Geschichte der Pressefotografie: Von der Bildermacht der Alliierten

3. November 2016, 12:00
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Um die Österreicher nach der Nazizeit mit den ideologisch richtigen Pressebildern zu versorgen, investierten vor allem die Amerikaner viel Geld

Wien – Im Jahr 1945 war Österreich ein zerstörtes, verarmtes Land, und wie fast alles musste auch das Zeitungswesen neu aufgebaut werden. Aber Papier war so knapp wie unbelastete Mitarbeiter. Deshalb waren die ersten Nachkriegszeitungen magere Blättchen mit minimalen Auflagen, die an Hauswänden und in Schaufenstern affichiert wurden. Jede der vier Besatzungsmächte produzierte damals eine eigene Wandzeitung.

Als man in den folgenden Jahren wieder mehr Zeitungspapier zur Verfügung hatte, rückte neben dem Text immer stärker das Bild ins Zentrum. Immerhin betrieben sowohl die Amerikaner als auch die Russen, die Engländer und die Franzosen eigene Bilderdienste und Publikationskanäle, um Kriegsschäden und den Wiederaufbau fotografisch zu dokumentieren sowie die österreichische Presse mit Bildmaterial zu versorgen. Natürlich wurde die Zeitungsfotografie auch als hochwirksames Propagandamedium genutzt.

Welchen Einfluss dies auf die österreichische Bildkultur der Nachkriegszeit hatte und welche Akteure und Organisationsstrukturen dahinter standen, wird zurzeit mit finanzieller Unterstützung des Wissenschaftsfonds FWF in dem Projekt "War of Pictures. Press Photography in Austria 1945–1955" untersucht. Geleitet wird das Projekt vom Medienhistoriker Fritz Hausjell, weiters sind Marion Krammer und Margarethe Szeless wesentlich daran beteiligt. Alle drei sind am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Universität Wien tätig.

Finanzielle Ressourcen

"Vor allem die Amerikaner hatten genügend finanzielle Ressourcen, um ihren Bilderdienst, die Pictorial Section, immer weiter auszubauen und zu professionalisieren", sagt Hausjell. Diese Aufwertung der Pressefotografie war Teil der offensiven amerikanischen Kulturpolitik im darniederliegenden Europa der Nachkriegsjahre.

Es waren vor allem Bilder vom American Way of Life, mit denen die amerikanische Besatzungsmacht in den vom Krieg ausgebluteten Ländern Europas ideologisch punkten wollte. "Im Gegensatz zu den Russen, den Engländern und den Franzosen, die in den Nachkriegsjahren noch selbst massiv unter den Kriegsfolgen litten, konnten die Amerikaner materiell und personell aus dem Vollen schöpfen", sagt Hausjell. Mit seinem Team vertritt er die These, dass die Pictorial Section als wichtiger Motor für die österreichische Pressefotografie fungierte.

foto: national archives washington d.c. / uni wien
Ein älterer Herr bei der Lektüre des "Wiener Kurier", der an jenem Tag in der Nachkriegszeit mit der Schlagzeile "Ausländerverkehr in Niederösterreich wird von Sowjetstellen behindert" aufmachte.

Wie weit der US-amerikanische Bildjournalismus mit seinen beiden einflussreichsten Medien Life und Look die Bildsprache der österreichischen Pressefotografie nach 1945 beeinflusste, wird derzeit anhand exemplarischer Vergleichsanalysen untersucht. Ein zentrales Forschungsthema sind zudem die ästhetischen Auswirkungen des Kalten Krieges auf die Pressefotografie. "Wir gehen davon aus, dass in österreichischen Medien nicht nur ein 'War of Words', sondern auch ein 'War of Pictures' stattfand", meint Hausjell.

Den Markt überflutet

Unter der Leitung von Yoichi Okamoto, einem japanischstämmigen Amerikaner, entwickelte sich die Pictorial Section zu einem weitverzweigten und hochprofessionellen Bilderdienst. Ab dem Jahr 1950 überflutete dieser den österreichischen Markt mit monatlich an die 7.000 Fotos. Das umfangreiche Archivmaterial wurde der illustrierten Presse in Österreich unentgeltlich zur Verfügung gestellt.

Neben der Erforschung der Vertriebswege dieser Pressefotos und des Zusammenspiels von nationalen und internationalen Bildagenturen werden im Zuge dieses Projekts auch sämtliche Mitarbeiter aller vier alliierten Bilderdienste sowie die selbstständigen österreichischen Pressefotografen und -fotografinnen jener Zeit ermittelt und deren Biografien recherchiert. Diese Arbeit sei zwar noch nicht abgeschlossen, doch könne man schon jetzt drei große biografische Muster erkennen: "Die kleinste Gruppe bildeten jene Fotografen, die im Exil oder inhaftiert gewesen waren und nach 1945 wieder zurückkamen", sagt Hausjell.

foto: national archives washington d.c./uni wien
Wandertheater in Innsbruck, das Bild zeigt amerikanische Schauspieler, die den Song "Oklahoma" singen, 1953.

Die zweite Gruppe bestand aus Nachwuchsfotografen ohne professionelle Erfahrung, die während der NS-Zeit noch nicht aktiv waren und deshalb von der Pictorial Section bevorzugt eingestellt wurden.

Das Gros der Fotografen, deren Bilder die illustrierte österreichische Nachkriegspresse prägten, hatte allerdings schon mehrere Regimewechsel inklusive Ständestaat und Nationalsozialismus mitgemacht und sich den wechselnden politischen Gegebenheiten angepasst.

Syndikat der Fotografen

Es waren Männer mit diesem biografischen Hintergrund, die 1947 das "Syndikat der Pressefotografen, Pressebildagenturen und Filmreporter Österreichs" gründeten. Mit dieser noch heute existierenden Interessenvertretung hoffte man, dem stärker werdenden (inter)nationalen Konkurrenzdruck besser standhalten zu können. Dem Syndikat traten auch Fotografen wie Walter Henisch bei, die explizit für das NS-Regime gearbeitet hatten. Und Menschen, die von den Nazis verfolgt wurden – wie Alexander Niedermeyer, der von 1938 bis 1945 als politischer Häftling im KZ Sachsenhausen-Oranienburg interniert war. Sein Bruder gründete später den mittlerweile insolventen Niedermeyer-Konzern.

Um Menschen eine Ahnung von den diffizilen Verbindungen zwischen der (Presse-)Fotografie, Politik und der Ideologie zu vermitteln, sollen die Erkenntnisse des Forschungsprojekts schließlich ab Herbst 2017 in Form von Podcasts und Workshops auch in österreichischen Schulen verbreitet werden. (Doris Griesser, 3.11.2016)

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