Italien: Viele Bebenopfer wehren sich gegen Notunterkünfte

1. November 2016, 17:10
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Mindestens 40.000 Italiener obdachlos

Insgesamt umfasst die "rote Zone" im Erdbebengebiet in den Regionen Marken, Umbrien und Latium laut Behördenangaben nun mehr als hundert Gemeinden. "Rote Zone" bedeutet, dass die Häuser zerstört oder wegen starker Schäden unbewohnbar sind. Das malerische Norcia ist vollständig evakuiert worden; die Kleinstadt mit ihren 5.000 Einwohnern befand sich in unmittelbarer Nähe des Epizentrums des Bebens vom Sonntag.

Zunächst hatte der nationale Zivilschutzchef Fabrizio Curcio von rund 28.000 Obdachlosen gesprochen; diese Zahl musste inzwischen auf 40.000 korrigiert werden. Laut Aussagen von Vertretern der betroffenen Regionen könnte die Erdbebenserie aber auch mehr als 100.000 Menschen ihrer Behausungen beraubt haben. Die Behörden müssen nun für die Einwohner der "roten Zone" zumindest vorübergehend eine neue Bleibe finden. Nach einer Sondersitzung der Regierung hat Premier Matteo Renzi folgendes Programm vorgestellt: Zunächst werden die obdachlos gewordenen Bewohner in Hotels oder in Notunterkünften untergebracht. Noch vor Weihnachten werden dann beheizbare Wohncontainer bereitgestellt, im Frühling sollen die ersten provisorischen Holzhäuser zur Verfügung stehen.

Ausharren in Norcia

Viele Bewohner weigern sich, aus ihren Dörfern und Städten "deportiert" zu werden und in Hotels zu ziehen – und sei es auch bloß für ein paar Wochen. Besonders in Norcia harren bis jetzt hunderte von Einwohnern in Wohnwagen, Autos oder Zelten aus. Sogar die Nonnen des Clarissen-Klosters rebellierten: "Der Bischof will uns nach Trevi bringen, aber wir werden nicht dorthin gehen", betonte Schwester Maria Raffaella, die älteste der Nonnen. Man könne ihnen ja sofort einen Container zur Verfügung stellen, das würde genügen.

Die Kosten für den Wiederaufbau von insgesamt 60 Gemeinden schätzt die Regierung auf rund acht Milliarden Euro. Neben Krediten kann Italien im Erdbebengebiet jedes Jahr mit dreistelligen Millionenbeträgen aus dem EU-Solidaritätsfonds und aus dem EU-Strukturfonds rechnen. Das Haushaltsdefizit der kommenden Jahre wird deshalb nur unwesentlich höher ausfallen. Dennoch hat Renzi eine Polemik vom Zaun gebrochen und der EU-Kommission unterstellt, Italien die Verwendung der für die Erdbebenhilfe erforderlichen Mittel zu verweigern. (Dominik Straub aus Rom, 1.11.2016)

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