Neue Lutherbibel: Heikler Eingriff am Buch der Bücher

2. November 2016, 10:00
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Österreich-Premiere der neuen Lutherbibel: Die Rückkehr zur alten Sprache und die Absage an die Moderne sorgen nicht nur für ein Halleluja in protestantischen Reihen

An jenem Adventsonntag des Jahres 1521 war Martin Luther mit sich selbst alles andere als im Reinen. "Langeweile und Darmträgheit" plagten den als Junker Jörg auf der Wartburg untergetauchten Mönch. Doch die innere Unzufriedenheit ließ Luther in seiner Studierstube im Obergeschoß des Vogteigebäudes zur Feder greifen und sich "einer Last, die über meine Kräfte ist" zu widmen – der Übersetzung des Neuen und später dann des Alten Testaments in die deutsche Sprache. Luther ging zurück zu den sprachlichen Wurzeln – Hebräisch und Griechisch – und schuf letztlich eine Übersetzung, die die Menschen verstanden. Der große Kunstgriff dabei: Dem Buch der Bücher blieb beim lutherischen Relaunch das Sakrale erhalten.

Blick unter die Oberfläche

Die Latte für die biblische Neuauflage zum kommenden 500-Jahr-Jubiläum der Reformation – Luther als Hauptprotagonist nagelte am 31. Oktober 1517 seine 95 Thesen an die Schlosskirche zu Wittenberg – lag also entsprechend hoch. Vor allem galt es den Spagat zu meistern, wieder möglichst nah an das Original zu kommen – mit einer Sprache der heutigen Zeit.

Schon allein daran wird klar, das eine Bibelrevision ein heikler und damit ein entsprechend seltener Vorgang ist. Die Lutherbibel wurde in fünf Jahrhunderten nur viermal grundlegend im Original überarbeitet. Zuletzt hatte die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) 30 Jahre lang die Fassung von 1984 im Einsatz. Es gab in dieser Zeit lediglich kleine kosmetische Änderungen am Text.

Doch 2010 entschied man sich zu einer Neufassung: 70 Theologen arbeiteten fünf Jahre unter dem Motto "Zurück in die Zukunft" – stets begleitet von den Unkenrufen aus dem Traditionalisteneck. Von den 35.598 Versen wurden etwa 44 Prozent geändert.

Näher bei Luther

Die Revision im Jahr 1984 habe nur das Neue Testament betroffen, sagt Jutta Henner, Leiterin der Österreichischen Bibelgesellschaft. Das Alte Testament sei hingegen auf dem Stand vom Jahr 1964. Was alles geändert worden ist? Henner: "Zum Teil geht es bei den Änderungen um Kleinigkeiten bis zum Satzzeichen hinunter. Im Vergleich zur bisherigen Version sind wir nun wieder ein Stück näher bei Luther – und zugleich wissenschaftlich auf dem Stand der bibelwissenschaftlichen Forschung des Jahres 2017."

So ganz zufrieden ist auch die Leiterin der Bibelgesellschaft nicht: "Meine Erfahrung ist eine gemischte. Bei zwei Dritteln der Stellen bin ich sehr zufrieden, und manchmal denke ich mir aber auch: Das ist ein bisschen arg antiquiert von der Sprache her." Sie versteht auch, dass nicht alle die neue Fassung gelungen finden: "Natürlich gibt es Streit: Die einen erwarten sich eine moderne, leicht verständliche Übersetzung, andere wollen, dass das Anliegen der Frauen deutlich sichtbar wird. Und dann gibt es die Bewahrer.

Es allen recht zu machen wird nicht gelingen." Daher könnten natürlich nicht alle mit. Henner: "Dass ausgerechnet die potestantischen Kirchen, die ja eigentlich eher vorwärts orientiert sind, jetzt zurück ins 16. Jahrhundert schauen, ist eine kontroversielle Frage, die vielleicht auch aus den Revisionen früherer Zeiten erklärbar ist. Es gab früher oft den Vorwurf des Verrats an Luther, der zu starken Modernisierung."

Biblische "Mammutaufgabe"

Eine "fast logische Begleiterscheinung" ist die konfessionsinterne Diskussion rund um die Neuauflage der Lutherbibel auch für Ernst Fürlinger, katholischer Theologe und Leiter des Zentrums für Religion und Globalisierung an der Donau-Universität Krems. "Man stößt auf das Phänomen der hohen Bedeutung einer heiligen Schrift für die betreffende Religionsgemeinschaft – und die Tatsache, wie viel dann für eine Glaubensgemeinschaft auf dem Spiel steht, wenn es um diese Grundschriften geht", ist Fürlinger im STANDARD-Gespräch überzeugt.

Überhaupt sei eine Bibelrevision eine "Mammutaufgabe". Fürlinger: "Man wird es dabei nie allen Seiten recht machen können, weil so viel daran hängt. Keine Religion ist ganz homogen. Es gibt immer unterschiedliche Ausrichtungen, unterschiedliche theologische Schulen und Richtungen. Und natürlich entfacht dann ein Streit genau um den heiligen Text und seine Übersetzung."

Kürzere Halbwertszeiten

Dabei drängt sich die Frage auf, wie hoch der Stellenwert heiliger Schriften unter den Anhängern der drei Buchreligionen Christentum, Judentum und Islam generell heute noch ist. Fürlinger: "Ganz grundsätzlich betrachtet stellt die Schrift die zentrale, wenn nicht einzige Verbindung zu dem ursprünglichen Ereignis her, aus dem die Religion überhaupt erst entstanden ist. Und der Text wird zum Träger des kulturellen Gedächtnisses der jeweiligen Religionsgemeinschaft. Eigentlich eine unglaublich faszinierende soziale Erfindung. Über einen so außergewöhnlich langen Zeitraum diese Überlieferungen durchhalten zu können ist beachtlich." Der Zugang sei aber heute ein anderer: "In der alltäglichen Praxis hat sich eine sehr selektive Lektüre dieser Schriften herausgebildet.

Die vielen Versionen der Lutherbibel zeigen auch eines, sagt Henner: "Die Halbwertszeiten von Bibelausgaben werden kürzer." Sie wolle keine Prophetin sein aber: "1545 war die letzte Bibelübersetzung, an der Luther selbst mitgearbeitet hat. Ich würde annehmen, dass 2045 ein guter Anlass für eine neue Bearbeitung wäre. Und da es immer Pendelbewegungen sind, gehe ich davon aus, dass es dann wieder moderner wird." (Peter Mayr, Markus Rohrhofer, 2.11.2016)

  • Herein in die gute Stube: Auf der Wartburg hat Luther inkognito das Neue Testament in eine allgemeinverständliche deutsche Sprache übersetzt – 27 Bücher in zehn Wochen.
    foto: marco uschmann

    Herein in die gute Stube: Auf der Wartburg hat Luther inkognito das Neue Testament in eine allgemeinverständliche deutsche Sprache übersetzt – 27 Bücher in zehn Wochen.

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