Aale auf Reisen zwischen Süßwasser und Meer

6. November 2016, 10:00
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Aale verbringen viel Zeit im Süßwasser, um sich eines Tages mit Fettreserven in Richtung Meer zu begeben. Dort angekommen, paaren sie sich und sterben.

Salzburg – Erst in den 1920er-Jahren fand man heraus, dass der Europäische und der Amerikanische Aal ihr Laichgebiet in der östlich von Florida gelegenen Sargassosee haben. Aber von den meisten der insgesamt 19 Aalarten weltweit weiß niemand genau, wo sie einander zur Paarung und Eiablage treffen. Robert Schabetsberger von der Universität Salzburg versucht seit einigen Jahren, für die im Pazifik lebenden Aale Licht in dieses spezifische Dunkel zu bringen. Auf der pazifischen Insel Gaua gibt es einen Kratersee, der den dort lebenden Aalen ideale Nahrungsbedingungen bietet. Einige Jahre oder Jahrzehnte – auch darüber herrscht Unklarheit – fressen sie sich dort voll, ehe sie sich über einen 120 Meter hohen Wasserfall in die Tiefe stürzen. Manche brechen sich da- bei das Rückgrat, der Großteil der Tiere überlebt den Sprung unbeschadet.

Um herauszufinden, wo sie dann hinschwimmen, sofern sie nicht von lokalen Fischern oder Riffhaien erbeutet werden, befestigten Schabetsberger und ein Team internationaler Kollegen 2012 und 2013 Pop-up-Sender am Rücken der Tiere: Die tischtennisballgroßen Geräte zeichnen alle 15 Minuten Wassertemperatur und Tauchtiefe des Aals auf.

Monitoring via Satellit

Allerdings sind die Daten nicht zugänglich, solange die Sender sich unter Wasser befinden. Deshalb sind sie so konzipiert, dass sie sich nach ein paar Monaten von ihrem Trägerfisch lösen und an die Wasseroberfläche aufsteigen. Von dort schicken sie ihre Aufzeichnungen an in 850 Kilometer Höhe kreisende, auf Umwelt-Monitoring spezialisierte Argos-Satelliten. Von den insgesamt 15 angebrachten Sendern tauchten zwölf schon nach wenigen Wochen wieder auf. Ihre Träger dürften gefressen worden sein.

Nichtsdestoweniger offenbarte die Auswertung der Daten Erstaunliches über das Verhalten der Tiere: Während der Nacht schwimmen sie in einer Tiefe von rund 200 Metern, aber mit Sonnenaufgang tauchen sie rapide auf ca. 800 Meter ab. Erst wenn es dunkel wird, steigen sie wieder in die oberen und deutlich wärmeren Wasserschichten auf. Dieses kräftezehrende Spiel wiederholen sie mit der Regelmäßigkeit eines Uhrwerks. Der Grund dafür dürfte sein: Haie und andere Raubfische finden ihre Beute leichter, wenn es heller ist. Dafür spricht auch, dass die Aale bei Vollmond bis zu 60 Meter tiefer bleiben als in mondlosen und entsprechend dunkleren Nächten.

Lediglich drei Geräte wurden von den Aalen 850 Kilometer nordostwärts in den offenen Pazifik getragen: In dieser Region dürften auch ihre Laichgebiete liegen, aber genau weiß man es nicht, wie Schabetsberger betont. "Der Aalfang ist wie die sprichwörtliche Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen", führt er aus. "Selbst in der Sargassosee wurde noch nie ein erwachsener Aal gefangen bzw. Eier oder ganz frisch geschlüpfte Larven gefunden." Im Zuge eines vom Wissenschaftsfonds FWF finanzierten Projektes will der Salzburger Biologe neben den Aalen von Gaua auch Tiere in Samoa besendern. Im August dieses Jahres nahm er an einer Forschungsfahrt des japanischen Schiffes Hakuho Maru teil, das im gesamten Südpazifik nach den Larven tropischer Aale suchte. Ein Laichgebiet konnte dabei zwar nicht entdeckt werden, aber großräumige Verteilungsmuster der Larven werden helfen, die Suchgebiete einzugrenzen.

Jugend erforschen

Sind die Laichgebiete einmal gefunden, können sich die Forscher daran machen, die frühe Jugend der Aale im Meer zu untersuchen. Bisher weiß man nämlich nur, dass die winzigen Aal-Larven, die Leptocephalus- oder Weidenblatt-Larven, es irgendwie schaffen, in das Gewässer zu gelangen, in dem ihre Eltern aufgewachsen sind. Wahrscheinlich kommen sie mit den entsprechenden Meeresströmungen dorthin. Im Falle der Gaua-Aale ist das übrigens der See, aus dem sich die Elterntiere 120 Meter in die Tiefe gestürzt haben. Wie kommen die Jungaale dorthin? "Es wirkt unglaublich, aber sie arbeiten sich neben dem Wasserfall über nasses Moos und Steine hinauf", erklärt Schabetsberger, "wir haben Filmaufnahmen davon."

Schabetsberger und seine Kollegen widmen sich im laufenden Projekt auch der Frage, wie die Aale die Laichgebiete finden. Bis heute ist nämlich unklar, wie sich die Tiere in den Weiten des Ozeans orientieren. Derzeit untersuchen die Forscher mithilfe von automatisierten Treibbojen, die im Zuge des Klimaüberwachungsprogrammes Argo über alle Meere verteilt sind, die spezifischen Eigenschaften der Meere, die die Aale durchwandern. Es gibt zwar eine gängige Vermutung, dass die Aale sich an ozeanografischen Fronten orientieren: Das sind schmale Grenzen zwischen verschiedenen Wassermassen, die sich etwa in Temperatur oder Salzgehalt unterscheiden.

Schabetsbergers Daten legen aber nahe, dass die Fronten doch keine so große Rolle spielen, weil die Tiere so tief wandern, dass sie diese möglicherweise gar nicht wahrnehmen können. (Susanne Strnadl, 6.11.2016)

  • Aale im Süßwasser. Dort fressen sie sich Fettreserven für die Reise zum Meer an.
    foto: michel roggo/nature picture library/corbis

    Aale im Süßwasser. Dort fressen sie sich Fettreserven für die Reise zum Meer an.

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