Heimische Weinfässer sind gefragter denn je

2. November 2016, 12:00
66 Postings

Österreichs Markt teilen sich nur noch eine Handvoll Fassbinder. Investitionen sind nötig, Bürokratie sorgt zusätzlich für Ärger

Wien – Die Zeit scheint stehengeblieben zu sein in der Mostviertler Fassbinderei Schneckenleitner. Idyllisch an der Ybbs gelegen, werden in zum Teil 400 Jahre alten Werkstattgemäuern Eichenfässer produziert, auch auf einer 100 Jahre alten Maschine. Mit dem Herbst und der Weinlese beginnt für den Zehn-Mitarbeiter-Betrieb aus Waidhofen an der Ybbs die Hochsaison: Weinfässer mit einem Volumen von drei bis 28.000 Liter werden an Wein-güter und Genossenschaften in Österreich, Frankreich, Italien, Deutschland, Südafrika oder Australien geliefert.

"Der Weinskandal in den 1990er-Jahren brachte für uns wieder den Aufschwung", erzählt der 28-jährige Geschäftsführer Paul Schneckenleitner, der den Traditionsbetrieb in fünfter Generation führt. "Die Winzer haben sich neu erfinden müssen. Das ist unter anderem durch den Einsatz qualitätsvoller Holzfässer passiert, die für die Aromenbildung der Weine ausschlaggebend sind." Während die Auftragseingänge in der Gewerbe- und Handwerksbranche insgesamt österreichweit rückläufig sind, verzeichnen die Fassbinder zum Teil zweistellige Zuwächse. Die internationale Nachfrage nach Eichenfässern sei enorm, heißt es in der Branche. "Zum einen, weil auch immer mehr Chinesen und Inder Wein trinken", wie Franz Schrimpl, Bundesinnungsmeister der Fassbinder, berichtet. Zum anderen müssen Barriquefässer alle vier bis fünf Jahre gegen Neue ausgetauscht werden.

Historisches Fachwissen

Ein 225-Liter-Fass im Qualitätssegment kostet laut Schrimpl zwischen 400 und 700 Euro. Der Preisdruck nimmt zu. Chinesische Hersteller sind auf den Zug aufgesprungen. Fassbinder aus Frankreich kaufen sich in Ungarn ein, um günstiger zu produzieren. Was die heimischen Betriebe von vielen Mitbewerbern abhebt, ist über Generationen aufgebautes Fachwissen: Moderne Präzisionsmaschinen für die Fassbinderei werden von Schneckenleitner selbst entwickelt. "Die Bäume müssen 100 bis 150 Jahre alt sein, gefällt werden sie nur im Winter und bei abnehmendem Mond", erzählt der gelernte Fassbinder, der seit ein paar Jahren erfolgreich auch auf die Wienerwald-Eiche setzt. Drei bis fünf Jahre müssen astfreie, feinstrukturierte Bretter trocknen, ehe es an die Weiterverarbeitung geht.

Als Plastik und Edelstahl kam

Vor 60 Jahren gab es in Österreich in jeder größeren Ortschaft zwei bis drei Fassbinder. Jedes Behältnis, das etwa in der Landwirtschaft zum Einsatz kam, wurde aus Holz angefertigt. Dann hielten Plastik- und Edelstahlbehälter Einzug. Laut Wirtschaftskammer sind in Österreich 44 Fassbinder registriert, tatsächlich aktiv sind maximal zehn. Zu den größeren zählen neben Schneckenleitner die Unternehmen Schön, Stockinger und Pauscha. Eine eigene Vertriebsabteilung hat kaum wer, das Geschäft läuft über Mundpropaganda. "Wir könnten doppelt so viele Mitarbeiter beschäftigen und wären voll ausgelastet", sagt Paul Schneckenleitner, der aber betont, ein "kleiner Handwerksbetrieb" bleiben zu wollen. Denn, wer investiert und expandiert, muss sich durch einen Behördendschungel kämpfen.

"Die bürokratischen Auflagen sind der blanke Wahnsinn", heißt es aus der Branche. Ein Fassbinder, der namentlich nicht genannt werden will, berichtet von einem Vorfall bei einem Bauprojekt: "Die eine Behörde schrieb vor, dass es im Raum Fenster geben muss. Ein anderer Beamter forderte wiederum, dass sie wegkommen, weil Strahlen austreten könnten." Werde eine Maschine neu angeschafft, reiche oft die Schulung durch die Herstellerfirma nicht aus. Man müsse zum Beispiel einen Wifi-Kurs besuchen, um dann als zertifizierter Laserbeauftragter arbeiten zu können. "Wir sind für jede Anregung dankbar, wenn es die Sicherheit der Mitarbeiter erhöht", betont ein Firmenchef. Man könnte aber nicht ständig in neue Maschinen und Kurse investieren, nur weil die Behörden es so vorschreiben.

Händische Montage

Gelegen kommt da, dass die Fassbinderei ein Handwerk ist, das sich laut den Unternehmern "nicht völlig industrialisieren lässt". Seitenwände und Böden der Holzbehälter werden in Waidhofen händisch montiert, jedes Fass wird einzeln über einer Feuerstelle getoastet, wie es in der Fachsprache heißt. Schneckenleitners Handwerksbetrieb liegt in einer schmalen Sackgasse am Ortsrand. Eine Zufuhr per Lkw ist schwer möglich, die Kapazitäten sind beschränkt. Schon seit längerem gibt es daher den Plan, neben dem ein paar Kilometer entfernten Sägewerkstandort eine neue Produktionsstätte zu errichten. (Claudia Peintner, 2.11.2016)

  • Nach dem Weinskandal kam der Umschwung:  Winzer, die auf Qualität setzen, besinnen sich seither wieder auf Holzfässer. Fassbinder verzeichnen  zum Teil zweistellige Zuwächse.
    foto: reuters/regis duvignau

    Nach dem Weinskandal kam der Umschwung: Winzer, die auf Qualität setzen, besinnen sich seither wieder auf Holzfässer. Fassbinder verzeichnen zum Teil zweistellige Zuwächse.

Share if you care.