Helikopterabsturz am Achensee: Widersprüche zu offizieller Darstellung

2. November 2016, 14:55
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Ein internes Papier des Verkehrsministeriums schließt offizielle Gründe des Innenministeriums aus – Ungereimtheiten bei Verwendungszweck des Hubschraubers und Obduktion

Wien – Ein Sicherheitsbericht über jenen Helikopterabsturz in Tirol, bei dem im März 2011 der Pilot und drei Passagiere ums Leben kamen, legt eine andere Unglücksursache nahe, als im offiziellen Endbericht der Flugpolizei angegeben ist. Laut einem Bericht des "Kurier" kommt das unter Verschluss gehaltene Dokument des Verkehrsministeriums zu dem Schluss, dass die beiden veröffentlichten Absturzgründe unwahrscheinlich waren.

Der Hubschrauber des Innenministeriums war am Morgen des 30. März 2011 auf dem Achensee zerschellt. Zwei Jahre später verkündete der Leiter der Flugpolizei mündlich einen Vogelschlag oder eine epileptische Episode des von den Rotorblättern geblendeten Piloten als wahrscheinlichste Gründe. Sicher war man sich nicht.

Auffällig rasche Obduktion

Laut dem internen Papier aus dem Ministerium deutet allerdings nichts darauf hin, dass Vögel den EC-135 zum Absturz gebracht haben: "Es lagen keine Hinweise vor, die einen Vogelschlag erklären hätten können." Mehrere Zeugen hätten keine Tiere wahrgenommen, die Bergungsmannschaften und die Polizei stießen nirgendwo auf Kadaver oder Federn.

Eine Blendung durch Rotorblätter schließen die Autoren des Dokuments ebenso aus: Der Pilot habe den Hubschrauber vor dem Unfall zehn Sekunden lang in "kontrollierter Fluglage" gehalten, "bis zuletzt aktiv gesteuert und auch laufend korrigierend eingegriffen". Gegen die Epilepsiethese durch das "Flicker-Vertigo"-Phänomen spreche auch, dass ein kritischer Frequenzwert bei 4 bis 20 Hertz anzusetzen sei, die Rotorblätter zerschneiden das einfallende Sonnenlicht allerdings bei 26 bis 27 Hertz. Der Pilot sei auch nie wegen einschlägiger Beschwerden behandelt worden.

Die Obduktion lieferte ebenfalls keine Hinweise auf Krankheiten. Auffällig daran ist vielmehr die rasche Fertigstellung des Autopsieberichts. Er lag bereits am 1. April vor, einen Tag nach der Bergung des Piloten. In der Regel beträgt die Wartezeit für toxikologische Ergebnisse mehrere Wochen, selbst das Resultat eines schlichten Alkoholtests ist üblicherweise nicht schon am Folgetag verfügbar.

"Fliegendes Hüttentaxi"

Ungereimtheiten gibt es auch hinsichtlich des Einsatzgrundes. Vor dem geplanten Überflug des Achensees wurde ein Polizist, der privat auf einer Skitour war, von der Senn-Hütte zu seiner Wohnung in Kufstein gebracht. Mehr als die Hälfte der vorangegangenen 80 Einsatzflüge seien von und zu Hütten gewesen, zitiert der "Kurier" ein Mitglied des Untersuchungsteams: "Es entstand der Eindruck, dass das ein fliegendes Hüttentaxi ist und kein Polizeihubschrauber."

Der Achensee sollte schließlich mit drei Passagieren – zwei Polizisten und einem Schweizer Grenzer – im Rahmen der Schengen-Überwachung überflogen werden, heißt es in dem offiziellen Bericht, der entgegen internationaler Gewohnheit nicht veröffentlicht wurde. Doch eine dazu nötige Genehmigung der Bezirkshauptmannschaft gab es laut dem Papier aus dem Verkehrsministerium nicht. Drei der Autoren dieses Dokuments sollen innerhalb eines Jahres nach Bekanntgabe der offiziellen Version ihren Dienst quittiert haben. Ein Vierter sei befördert worden.

Auch im Verkehrsministerium herrscht nun Stillschweigen über den internen Bericht – dieser sei "nicht amtlich", er enthalte nur "verschiedene technische Untersuchungen" für das Innenministerium. Auch Verkehrsminister Jörg Leichtfried (SPÖ) verwies am Mittwoch vor dem Ministerrat auf die Zuständigkeit des Innenministeriums.

Österreich hinter Botswana und Iran

Zurückgehaltene Untersuchungen über Flugunfälle sind in Österreich kein Einzelfall. Als 2005 ein Frachthubschrauber einen 750-Kilogramm-Betonkübel verlor, der auf eine Seilbahn stürzte und neun Menschen tötete, versprach der damalige Verkehrsminister Hubert Gorbach (FPÖ) "völlige Aufklärung". Bis heute wurde kein Bericht veröffentlicht.

In einer aktuellen Studie zur Qualität von Flugunfalluntersuchungen kommt die internationale Zivilluftfahrtorganisation ICAO zu dem Ergebnis, dass Österreich in dieser Wertung hinter Ländern wie Botswana, Ägypten, dem Iran und dem Sudan liegt. (red, 2.11.2016)

  • Am Tag nach dem Absturz wurde der Pilot geborgen.
    foto: kerstin joensson/dapd

    Am Tag nach dem Absturz wurde der Pilot geborgen.

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