Pioniersiedlung erweist sich als frühes Technologiezentrum

2. November 2016, 13:03
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Ausgrabungen nahe Ephesos geben Einblicke in das Leben der ersten Siedler in der frühen Kupferzeit

Wien/Ephesos – Seit 2007 erforschen österreichische Wissenschafter den prähistorischen Siedlungshügel Cukurici Höyük nahe dem antiken Ephesos in der heutigen Türkei. Dabei entpuppte sich die vor 9.000 Jahren gegründete "Pioniersiedlung", wie sie die Archäologin Barbara Horejs bezeichnet, gewissermaßen als hoch spezialisiertes, gut vernetztes frühes Technologiezentrum und Stadt-Vorläufer.

Mit diesem besonderen Ort in der heutigen Westtürkei beschäftigte sich ein Team von rund fünfzig Wissenschaftern verschiedenster Disziplinen in den vergangenen Jahren sehr eingehend. "Eines der überraschendsten Ergebnisse war sicherlich die extrem frühe Ansiedlung an diesem Ort", erklärte Horejs, die als Direktorin des Instituts für Orientalische und Europäische Archäologie (OREA) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) die Forschungsarbeiten zwischen 2011 und 2016 leitete.

Die Anfänge

Auf Basis der vielfältigen Analysen sei nun klar, dass prähistorische Siedler oder Kolonisten Cukurici Höyük vor 9.000 Jahren vom Orient aus über den Seeweg erreichten und auch ihre Lebensweise, Kultur und Technik mitbrachten. Diese fähigen Seefahrer waren gleichzeitig auch die "frühesten Ackerbauern" am Rande Europas, so Horejs. "Sie bringen ihr gesamtes Know-how, die neue Gesellschaftsform und neue Wirtschaftsform mit." Vergleichbar sei die Siedlung, die zusammen mit den nur einen Kilometer entfernten Ausgrabungsstätten in Ephesos seit 2015 zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt, mit lediglich vier bis fünf weiteren Orten im gesamten ägäischen Raum.

An ihrem neuen Heimatort trafen die Siedler vermutlich auf regionale Jäger und Sammler-Gruppen, die aber ebenfalls bereits die nautisch durchaus anspruchsvolle Inselwelt der Ägäis befahren haben. Dass es schon damals regen Austausch in diese Richtung gab, belegt der spektakuläre Fund mehrerer 9.000 Jahre alter "Obsidian-Klingen". Dieses vulkanische Glas stammte nämlich von der etwa 300 Kilometer entfernten Ägäis-Insel Melos. Zu Werkzeugen verarbeitet wurde der Rohstoff allerdings erst in Cukurici Höyük. Das lasse auf hohes handwerkliches Können der dort ansässigen Menschen und eine erstaunliche Spezialisierung schließen.

Bronzezeitlicher Wirtschaftsstandort

Über vier Jahrtausende hinweg entwickelte sich der Ort weiter und spätestens am Beginn der Bronzezeit ab 3.000 vor unserer Zeitrechnung war der Siedungshügel ein dicht besiedelter florierender Wirtschaftsstandort mit mehrräumigen Gebäuden mit Mauern aus Stein und Lehmziegeln. Ackerbau, Viehhaltung und maritime Fischerei – das zeigen etwa Funde von Muscheln und Fischknochen – ernährten die schon stark arbeitsteilig organisierte wachsende Bevölkerung in diesem Vorläufer städtischer Siedlungen. Wirtschaftliche Schwerpunkte lagen auf Textilproduktion und Metallherstellung.

Letztere war offenbar eine besondere Stärke der Bewohner: Während im zur gleichen Zeit entstandenen Troja lediglich 18 Metallobjekte gefunden wurden, "sind es bei uns insgesamt 400", sagte Horejs. Das zeige, welche Bedeutung dieses Metallurgie-Zentrum hatte. Wo aber das Erz für diese "zwischen der Donau und Mesopotamien einzigartige Kupferproduktion" herkam, sei noch nicht geklärt. Denn Kupfer-Lagerstätten in der Umgebung habe man noch nicht entdeckt, so die Archäologin.

Offene Fragen

Bis ungefähr 5.000 Jahre vor unserer Zeit könne man die Geschichte der Bewohner des Cukurici Höyük mittlerweile relativ gut nachvollziehen. Es seien aber noch viele Fragen offen, darunter auch, was mit der Bevölkerung danach passiert ist. Im Gegensatz zum antiken Ephesos, wo unter österreichischer Leitung bereits seit dem späten 19. Jahrhundert geforscht wird, setze man sich eben erst seit zehn Jahren mit der Urgeschichte in der Region auseinander, gab Horejs zu bedenken: "Uns fehlen auch die Hinweise, warum diese Siedlung aufgegeben wurde. Es gibt in dem Raum für uns und weitere Generationen noch viel Forschungspotenzial."

Trotz des Ende August vom türkischen Außenministerium aufgrund der diplomatischen Verstimmungen zwischen Ankara und Wien verhängten Stopps der heurigen Grabungskampagne zeigte sich die Wissenschafterin "grundsätzlich positiv optimistisch", dass man am Ort weiterforschen wird können.

Bisher haben sich immerhin Wissenschafter aus mehr als zehn Ländern an der Aufarbeitung der reichen Vergangenheit von Cukurici Höyük beteiligt. Alleine am OREA entstanden bisher über fünfzig Publikationen und weitere sollen folgen. Zum Abschluss des neben dem ERC auch vom österreichischen Wissenschaftsfonds FWF unterstützen Projekts "Prehistoric Anatolia" ist auch ein Kurzfilm entstanden. (APA, red, 2. 11. 2016)

  • Dörrplattformen und Speicherbau: Rekonstruierter Alltag in einer spätkupferzeitlichen Siedlung.
    illustration: çukuriçi höyük-film/orea/7reasons

    Dörrplattformen und Speicherbau: Rekonstruierter Alltag in einer spätkupferzeitlichen Siedlung.

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    illustration: çukuriçi höyük-film/orea/7reasons
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