Zwei Wochen Viennale: Wenn das Festival ein großes Ganzes ergibt

Blog2. November 2016, 12:32
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Erinnerungsfetzen und beiläufige Feststellungen: Über das Sitzen und Gehen, Denken und Sehen, während auf dem Ring die Blätter treiben

Die Viennale ist fast vorüber. Ich merke es auch an meinen Knien und der Hüfte. Ich kann sogar abends schon rot gefärbte Abdrücke an meinem linken Oberschenkel erkennen, verursacht durch den rechten Oberschenkel, der fast den ganzen Tag oben liegt. Die Auswahl meiner Sitzpositionen im Kino ist meiner ungeheuren Undehnbarkeit wegen sehr eingeschränkt. Das richtige, bequeme Sitzen erreicht eine ungeahnte Wichtigkeit, wenn man so viel im Kinosaal verweilt. Ich beneide manchmal diese Yoga-erprobten Menschen, die die tollsten Sitzpositionen im Kinositz einnehmen können, und es sieht total bequem aus. Wenn ich hingegen meine Sitzposition kurz ändere, knirschen und knacksen meine Knie und Hüfte aufs Unheilvollste. Das Knirschen und Knacksen – mittlerweile Teil meiner Viennale-Kino-Erfahrung.

Als Mitglied der STANDARD-Publikumsjury hat man doch einen recht straffen Zeitplan. Die Zeit zwischen den Filmen ist zuweilen sehr kurz. Dementsprechend schnell versuche ich mir alles einzuprägen, Empfindungen, Gesehenes, Gehörtes und Gedachtes abzuspeichern und vorübergehend wegzusperren, auf dass sie nicht von den nächsten kinematografischen Eindrücken verdrängt und verschlungen werden. Bei meinen mir selbst auferlegten Pflichtspaziergängen kommt dann die Wiederaufarbeitung. Gehend denken, ein Sich-erinnern. Alles soll hervorgekramt werden. Manchmal gelingt es nicht wie erhofft. Doch irgendwas bleibt immer hängen: ein schemenhaftes Bild, ein vages Gefühl.

fotos: hannes fuchshofer
Herbstliche Viennale-Impressionen: Am Ring, vor dem Gartenbaukino und zu Hause in der Küche.

Kommunizierende Filme

Die fast unüberschaubar anmutende Auswahl der Filme beginnt nach einiger Zeit ein großes, zusammenhängendes Ganzes zu ergeben. Die Filme kommunizieren miteinander auf eine teilweise sehr deutliche und teilweise ungeahnt poetische, sublime Art und Weise: Es plaudern die Geister aus "Planétarium" ganz leise mit jenen aus "Personal Shopper", während die Dschinn aus "Under The Shadow" alles von einer dunklen Ecke aus beobachten. So, als ob Paterson ("Paterson") in seinem Bus fahrend einem Gedicht lauscht, das gefühlvoll in das Mikrofon des Pars Radio ("Radio Dreams") gesprochen wird. Als ob der nächtliche Spaziergang unter verträumten Bäumen im Park ("Le Parc") in den wilden Wäldern Norditaliens sein Ende finden würde, wo der große Wolf schon wartet ("I tempi felici verranno presto").

Der suchende Blick

Die Filme treten ins Leben, Realität und Fiktion verschmelzen zusehends. Das drinnen (im Kino) und das draußen (zumeist im 1. Bezirk entlang des Rings) Gesehene scheinen auf wundersame Art miteinander in Kontakt zu treten und sich aufeinander zu beziehen. Oder ist es nur der eigene sehnsuchtsvolle Blick, welcher gezielt nach Ähnlichkeiten und Vergleichbarem sucht? Der aufgeblasene, konfus beschriebene Latexeinmalhandschuh, den ein Mann vorm Gartenbaukino als Kopfschmuck trägt und zusätzlich mit einer bunt blinkenden Lichterkette verziert hat, erinnert mich plötzlich an die membranartige Hülle, aus der sich das Neugeborene in "Rester Vertical" befreit, nachdem es aus der Mutter raus ist. Die Lichterkette blieb im Film aus. Dafür verfolgten mich Schafe in meinen Träumen. Aber kein Albtraum. Ich mag Schafe.

Was bleibt: eine Fülle an Gedanken, Bildern und Erfahrungen und die Aufgeregtheit jede Nacht vor dem Schlafen, was am nächsten Morgen vom Vergessen übriggeblieben ist. (Hannes Fuchshofer, 2.11.2016)

Hannes Fuchshofer hat Theater-, Film- und Medienwissenschaft studiert; reist, arbeitet, liest, hört und träumt sich so durchs Leben.

Zum Thema

  • "Planétarium", Rebecca Zlotowski, 2016.
    foto: viennale

    "Planétarium", Rebecca Zlotowski, 2016.

  • "Personal Shopper", Olivier Assayas, 2016.
    foto: viennale

    "Personal Shopper", Olivier Assayas, 2016.

  • "Under The Shadow", Babak Anvari, 2016.
    foto: viennale

    "Under The Shadow", Babak Anvari, 2016.

  • "Paterson", Jim Jarmusch, 2016.
    foto: viennale

    "Paterson", Jim Jarmusch, 2016.

  • "Radio Dreams", Babak Jalali, 2016.
    foto: viennale

    "Radio Dreams", Babak Jalali, 2016.

  • "Le Parc", Damien Manivel, 2016.
    foto: viennale

    "Le Parc", Damien Manivel, 2016.

  • "I tempi felici verranno presto", Alessandro Comodin, 2016.
    foto: viennale

    "I tempi felici verranno presto", Alessandro Comodin, 2016.

  • "Rester Vertical", Alain Guiraudie, 2016.
    foto: viennale

    "Rester Vertical", Alain Guiraudie, 2016.

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