Mediale Umgang: Hassreden sorgen für Aufmerksamkeit

Porträt4. November 2016, 17:34
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Liriam Sponholz untersucht den Umgang von Medien mit derartigen Provokationen

Wien – Ob in Kommentaren in Medien oder in Postings auf einer beliebten Facebook-Seite: Wer eine Gruppe von Frauen, Muslimen, Ausländern, Juden oder Homosexuellen herabsetzt, verletzt oder pauschal verurteilt, bekommt Aufmerksamkeit. Die gruppenbezogene verbale Aggression wird als Hassrede ("hate speech") bezeichnet. Verschiedene Fachleute arbeiten laufend an der besten Vorgangsweisen in diesem Zusammenhang und bewegen sich damit im Spannungsfeld von Meinungsäußerungsfreiheit, Strafrecht und sozialem Zusammenhalt.

"Medien werden oft zu unfreiwilligen Helfern von Hassrednern", sagt Liriam Sponholz, Senior Postdoc am Institut für vergleichende Medien- und Kommunikationsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Kaum in Wien angekommen, war ihr erstes Fallbeispiel im Herbst 2015 die Wiener Bürgermeisterwahl. Genauer: der Deutungsrahmen und die Verbreitung des Begriffs "Flüchtlinge" in den Facebook-Auftritten politischer Parteien.

Sie will herausfinden, "wie die öffentliche Auseinandersetzung mit Hassreden funktioniert". Problematisch sei es, wenn Journalisten eine Provokation wie eine intellektuelle Debatte oder einen politischen Ideenaustausch behandeln, Interviewpartner dagegen und dafür suchen und so eine lange Medienkarriere des Themas fördern", analysiert die 44-jährige Kommunikationswissenschafterin. Statt eine Pro-und-Contra-Analyse durchzuführen, wäre es hilfreicher, Hassreden als Provokation, Skandal oder einfach Unsinn zu benennen.

Sponholz wurde in Paraná (Brasilien) geboren und arbeitete dort als Journalistin für verschiedene Zeitungen. Außerdem lernte sie am Goethe-Institut Deutsch, weil sie unbedingt bei einem Professor in Leipzig ihre Doktorarbeit schreiben wollte. Rückblickend kann man sagen: Das ist ihr gelungen. 2007 schloss sie als Stipendiatin des Deutschen Akademischen Austauschdiensts (DAAD) an der Uni Leipzig ihr Doktorat ab. Die Arbeit lief gut, aber ihr Alltag in der sächsischen Stadt war geprägt von diskriminierenden Erfahrungen. Diese veranlassten sie auch, ihr Fachgebiet zu wechseln: von "Objektivität in Medien" zu "Hassrede in Medien" und einem Projekt an der Universität Erfurt.

Konsequent abgrenzen

Die Mutter zweier Töchter muss sich konsequent abgrenzen. Wüste Beschimpfungen und Gewaltdrohungen zu lesen ist Teil ihres Jobs. "Das ist schwierig, aber ich versuche durch die Methode Distanz zu schaffen und arbeite mehr mit Formen von Hassrede, die mich nicht persönlich betreffen."

Hassrede sei nicht allein durch Gegenrede und Gesetze in den Griff zu kriegen, meint Liriam Sponholz. Medien brauchten eine Strategie, um den Kontext der "hate speakers", die Kommunikationssituation und letztlich auch die Entstehungsgeschichte übergriffiger Wortmeldungen offenzulegen.

Betroffenheit hält sie in ihrer Forschung nicht für ein Handicap: "Meine Erfahrungen können in das Design der Studie einfließen. Methodik und Ergebnisse müssen jedenfalls für alle nachvollziehbar sein."

2017 wird sie "Hate Speech in den Massenmedien. Die Medienkontroversen um Oriana Fallaci und Thilo Sarrazin" publizieren. Sie lehrt außerdem an der Alpen-Adria-Universität in Klagenfurt. (Astrid Kuffner, 2.11.2016)


  • Brasilianerin mit deutschen Wurzeln: die Wissenschafterin Liriam Sponholz.
    foto: axel christian horn

    Brasilianerin mit deutschen Wurzeln: die Wissenschafterin Liriam Sponholz.

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