich in einem Raum mit Kunstrasen, Hippiekissen und dem Schlagzeug von The Who ein Zusammenschnitt des Woodstock-Festivals. Und natürlich kreischen die Riffs von Jimi Hendrix' Version der US-Hymne dazu.

"Wie haben die vollendeten und unvollendeten Revolutionen der späten 1960er-Jahre unser heutiges Leben und unser Nachdenken über die Zukunft beeinflusst?" Die selbstgestellte Frage beantworten die Ausstellungsmacher ganz uneingeschränkt positiv. Eigentlich war doch alles toll an jener Zeit, lautet die Botschaft, ganz explizit: Die Ausstellung will "den Idealismus der späten 1960er-Jahre" widerspiegeln und zu "einfallsreichem Optimismus" aufrufen.

"Nostalgie ohne Erinnerung" nennt der Beatles-Biograf Philip Norman das Phänomen der nachgeborenen Anbeter. Der 73-Jährige schwelgt in einem langen Observer-Essay selbst in den glamourösen Aspekten jener Zeit, weist aber nachdrücklich auch auf die dunklen Seiten hin. Großbritannien etwa fiel von einer Finanzkrise in die andere, Amerika wurde erschüttert von den politischen Morden an Martin Luther King und Robert Kennedy, durch Prag rollten die Panzer des Warschauer Paktes. Die Entkolonialisierung ging vielerorts mit blutigen Bürgerkriegen einher. Und über der Welt hing die nukleare Dauerbedrohung im Ost-West-Konflikt.

Kurzum: eine blutige und unruhige Zeit. "Flower power" reimt sich natürlich herrlich, aber auch damals herrschten eher Bomben als Blumen. Das gerät im audiovisuellen Anbetungswirbel in Vergessenheit. (Sebastian Borger, 2.11.2016)

  • Im biederen Alltag einer verklemmten Nachkriegsgesellschaft probte die junge Generation den Aufstand.  Als Vorkämpfer fungierten Ikonen der Popkultur. Eine davon, Bob Dylan, erhielt gar unlängst den Literaturnobelpreis.
    foto: v&a

    Im biederen Alltag einer verklemmten Nachkriegsgesellschaft probte die junge Generation den Aufstand. Als Vorkämpfer fungierten Ikonen der Popkultur. Eine davon, Bob Dylan, erhielt gar unlängst den Literaturnobelpreis.

Share if you care.