Der Tod ist ein fröhlich tanzender Franzose

2. November 2016, 12:00
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Der Totentanz war ein verbreitetes Motiv des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit. Von Studien erhofft man sich Einblicke in die europäische Todeskultur

Klagenfurt – "Der Tod, das muss es ein Wiener sein", sang Georg Kreisler einst. Laut Forschern der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt ist der Sensenmann aber eher ein fröhlich tanzender Franzose: Die Romanistin Alina Zvonareva untersucht in Zusammenarbeit mit Raymund Wilhelm das in der spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen bildenden Kunst und Literatur weitverbreitete Motiv des Danse macabre.

Diese Darstellung zeigt den Tanz und das Gespräch des Todes mit den Menschen und gibt dementsprechend Einblicke in den Umgang mit dem Sterben im Allgemeinen und in kulturelle sowie religiöse Vorstellungen über das Lebensende. Die Forscher erhoffen sich von ihrer vom Wissenschaftsfonds FWF unterstützten Untersuchung maßgebliche Einblicke in die europäische Todeskultur dieser Zeit.

Mutmaßlich erstmals tauchte dieses Bild auf einem Wandgemälde in Frankreich auf: Der ursprüngliche Totentanz wurde über einen Zeitraum von 15 Jahren auf eine Mauer am Friedhof der Unschuldigen in Paris gemalt. Immer wieder wurde die ursprüngliche Konstellation um neue Paare erweitert. Da vor dem Tod alle gleich sind, treten hier Figuren unterschiedlichster sozialer Rangordnung auf – neben dem Papst und dem Kaiser auch Bauern und Eremiten.

Fertiggestellt wurde dieses Werk 1424. Als es später im 17. Jahrhundert zerstört wurde, ging damit zwar das Original verloren, aber nicht das Motiv: Längst war es überall in Europa zu finden. Ohnehin verbreitete sich diese Darstellung sehr rasch, was sich für Zvonareva vor allem durch den Standort der Wandmalerei erklärt: "Der Platz vor dem Cimetière des Innocents war ein Ort, auf dem sich zahlreiche Personen – insbesondere viele Reisende – aufhielten, die das Motiv dann in ihre Länder gebracht haben."

So sah man es bereits wenige Jahrzehnte später nach der Version in Paris an vielen verschiedenen Orten in Europa: Bald tanzte der Tod somit nicht nur überall in Frankreich, sondern auch in Spanien und Italien. Sogar im hohen Norden zierte bereits 1460 der Reigen mit dem Knochenmann eine Kirchenwand: In der Marienkirche in Lübeck sprach Freund Hein dann jedoch Niederdeutsch.

Die Verse auf den Gemälden sind nämlich häufig in der Landessprache zu lesen und nicht in der damaligen Weltsprache Latein. Insbesondere diese sprachliche Ebene interessiert Zvonareva, sodass der Fokus des Projekts viel weniger kunstgeschichtlich orientiert ist, sondern deutlich mehr auf der Textanalyse liegt.

Hybrides Kunstwerk

Der Danse macabre war schließlich nie nur ein Gemälde, sondern ein hybrides Kunstwerk, das Sprache und Bild verband. Die Wissenschafterin verweist darauf, dass gerade die erste gedruckte Fassung der Verbreitung des Motivs 1485 der Popularisierung des Totentanzes einen erneuten Schub gab. "Das war sicherlich ein Schlüsselmoment für seine Popularisierung." Ohnehin löst sich der Inhalt vermehrt vom Medium der Malerei: Bald wird der Totentanz auch Stoff von dramatischen Dichtungen und so zum Thema von Theateraufführungen.

Das Interesse der Romanistin gilt aber nicht nur der reinen Textexegese, sondern sie will auch zum sozialen Kern der Kunstwerke vorstoßen: "Eines meiner Ziele ist es herauszufinden, was die Verbreitung dieser Texte über die europäischen Gesellschaften erzählt. Dafür bietet sich gerade dieses dynamische Werk an, das sich immer wieder neuen historischen und kulturellen Zusammenhängen anpasst, indem etwa neue Figuren hinzugefügt oder bereits vorhandene Figuren neu interpretiert werden."

Laut dem britischen Mediävisten Derek Pearsall sei der Totentanz ein "Do-it-yourself-Kit", mit dem die Menschen ihrer Zeit Fragen von Leben, Macht und Tod neu verhandeln konnten und dieses Motiv entsprechend jedes Mal anders zusammensetzten.

Dass nämlich der Tod und die abgebildeten Menschen meist in der jeweiligen Sprache der Region sprechen, lässt darauf schließen, dass sich dieses Motiv sehr früh von seinem religiösen Kontext emanzipierte und statt der kanonischen offiziell kirchlichen Vorstellung vom Tod immer häufiger gesellschaftliche Auffassungen reflektierte. Während in früheren Darstellungen im Dialog mit dem Tod das Sterben als etwas Unvermeidliches und für den Gläubigen als elementarer Vorgang artikuliert wird, muss sich Gevatter Tod in späteren Versionen Widerworte gefallen lassen – auch satirische Darstellungen sind immer häufiger zu sehen.

Der Tod als religiöse Autorität wird ebenso wie die weltlichen Machthaber nun immer seltener unhinterfragt hingenommen – wohl auch bedingt durch den Aufstieg des Humanismus und dessen Neubewertung des menschlichen Lebens. Im Gegensatz zu früheren Darstellungen waren jetzt auch häufiger Frauen (meist in der Rolle der Liebenden oder Witwe) auf den Bildern zu sehen – ein weiteres Indiz, dass der Stoff den Händen der Kirche entglitten war.

Die Forscher konzentrieren sich insgesamt auf Manuskripte und Darstellungen des 15. und 16. Jahrhunderts, um den Rahmen des Projekts nicht zu sprengen: Schließlich wurde dieses Motiv bis heute immer wieder aufgegriffen – etwa in Kunstwerken von Otto Dix und Alfred Hrdlicka oder in der Musik von Franz Schubert und Gustav Mahler. Das erklärt sich für Zvonareva damit, dass dieser Stoff nicht bloß ein historisches Thema ist, sondern Fragen verhandelt, die die Menschen immer beschäftigen werden: "Der Totentanz ist einerseits in einer bestimmten Zeit in der Geschichte zu verorten und gleichzeitig ewig gültig. Seine Botschaft ist konkret und ebenso universal." (Johannes Lau, 2.11.2016)

  • Der Tanz mit Gevatter Tod: eine bildnerische Darstellung des Danse macabre aus dem späten 15. Jahrhundert.
    foto: wikimedia commons, bibliotheque de la sorbonne

    Der Tanz mit Gevatter Tod: eine bildnerische Darstellung des Danse macabre aus dem späten 15. Jahrhundert.

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